Wer ist Nikita?

Nikita posiert in der Nähe der Nanyang Academy of Fine Arts.

Im strengsten Staat der Welt sind Dragqueens die wahren Rebellen. Autor Jeff Arlo Brown wagt sich hinter die Kulissen einer faszinierenden Szene.

An einem warmen Freitagabend im Dezember stehe ich mit dem 21-jährigen Dan vor einem Dessous-Laden in Downtown Singapur. Er blickt aufgeregt hinein: Gibt es hier, was er braucht? Sein Blick bleibt schließlich auf einem hellbraunen Korsett, Marke „Yusheng“, haften. Er nimmt seinen Mut zusammen, betritt den Laden und spricht die Verkäuferin an. Auch wenn es ihr komisch vorkommen sollte, die kleine, tantenhafte Frau mit den langen, schwarzen Haaren lässt sich nichts anmerken, als sie den zarten Asiaten mit dem frechen Gesicht bei seiner Suche berät. Sie will ihm einen spitzen, schwarzen Oberkörper-BH andrehen, aber Dan bleibt unbeirrt. Er sucht etwas, das seinen Oberkörper zusammendrückt und seine Figur verändert. Ein Korsett eben.

Wozu? Er wird sich später am Abend in eine Dragqueen verwandeln. Genauer: in eine Drag-Debütantin. Dan ist nämlich nicht nur aufgeregt, weil er in einem konservativen Land in Südostasien ein Korsett kaufen will. In einigen Stunden wird er zum ersten Mal in Frauenkleidern auf der Bühne stehen. Gestern gab er daher etwa 120 Singapur-Dollar, etwa 75 Euro, für Schminke aus, natürlich vom Top-Anbieter Kryolan. Zur Auswahl standen die Nuancen Kurkuma, Kümmel, Zitronengrass, Lavendel, Litschi, Limette, weißer Pfeffer und Aubergine. Er wählte eine, die seinem Teint entspricht, eine rabenschwarze Perücke mit dem Namen Donatella hat er bei Wigs and Grace, einen Modespezialisten für Dragqueens aus Texas, bestellt. Die Lieferzeit für die Zweitfrisur betrug einen ganzen Monat, sie ist etwa 15000 Kilometer gereist.

Dan stammt aus Singapur, seine Familie ursprünglich aus Malaysia. Er ist Muslime, nicht streng gläubig, aber er versucht dennoch, halal zu essen, und weiß, dass es Allah gibt. Gesprächspausen überbrückt er am liebsten mit der Darbietung amerikanischer Popsongs. Im Moment leistet er seinen Zivildienst auf einer Feuerwache und ist dort in der Verwaltung eingesetzt. Er raucht eine Schachtel Menthol-Zigaretten pro Tag und ist schwul. Ab und zu schminkt er sich und kleidet sich wie eine Frau, aber nur in der Wohnung seiner besten Freundin Keisha.

Dan findet schließlich ein einfaches, schwarzes Korsett in Größe L und kauft es. Wir ziehen weiter durch die engen Gassen des Bugis Street Market. Grellbunte Souvenirs in den Auslagen der Geschäfte buhlen mit den vielen aromatischen Düften der Streetfood-Anbieter um die Sinne der zahlreichen Passanten. Nachts leuchtet das sonst eher sterile Singapur in Neontönen auf, unverkennbar asiatisch und doch sichtlich europäisch. Ich lasse mich hinter Dan treiben und sauge die fremden Eindrücke in mich auf. Plötzlich halten wir an, ein goldenes Kleid in einem Schaufenster fesselt Dans Aufmerksamkeit. Eine Frau, die im Shop nebenan Massagen anbietet, beobachtet ihn amüsiert. Doch er geht unbeeindruckt weiter, Gold ist eh nicht seine Farbe. Bald erreichen wir einen Laden, der eine noch größere Auswahl an verrückter Frauenkleidung anbietet. Dort findet er ein Kleid, das im Schnitt dem goldenen Fummel ähnlich ist, doch in silber, was besser zu seinen Schuhen passt. Und als wäre nichts dabei, kommt auch schon eine Verkäuferin auf ihn zu und versucht, ihm ein teureres Kleid schmackhaft zu machen. Dan hört ihr geduldig zu und kauft dann doch das günstigere Kleid.

