Amit Mashalla - Boner Magazine Interview 2Amit Marcus ist seit April 2016 als Präventionsmitarbeiter für das Projekt „You´re Welcome – Mashallah!“ bei der Aids-Hilfe Düsseldorf tätig. Der gebürtige Israeli hat zunächst in Literaturwissenschaft promoviert und daraufhin in Deutschland unterschiedliche Forschungsstipendien erhalten. Amit hat sich erst kurz vor seinem 30. Lebensjahr geoutet und musste erhebliche Scham und Schuldgefühle überwinden, um seine sexuelle Orientierung zu akzeptieren. Kurz nach dem Coming-Out hat er sich als freiwilliger Mitarbeiter bei der Beratungs-Hotline der Israelischen Aids Hilfe engagiert. Im Rahmen dieses Ehrenamtes konnte er fundierte Grundkenntnisse über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen erwerben.

BM: Was genau ist Mashalla, und wie seid ihr auf die Idee gekommen, dieses Projekt zu starten?

AM: „You´re Welcome-Mashallah“ ist ein Präventionsangebot, das vor etwa fünf Jahren von der AIDS-Hilfe initiiert wurde. Die Zielgruppe sind männliche Migranten, die Sex mit Männern haben, sich oftmals nicht oder nur begrenzt outen wollen und sich sogar nicht als schwul oder bisexuell bezeichnen. Für diese männlichen Migranten werden Strategien entwickelt, die den Zugang der AIDS-Hilfe zu dieser Zielgruppe erleichtern sollen. Nach dem Arbeitskonzept wird die Präventionsarbeit mit MSM Migranten bezüglich HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen erst dann möglich, wenn sie mit größerer Offenheit und Selbstakzeptanz über ihre Sexualität reden können. Ein wichtiger Zugangsweg zu schwulen und bisexuellen Migranten sind Onlineportale. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, eine Homepage für das Projekt (www.mashallah-nrw.de) zu erstellen, die in den kommenden Monaten in fünf Sprachen (Englisch, Arabisch, Türkisch, Französisch und Deutsch) freigeschaltet werden soll.
Außerdem ausschlaggebend für den Erfolg des Projekts ist die Zusammenarbeit mit Einrichtungen für Migranten und Integrationsämtern. An diesem Projekt nehmen vier Städte in NRW teil: Bochum, Dortmund, Düsseldorf und Essen. Alle Mitarbeiter haben einen Migrationshintergrund und sprechen mindestens eine zusätzliche Sprache außer Deutsch und Englisch. Ich bin der neue Landeskoordinator des Projekts. Die Landeskoordination wechselte bereits 2014 von Essen nach Düsseldorf.

BM: Was sind die häufigsten Probleme, die schwule und bisexuelle Migranten in Deutschland erleben?

AM: Die häufigsten Probleme bei schwulen und bisexuellen Migranten sind meines Erachtens nach größtenteils nicht sehr anders als bei heterosexuellen Migranten: Die großen Unterschiede zwischen der Herkunftskultur und der neuen herrschenden Kultur löst meistens ein mehr oder weniger starkes Gefühl von Heimweh aus, auch wenn das Leben im Herkunftsland in vieler Hinsicht wesentlich schlechter war. Die Migranten sollen sich ein neues soziales, und manchmal auch ein neues familiäres Umfeld schaffen. Die mangelnden sprachlichen Kenntnisse von neuen Migranten erschweren nicht nur die Kommunikation im Alltagsleben, sondern auch den Zugang in das deutsche Gesundheitssystem, sozialrechtliche Systeme und zu einer passenden Arbeitsstelle. Diese Grundprobleme können auch das Selbstwertgefühl von Migranten beeinträchtigen. Ein Isolationsgefühl des Migranten wird vermieden bzw. erleichtert, wenn er zusammen mit Freunden oder Bekannten aus dem eigenen Land nach Deutschland einwandert, jedoch kann dies andere Probleme auslösen: Eine Art Ghettoisierung und dementsprechend eine größere Abhängigkeit des Migranten von anderen Migranten, anstatt einer gelungenen Integration in die Mehrheitsgesellschaft. Bei schwulen Migranten bestehen zusätzliche Probleme: Sie leben oftmals in einer ständigen Diskrepanz zwischen den konservativen Werten ihrer Herkunftsgesellschaft und den liberalen Werten der deutschen Gesellschaft. Diese innere Spaltung kann nicht so einfach gelöst werden, weil die konservative Gesellschaft auch Vorteile für die Betroffenen birgt, wie etwa ein Zugehörigkeitsgefühl (Solidarität). Insbesondere heftig ist die Diskrepanz zwischen einer Religion, die sagt, dass das (offene) Leben als schwul eine gravierende Sünde ist und einer Botschaft der westlichen Welt, dass Individualismus, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung auszuleben sind.
Allerdings leben viele Migranten eine sehr lange Zeit oder sogar lebenslang mit diesem Widerspruch. Wie bereits dargestellt, gibt es keine einheitliche Gruppe von schwulen und bisexuellen Migranten in Deutschland, sondern heterogene Gruppen. Die Gruppen unterscheiden sich durch viele Kriterien, wie zum Beispiel der Muttersprache und der Herkunftskultur, der Dauer des Aufenthalts in Deutschland sowie dem Aufenthaltsstatus (z.B. Flüchtlinge, Migranten mit einem befristeten/unbefristeten Aufenthaltsstatus) und nach der Fähigkeit oder dem Willen, sich als schwul bzw. bisexuell zu bezeichnen und mit der eigenen sexuellen Identität offen zu leben.

BM: Was kann man als normaler Schwuler tun, damit sich Migranten hier besser integrieren?

AM: Meiner Meinung nach ist der wichtigste Schritt für eine gelungene Integration von schwulen und bisexuellen Migranten in Deutschland das Kennenlernen von Schwulen und Bisexuellen ohne Migrationshintergrund. Eine Voraussetzung für ein solches Kennenlernen ist das Interesse beider Seiten, sich für andere Lebens- und Denkweisen zu öffnen.
Natürlich hat jeder von uns – häufig unbewusste –Vorurteile gegenüber anderen Gruppen, jedoch können diese Vorurteile nur durch unmittelbare Kommunikation abgebaut werden. Ich sehe ein solches gegenseitiges Kennenlernen auch als Möglichkeit für die Weiterentwicklung der eigenen Identität. Darüber hinaus halte ich die Akzeptanz von schwulen und bisexuellen Deutschen für sehr wichtig, da das Coming-out für viele Migranten nicht unbedingt die passende Lösung für die Unstimmigkeiten in ihrer Identität sind. Die Ängste und Risiken, die mit dem Coming-out in traditionellen bzw. patriarchalischen Gesellschaften verbunden werden, sind oft für die Betroffenen zu gravierend. Daher können Bevormundung und Vorschläge wie „Erzähl einfach deine Eltern, dass du schwul bist“ oder „Du musst dein Familienhaus verlassen, auch wenn es zu einem Kontaktabbruch mit deinen Eltern führt“ bei vielen Migranten eine noch stärkere Verzweiflung auslösen und das Gefühl erzeugen, von niemandem verstanden zu werden. Ein viel besseres Angebot für diese Migranten wäre, mit ihnen zusammen alle ihre Handlungsalternativen zu berücksichtigen und mögliche Konsequenzen einer Entscheidung zu analysieren. Die Entscheidung muss ja letztendlich jeder für sich alleine treffen.

Interview: Torsten Schwick

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