Karaoke ist weltweit als Partyspiel bekannt und hat innerhalb von vierzig Jahren beinahe in jeder Kultur der Erde Fuss gefasst.

1971 vermietete erstmals ein Herr Daisuke Inoue aus Osaka elf Geräte an Bars im süd-japanischen Kobe. Diese Idee des gemeinschaftlichen Singens brachte ihm 2004 sogar den Ig-Nobelpreis ein, jene satirische Auszeichung, die jedes Jahr an der Harvard Universität für Erfindungen, die „die Leute erst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“ verliehen wird. Dort ehrte man Inoue für die Verfügungstellung „eines vollkommen neuen Wegs, wie Menschen lernen können einander zu tolerieren“.  Schon fünf Jahre zuvor führte ihn das Time Magazin als einen der hundert einflussreichsten Asiaten des Jahrhunderts.

Für etwas Geniales bin ich immer zu haben und somit bereit, zuerst zu singen, dann zu lachen, und dann nachz  udenken. Direkt gegenüber den Bahnhöfen Warschauer Strasse treffe ich Veranstalter Jon Campbell am Donnerstag bei „Gayhole“ im Monster Ronson‘s Itchiban Karaoke. Die Bar ist lang, und die Lounge bietet viel Raum für den Pult des Karaoke Jockeys und eine Tanzfläche. Die Kabinen nennen sich „Elvis“, „Freddy“ oder „Whitney“ und können stundenweise gemietet werden. Durch den Abend wird ein geheimnisvoller KJ namens Roman Showers nach Wunsch auflegen, der zuvor die gesamte Bar mit wissenschaftlichen Abbildungen zum Thema „Schwarze Löcher“ verziert hat. Hier geschieht definitiv etwas auf universeller Ebene. Und ich bin neugierig auf das Separee, an dessen Tür das unverkennbare Poster des Events hängt und ein „Gayhole“ verspricht.

Jon, was hat es mit dem komischen Logo auf sich?

Eigentlich wollten wir eine schwule Veranstaltung machen, aber haben immer so viel heterosexuelles Laufpublikum. An der Tür schreckt das Poster dann schon viele Leute ab. Der Besitzer des Ladens wollte einen queeren Tag in der Woche machen, und mit diesem Logo wollten wir einfach sehr „in your face“ sein.

Also ist Karaoke sehr beliebt in Berlin?

Ja, der Laden brummt. Normalerweise wird es aber erst nach Mitternacht voll wie überall in Berlin. Die Leute kommen hierher, weil Karaoke viel Spaß macht und es auch therapeutisch ist. Man baut Spannungen ab und kann über sich selbst lachen oder sich wirklich ausprobieren und durch die Stimme ausdrücken. Die gute Atmosphäre entsteht dabei von selbst. Das ist das Schöne: Niemand muss zwingend etwas beisteuern. Einfach zuhören oder selbst singen.

Was ist das Gayhole?

Dort kann es sehr sexy zugehen. Der Raum ist abgedunkelt und die drei Kabinen “Amy”, “Whitney” und “Micheal” können zum Darkroom werden. Im Gegensatz zu den anderen Kabinen, die man mieten muss, stehen diese umsonst zur Verfügung. Das Motto der Party ist: DARKROOM BOXHOPPING – DANCEFLOOR KARAOKE. „Boxhopping“ bedeutet, man darf sich trauen, in jede Kabine reinzugehen, auch wenn andere Leute schon drin sind. Die Kabinen sind daher offen und abgedunkelt, um die Kontaktaufnahme, ein Kennenlernen und auch mehr zu fördern.

Beim Singen einen geblasen bekommen stelle ich mir aufregend, aber seltsam vor.

Hehe, doch es geht – ist mir jedenfalls berichtet worden! In Japan wirkt Karaoke sogar wie eine Art Vorspiel. Dort leben die Menschen viel traditionsbewusster, und Paare lernen sich oft über einen Karaoke-Abend kennen. Man merkt beim gemeinsamen Singen schon, ob das was wird im Bett.

Was liebst du an Berlin?

Einige der interessantesten Menschen auf diesem Planeten leben hier. Man kann noch recht entspannt existieren, weil sich nicht alles ums Geld dreht. Ich denke, dass die Menschen hier noch die Stadt beherrschen und nicht umgekehrt.

Gegen 2 Uhr ist der Laden voll genug und ich singe auch schon angetrunken laut ins Mikro und tanze ab wie ein Zirkuspony.

Umgeben von queeren Punks, Alternativen und Normalos kann über mich lachen, ausgelacht werde ich nicht. Das fühlt sich überaus befreiend an. Durch die ständige Action auf der Tanzfläche kommt man gut ins Gespräch mit allen – und dann passiert das Unglaubliche: Laufpublikum in Form von fünf sehr heißen Hetero-Kerlen übernimmt förmlich die Party. Nach drei Liedern und einer gewonnenen Pulle Sekt ziehen sie sich dankbar komplett auf der Tanzfläche aus und flirten, was das Zeug hält.

Ich singe auch mit ihnen, und prinzipiell würde das im Bett wohl was werden. Die Nacht bleibt für mich zwar – nur – ein tolles Vorspiel, aber ich habe etwas über “Schwarze Löcher“ gelernt. Wer den Ereignishorizont erreicht, kommt so schnell nicht wieder raus. Das letzte Bier trinke ich auf Herrn Inoue, der leider vergessen hatte, ein Patent auf die Geräte anzumelden. Er entwickelte daraufhin ein Pestizid zur Bekämpfung von Kakerlaken und Ratten, die die Elektronik von Karaokemaschinen zerstören. (ts)

Monster Ronson‘s Ichiban Karaoke | Warschauer Strasse 34
10243 Berlin – Friedrichshain | Telefon 030 – 89 75 13 27
Bar geöffnet täglich ab 19 Uhr| www.karaokemonster.de

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