Wir kehren in mein winziges Hotelzimmer zurück, in dem er sich für die Nacht zurecht machen wird. Keisha trifft mit etwas Verspätung ein, natürlich will sie mit dabei sein. Die aufgeweckte Bankangestellte ist im gleichen Alter wie Dan. Sie bewundert ihren schwulen Freund, liebt und unterstützt ihn. Man merkt sofort, wie wohl und sicher sie sich in seiner Gegenwart fühlt. Sie muss auf dem Klodeckel Platz nehmen, so klein ist der Raum. Die Perücke „Donatella“ platziert er geschickt auf einer großen Wasserflasche und singt zu „Macho Man“ von The Village People mit, während er sich schminkt. Acht Minuten nach Mitternacht – „It’s Raining Men“ lief bereits dreimal, Rihannas „Higher” zweimal – ist er soweit. Seine Brust steckt im Korsett fest, sein Penis ist zwischen seinen Beinen eingeklebt und die schönen, dicken Augenbrauen hat er mit einer Foundation verdeckt und neu bemalt. Seine unrasierten Beine sind unter drei braunen Strumpfhosen verdeckt, die deutlich heller als seine echte Haut sind. Von Dan bleibt jetzt nur noch eine Ahnung. Vor mir steht die Dragqueen Nikita.

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Der Strafgesetz-Abschnitt 377A verbietet in Singapur Sex zwischen Männern. Das gilt auch für einvernehmlichen Sex in privaten Räumen. Streng genommen kann man dafür im Gefängnis landen. In den letzten Jahren haben zwei schwule Pärchen den Staat  mit dem Argument verklagt, dass das Gesetz ihren Anspruch auf Gleichberechtigung unter dem Grundgesetz verletzt. Am 28. Oktober 2014 entschied der Court of Appeals, das oberste Gericht im Land, gegen sie: „Die Absicht des Gesetzes ist legitim, wegen des Gewichts der historischen Praxis und der tiefen Überzeugungen zu den Themen Familie und Geburt.“

Auch in der Öffentlichkeit besteht das Risiko, dass man als Dragqueen erwischt und geoutet wird.

Trotzdem ist Singapur nicht mit Russland oder Saudi Arabien zu vergleichen. Verstöße gegen den 377A werden nicht von der Polizei geahndet, die Erpressbarkeit entfällt somit. Keiner der schwulen Männer, mit denen ich während meines fünftägigen Aufenthalts gesprochen habe, schien tatsächlich Angst zu haben, aufgrund seines Sexlebens in den Knast wandern zu müssen. Außerdem wird Singapur so streng überwacht, dass es im öffentlichen Raum kaum Kriminalität gibt, also auch keine Übergriffe auf Schwule.

Das Land bietet einigen Staatsbürgern großzügige Unterstützung beim Immobilienkauf durch das Housing and Development Board (HDB) an, jedoch nur verheirateten Paaren und Singles über 35. Die Mieten werden von reichen Zugezogenen und ehrgeizigen Immobilieninvestoren in die Höhe getrieben. Klamotten, Cocktails – all das hat seinen Preis. Vor allem für einen 21-jährigen schwulen Jungen, der vom seinem Zivildienstsold leben muss. Dan wohnt daher zu Hause bei seiner Mutter und den jüngeren Geschwistern. Sein Drag-Equipment versteckt er bei Keisha, deren Mutter dafür offen ist. Fotos und Videos von sich als Dragqueen verschlüsselt er in seinem Handy mit einer App, die sich als normaler Taschenrechner ausgibt.

