Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch finden sie sich zu einem Plausch an den Boner Redaktionstisch ein. Gaby Tupper, amtierende MISS*ter CSD Berlin, und Jens Walker, amtierender Mister Leather Berlin, im Gespräch über Community und Krönchen.

Welche Unterschiede bestehen zwischen einer MISS*ter CSD und einem Mister Leather?

Gaby: Also, bei einer Miss CSD-Wahl oder ähnlichen Wettbewerb, würde eine Tunte oder Drag-Queen nie betrunken oder unter Drogeneinfluss auf die Bühne gehen. Dafür nehmen wir den ganzen Kram viel zu ernst! (lacht)

Jens (lacht nicht): Also dazu gibt es sehr verschiedene Auffassungen bei den Lederkerlen. Es gibt einige, die nehmen es sehr ernst. Andere nehmen es mit einem Lächeln. Gemeinsam ist uns aber hauptsächlich, dass wir alle unsere Community national und international vertreten und für Sichtbarkeit und Toleranz der Fetisch-Szene werben wollen. 

Foto: Mark Esper

Welche persönlichen Gründe habt oder hattet ihr, den Titel zu tragen?

Jens: Jahrelang gab es keinen Berliner Titel, daher hat sich mir die Frage nie gestellt. Mich haben diverse Leute gefragt, ob ich das machen möchte. Am Ende passte es eben sehr gut dazu, dass ich jeden Tag für Toleranz und Akzeptanz von Unterschieden eintrete und dazu noch gerne reise.

Gaby: Na, ich habe fünf Jahre an der Wahl zur Miss CSD teilgenommen und Leute haben es auch jahrelang immer wieder gesagt, ich würde doch eh gewinnen. Und es war für mich von Anfang an ein Community-Titel, den ich mit meinem ehrenamtlichen Engagement füllen wollte. 

Gab es keine Konkurrenz?

Jens: Bei mir gab es die. Wir waren sechs Kandidaten, bis Ostern haben dann vier durchgehalten, die dann auch angetreten sind. Es war kein echter Konkurrenzkampf, weil man in so einer Situation zusammenhält. Die Wahl in Berlin ist im internationalen Vergleich sehr hart. Man wird hier eine ganze Woche lang wie Schafe über die Events getrieben. Dann muss man sich überall vorstellen und erzählen, für was man steht und welche Projekte man plant.

Jens: „Für jegliche Diskriminierung, von Ausländerfeindlichkeiten über Bottom-Shaming bis hin zu ‚du bist nicht männlich genug‘ ist einfach kein Platz.“

Wie macht man ein Wahlprogramm?

Jens: Für mich ist das wichtigste Thema der Umgang miteinander innerhalb der Szene und wie wir besser miteinander umgehen und im Prinzip netter zueinander sein können. Menschen haben halt unterschiedliche Vorstellungen davon, was die Szene ausmacht – aber für jegliche Diskriminierung, von Ausländerfeindlichkeiten über Bottom-Shaming bis hin zu „du bist nicht männlich genug“ ist da einfach kein Platz. Mein Hauptziel war und ist, die Menschen an einen Tisch zu bringen und miteinander zu reden.

Gaby: Das ist auch mein Thema und ich habe das bei Jens auch sofort gemerkt. Das hat auch von Anfang an gepasst. Jens war bei der Wahl zur Miss CSD anwesend und als ich eine kleine Zickigkeit gegen die Lederkerle machte, hat Jens am lautesten gelacht. Ich habe dann auch einige meiner Freiheiten ausgenutzt und bin etwa im Fummel in die Fetisch-Bar Scheune gegangen. Silvio, der Besitzer, weiß halt, dass ich keinen Radau mache und irgendeine Show im Keller spiele. Ich war auch mit Jens zusammen auf dem Fetish-Boot vom BLF beim CSD auf der Spree oder mit den internationalen Fetisch-Schärpenträgern auf der Bühne zur Folsom Europe. Ich erlebe natürlich die Feindseligkeiten der Lederkerle den Tunten und Drag-Queens gegenüber, aber andersrum ist es genauso. 

Was macht das mit dir, wenn du das mitbekommst?

Gaby: Ich denke meistens, wie kann es jemand wagen, über Menschen zu urteilen, die er nicht kennt? Nun bin ich schon so lange in der Szene unterwegs und habe so viele Sprüche gehört. Auch auf der Drag-Queen-Seite. Eine Performerin hat mal auf der Bühne gesagt: „Oh please don’t go to Schöneberg, there are these guys, I think they’re all a bit right-wing.“ Sie hat es dann revidiert, aber es ist so ein blödes Vorurteil, das Uniform und Leder gleich rechtskonservativ bedeutet. Aber für jeden tuntenfeindlichen Spruch gibt es auch wieder einen Jens Walker, der offen ist und die Dinge auch anders angehen will. Daher steht für mich das Schöne und das Miteinander immer im Vordergrund.