Auch in der Öffentlichkeit besteht das Risiko, dass man als Dragqueen erwischt und geoutet wird. Für Dan kommt es beispielsweise nicht in Frage, als Nikita die saubere, sichere, und effiziente U-Bahn zu nehmen. Der Grund dafür heißt Stomp, eine Smartphone-App, mit dem „bürgerliche Journalisten“ fremde Leute filmen und fotografieren können, vor allem, wenn sie etwas Falsches machen. Die App wird von der Strait Times, einer der größten Zeitungen Singapurs betrieben. „Ihr seid unsere Augen und Ohren“, heißt es in der Beschreibung. „Viel Spaß beim Stomp-ing“. (To stomp bedeutet auf Englisch Stampfen.) Dan ist sicher, dass er dort auftauchen würde, sollte er als Drag die U-Bahn nehmen. Ich habe mir Stomp heruntergeladen. In den Beiträgen beschweren sich die Leute über Zugausfälle oder filmen öffentliche Streits. Das kleingeistige Tool beschreibt Dan als Platform für öffentliches Beschämen. Stomp und die Strait Times gehören zu Singapore Press Holdings, einem staatlich kontrollierten Medienkonzern. Mehrere Dragqueens, die ich in Singapur traf, berichteten mir von Problemen mit einem weiteren Medien-Konzern, der Mediacorp. So sei bei Fernsehproduktionen von Mediacorp zwei schwulen Männern mitgeteilt worden, dass sie sich diskreter benehmen müssten. Die Tänzer der Gruppe hatten wohl Hosen und Hemden in verschiedenen Farben an und sollten sich komplett in schwarz kleiden, sonst wäre es ihnen zu schwul. Die Zensur der Medien ist ausdrücklich und offen vom Staat gesteuert.

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Der große Moment ist gekommen und Dan steigt aus dem Taxi,  mit Keisha und mir im Schlepptau. Zielstrebig geht er auf den Eingang des schwulen Clubs Peaches zu. Sofort wird er von einer Schar junger Männer umringt. Sie wollen ihn abchecken, bewundern, verunsichern. „Wenn du so geil aussiehst, musst du selbstbewusst sein“, flüstert mir Dan zu. „Niemand mag eine unsichere Queen.“ Wir betreten den Club. Ein großes Pfirsich-Emoji in Neon und ein Zitat von RuPaul schmücken die Wand. Junge, schwule Pärchen tanzen zu Techno-Remixes von Popsongs, hier ziehen Kellner Kreditkarten durch Lesegeräte und dort wird rumgeknutscht. Es ist stickig und laut, Dan macht seine Runde und scheint sich wohl zu fühlen. Ich gehe nach draußen, um etwas Luft zu schnappen, und lerne die Queen Vyla Virus kennen, die gerade eine Pause macht. Sie tritt hier regelmäßig als Teil des Performance-Acts Slay Belles auf. Ich frage sie, ob sie sich an ihren ersten öffentlichen Auftritt als Dragqueen erinnern kann. „Klar“, sagt sie. „An meinem ersten Abend wurde ich von einem Hetero-Typen angemacht. Er dachte, ich sei ein Mädchen und nahm mich mit nach Hause. Als ich ihm dann sagte, dass ich nicht das bin, was er denke, erwiderte er bloß, dass das kein Problem sei, weil er abenteuerlustig ist. Jackpot! Sex, Schätzchen! Das war ein guter Anfang.“

Die Dragqueens Arya Dunn und Vyla Virus gönnen sich eine Pause zwischen zwei Auftritten.

Keisha und Dan kommen heraus, sie hilft ihm mit seiner Perücke, die ein bisschen unter der Luftfeuchtigkeit leidet.  Ein junger Mann gesellt sich zu uns, der sich als Hirzi, eine berühmte YouTube-Persönlichkeit aus Singapur, herausstellt. Dan ist total beeindruckt und etwas überfordert. „Wenn ich mit dir ein Bild mache und es auf Instagram poste, reagierst du denn darauf?“, fragt er ihn. „Ich werde den Post lesen, aber nicht darauf antworten“, grinst Hirzi zurück. „Wenn du Dragqueen sein willst, musst du auch kontern können“, provoziert er Dan. „Glaub an dich selbst, um Gottes Willen.“ – „Ich schaue deine Videos seit ich 12 bin“, antwortet Dan leise. „Toll!“ entgegnet Hirzi. „Jetzt fühle ich mich steinalt!“

Dan trinkt nicht viel in dieser Nacht, raucht dafür ständig und verbringt so mehr Zeit auf dem Parkplatz als im Club. Gegen 3:20 Uhr ist die Luft raus. Gemeinsam verlassen wir den Ort und nehmen ein Taxi. Zurück im Hotelzimmer zieht sich Dan das Korsett aus und wäscht die Schminke ab. Es ist etwa 5 Uhr. Auf die Frage, ob der Abend für ihn gut verlaufen sei, meint er: „Ich kann meinen Charakter als Dragqueen verbessern. Ich war eher Dan und weniger Nikita.“ Sonst war es ein riesiger Erfolg. Dan hat viel Aufmerksamkeit bekommen und Komplimente erhalten, und er hat sich umheimlich unterstützt gefühlt. „Ich bin müde, aber meine Seele freut sich.“

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Drag ist keine schüchterne Kunst. Die übertriebene Weiblichkeit, das Spiel mit den Geschlechtern und der schwule Sextrieb passt nicht wirklich gut in die singapurische Gesellschaft. Das Modell Vater-Mutter-Kind gilt hier als Ideal. Doch Damenimitation blüht dort derzeit regelrecht auf. An einem anderen Tag treffe ich mich mit Desmond Charles Perry-Wong, Drag-Name DeEnormouS. Er ist 39 Jahre alt und eine der erfahrensten Dragqueens der Stadt. Er trägt eine schwarze Kappe mit DeEnormouS in roter Schrift und der Flagge Singapurs darauf, seine Arme sind mit Tattoos übersäht. Er erinnert sich daran, wie er als kleiner Junge mit Reststoffen seiner Tante, die Näherin war, spielte und sich als Mädchen verkleidete. Später studierte er dann Tanz und einer seiner Lehrer fragte ihn, ob er die Choreographie nicht mal auf Absätzen versuchen wolle. Für seine erste Imitation wählte er keine geringere Persönlichkeit als Dolly Parton aus. Er zählt mir von den Anfängen der Drag-Kultur in Singapur.

„Wenn man hier das Wort Dragqueen hört, denkt man sofort an Kumar“, sagt Perry-Wong. Die Szene sei aber deutlich offener geworden. „Innerhalb der letzten zwei Jahre ging das alles sehr schnell“, sagt er. „Auf einmal ist Drag eine Kunstform.“

Alles begann mit Kumar, einem Komiker indischer Herkunft. Dieser trat in den 1990er-Jahren als Frau auf und erzählte in der Rolle Witze auf der Bühne, beides war zu dem Zeitpunkt in Singapur ein komplettes Novum. Er schaffte es, die Verwirrung, die er auslöste, in Ruhm umzuwandeln und outete sich in seiner Autobiographie von 2011 sogar als schwul. „Wenn man hier das Wort Dragqueen hört, denkt man sofort an Kumar“, sagt Perry-Wong. Die Szene sei aber deutlich offener geworden. „Innerhalb der letzten zwei Jahre ging das alles sehr schnell“, sagt er. „Auf einmal ist Drag eine Kunstform.“ Der Grund: RuPauls Drag Race, die Casting-Show für Drag Queens. Die gibt es zwar bereits seit 2008, doch ist die Show erst seit 2015 weltbekannt und Teil des Medien-Mainstreams.

Drags in Singapur sprechen die Sprache von Drag Race fließend: Fish steht für eine Dragqueen, die wie eine echte Frau aussieht. Trade für Sex, Reading und Shade für subtile Beleidigungen, mit den Worten Yas und Gurl drückt man Enthusiasmus aus. Finalistinnen und Gewinnerinnen von Drag Race wie Naomi Smalls, Kim Chi, and Bianco del Rio sind alle bereits in Singapur aufgetreten. Doch kann deren Beliebtheit auch leicht zu einer geringeren Wertschätzung der ansässigen Dragqueens führen. Kim Chi brachte es in einem kürzlich geposteten Tweet auf den Punkt: „Wenn du den Namen jeder Queen von Drag Race kennst, aber keine zehn Queens in deiner Stadt, dann bist du ein Fan von Drag Race, aber nicht von Drag.“ Es fällt vielen leichter, die amerikanischen Stars den lokalen Performern zu bevorzugen. Vielleicht weil es für eine Dragqueen, die vor einem steht, keine Fernbedienung zum Ausschalten gibt?

„Es gab eine Zeit, wo mich manche Freunde unheimlich genervt haben“, erzählt Perry-Wong. „Sie wollten unbedingt so eine Dragqueen von Drag Race live sehen und waren bereit, dafür Flug und Hotel zu bezahlen. Aber bei meiner Show, wo die Karte zehn Singapur-Dollar kostet, wollten sie natürlich auf die Gästeliste.“ Mir fällt auf, dass Dan immer wieder von Drag Race erzählt. Diese Queens sind für ihn wie Sternbilder am Himmel, Lichter, durch die er seinen Weg zu einer eigenen Ästhetik findet. Er ist einer jener Drag-Fans, der Drag Race besser kennt als seine heimische Szene.

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Wie Singapurs erste Dragqueen Kumar, hatte auch Dan einen Vater, der Alkoholiker war und der ihn verprügelt hat. Als Dan klein war, trennten sich die Eltern, worauf seine Mutter in eine tiefe Depression verfiel. Dan musste sich um seine jüngeren Geschwister kümmern.

Immer noch hat er Alpträume, in denen der Vergewaltiger kein Gesicht, dafür aber Krallen hat. Dan litt jahrelang unter Bulimie und hat mehrmals versucht, sich umzubringen. Seiner Mutter hat er nie erzählt, was passiert ist, aus Scham. „Es hätte schlimmer laufen können“, erklärt er mir.

So wurde er schnell erwachsen, wusste bereits mit zwölf Jahren, dass er schwul ist. Im Internet lernte er einen älteren Mann kennen, der sich für ihn interessierte und für seine Probleme ein offenes Ohr hatte. Eines Tages verabredeten sie sich, der Mann lud Dan ein, ihn in seinem Auto etwas herum zu fahren. Dann hielt er irgendwo auf einem einsamen Parkplatz und nötigte Dan dazu, seinen Penis zu berühren. Er zwang ihn dazu, ihn oral zu befriedigen, bevor er ihn überwältigte, auf den Rücksitz beförderte und dort anal vergewaltigte. Dan erzählt, dass er geheult und geschrien habe, dass er aufhören solle. „Ich weiß nicht, wie der Mann das genießen konnte“, sagt er. Nach der Vergewaltigung bot er Dan an, ihn nach Hause zu fahren. Dan müsse aus dem Auto raus und vorne wieder einsteigen. Kaum hatte Dan die Tür geschlossen, fuhr der Mann weg. Er sah ihn nie wieder.

Immer noch hat er Alpträume, in denen der Vergewaltiger kein Gesicht, dafür aber Krallen hat. Dan litt jahrelang unter Bulimie und hat mehrmals versucht, sich umzubringen. Seiner Mutter hat er nie erzählt, was passiert ist, aus Scham. „Es hätte schlimmer laufen können“, erklärt er mir. „Während es geschah, habe ganz ehrlich gedacht, dass er mich töten wird.“ Die Therapeuten, die er deswegen aufgesucht hat, sagten ihm, dass er das Ganze am besten vergessen solle. Seine „Mädchenprobleme” existierten lediglich in seinem Kopf.

In Amerika sagt man to do drag, in Singapur ist es anders. Drag Queens benutzen to drag als Verb. Ich liebe diese Formulierung, weil so das Tun und das Sein in einem Ausdruck zusammengefügt werden. Die Gesellschaft in Singapur sagt schwulen Männern, sie werden in Ruhe gelassen, solange sie unauffällig sind. Indem sie draggen, lehnen die Queens diesen Kompromiss ab. Sie stehen zu diesem zerbrechlichen Kern der schwulen Identität. Sie vertreten ihn und tragen ihn laut und offensiv auf Bühnen zur Schau. Dan glaubt sogar, dass das Draggen ihm helfen, ihn vielleicht sogar retten kann. „Es ist so, als führe man ein Doppelleben, aber du bist immer noch du selbst. Und über diese eine Person – die Dragqueen – hast du die komplette, kreative Kontrolle.“

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Am Samstagabend haben Dan und ich eine Verabredung  mit Vanda Miss Joaquim. Sie trägt ein Outfit aus schwarzem Leder von Moschino, dazu einen riesigen, goldenen Halsreif und Strapsen. Sie erzählt uns von ihren Anfängen als Dragqueen. „Ich war süß, dümmlich und feminin“, sagt sie. „Aber nach einigen Jahren habe ich erkannt, dass ich lieber dominant und stark sein möchte. Ich schüchtere die Leute gerne ein.“ Dan erzählt ihr von seinem Zivildienst. Vanda leistete ihren im Strafvollzug ab, Abteilung Ang Mo Kio. „Ich trug falsche Wimpern und Make-up. Mein Vorgesetzter sagte: Offizier, was haben Sie da an? Ich sagte: Das ist Mode. Müssen Sie halt akzeptieren.“ Sie musste damals auch verurteilte Kriminelle ins Gefängnis eskortieren. Die haben sie erst einmal ausgelacht. „Ich sagte denen: Du lachst mich aus, im Ernst? Dabei musst du doch ins Gefängnis. Keine Bewegung!“ Vanda lacht laut und wild, während sie diese mutigen Eskapaden erneut durchlebt.

Vanda Miss Joaquim

Dan fragt sie, ob sie Tipps für junge, unerfahrene Dragqueens in Singapur habe. „Zuerst musst du dich fragen, ob du das wirklich machen willst“, sagt sie. „Manche deiner Freunde werden sich von dir abwenden. Und es wird schwer, neue zu finden. Und eines Tages finden es deine Eltern schon noch raus. Bist du dafür bereit?“ Dan schaut Vanda in die Augen und nickt.

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Bevor ich wieder abreise, muss Dan für mich noch einmal zu Nikita werden. Schließlich brauchen wir noch Fotos. Wir verabreden uns für Sonntag Nacht, damit wir möglichst wenig Leute auf der Straße treffen. Auf meinem Hotelzimmer,schminkt sich Dan diesmal ohne Keishas Hilfe und ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Yas“, bestätigt er seinem Spiegelbild. Doch kaum auf der Straße angekommen, wird er nervös. Es geht nicht in einen Club oder anderen sicheren schwuler Ort. Zwei Männer laufen an uns vorbei und sprechen miteinander auf Mandarin. Dan versteht sie und übersetzt für mich: „Scheiß Schwuchtel-Transe.“

Nikita posiert in der Nähe der Nanyang Academy of Fine Arts.

Sichtlich verunsichert, aber keineswegs ohne Kampfgeist, führt mich Dan zu der Location für das Foto-Shooting: eine Wand mit Graffiti, die wohl nur deswegen toleriert wird, weil sie zur hiesigen Kunsthochschule gehört. Um vor der Wand posieren zu können, muss Dan erst noch über ein Absperrband steigen. Von Angst keine Spur mehr, Nikita kennt die Regeln und bricht sie. Er beginnt, für mich zu posen. Dabei improvisiert er, steckt seine Zunge raus und tut so, als würde er zwei Graffiti-Nippel lecken. Er zeigt den Mittelfinger und schneidet Grimassen, kein bisschen mehr eingeschüchtert. Dan hat es geschafft und sich nochmals in eine komplett andere Person verwandelt. Wir sind etwa anderthalb Stunden beschäftigt. Es ist eine kurze Zeit der Glückseligkeit, auch wenn wir wissen, dass sein Leben ab hier nicht einfacher wird.

Text & Fotos: Jeffrey Arlo Brown

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