Jens: Also, ich bin von der Persönlichkeit her so gestrickt, dass ich damit einfach umgehen kann. Hin und wieder ist man verletzt, dann regt man sich eine Weile darüber auf. Aber dann rückt man das Krönchen eben wieder zurecht und geht weiter. Im echten Leben gibt es davon auch viel weniger, als man denkt. Die sozialen Medien hingegen sind voll mit Hass.

Es gibt ja auch selbst in Berlin kaum Begegnungsräume, wo diese unterschiedlichen Communities aufeinander prallen …

Jens: Ich glaube, es gibt da nur das Motzstraßenfest und den CSD.

Gaby: „Vorurteile plötzlich über den Haufen werfen und sein eigenes Verhalten in Frage stellen, macht nicht jeder gerne.“ 

Gaby: Nicht einmal beim CSD, da geht jeder in seiner Gruppe. Beim Straßenfest schon eher, da kann man wenigstens mal an den Fetisch-Ständen vorbeilaufen. Allerdings kenne ich viele Tunten, die gezielt diese Stände meiden, weil sie damit nichts zu tun haben wollen. Ich denke, das sind einerseits Berührungsängste, andererseits fühlt man sich natürlich ganz wohl mit seinen Vorurteilen. Diese plötzlich über den Haufen werfen zu müssen und sein eigenes Verhalten in Frage zu stellen, macht nicht jeder gerne. Es gab damals die BUMP-Party im alten SchwuZ am Mehringdamm, wo das alles kein Problem war. Das war wirklich eine Party, die Menschen zusammengebracht hat, Alt und Jung, Lederkerle, Drags und Tunten.

Der Spirit ist also eigentlich da, dennoch bleibt das Problem der Feindseligkeiten. Glaubt ihr denn, denn ihr habt etwas dazu beitragen können, dass sich das ändert?

Jens: Das ist eine Herkules-Aufgabe, die eine einzelne Person gar nicht schaffen kann. Ich glaube aber, ich habe hier und da ein paar Weichen gestellt, dass Dinge besser in der Zusammenarbeit funktionieren. Ein großes Thema war für mich, wie wir uns in Berlin – speziell der B.L.F. – international besser mit Kooperationspartnern absprechen. Ich habe also eher nach außen gewirkt, weniger nach innen. Ein Highlight war sicher die Schärpenträger-Konferenz in Berlin. Mit dabei waren 39 Schärperträger weltweit. Wir hatten alles dabei, vom Mister Rubber aus San Francisco in pinken Stilettos, über Mister Leather Brasilien und – ganz neu dabei – den frisch gewählten Mister Leather Russland.

Foto: Mark Esper

Das geht?

Jens: Ich war leider nicht bei der Wahl anwesend, aber viele meiner Kollegen sind tatsächlich nach Sankt Petersburg rüber und sind dort in vollem Ornat durch die Stadt spaziert. Die Reaktionen der Passanten war wohl, dass es sich um eine Motorradgruppe handelt. Homosexuelle Lederkerle kann es in Sankt Petersburg schließlich nicht geben, deswegen muss man auch niemanden verfolgen.

Gaby: Wir sind ja Botschafter unser jeweiligen Community. Aber es macht auch Spaß, die eigene Community zu verlassen und sich rechts und links umzuschauen. Ich wusste auch schon sehr früh, dass Fetisch mich interessiert. Und ich habe am eigenen Leib erfahren, wie schädlich es ist, Dinge zu unterdrücken, die man wirklich ausleben will. Es macht einen krank. Daher habe ich auch während der Zeit als Miss CSD dem Bedürfnis nachgegeben, andere Leute kennen zu lernen und mich auf Neues einzulassen. Das habe ich beitragen können, ob das jetzt viel geändert hat, weiß ich nicht..

Die beste Erfahrung als Titelträger bisher … 

Jens: Insgesamt der Zusammenhalt der europäischen Titelträger-Familie. Wir tauschen uns täglich aus und sind füreinander da. Wir haben eine eigene Facebook-Gruppe mit derzeit ca.70 Mitgliedern. Wenn ich den Titel abgeben werde, stelle ich dort den neuen Mister Leather vor und muss dann leider die Gruppe verlassen.

Gaby: Ich weiß ja, Neid macht hässlich, aber ich muss es mal sagen: Es ist echt schade, dass es nicht mehr Drag-Titel wie den MISS*ter CSD Berlin gibt. Insgesamt gibt es da nicht so viel und es wird auch nicht so kooperiert, wie Jens das schildert. Das liegt vielleicht daran, dass Drag-Queens ja auch bezahlt werden wollen, weil sie damit ihr Geld verdienen. Da möchte man natürlich nicht unbedingt die hübschere oder talentiertere Tunte neben sich haben. Aber es gibt schon eine große Drag-Familie hier. An der Stelle würde ich übrigens gerne erwähnen, dass ich noch Sponsoren suche. Make-Up und Klamotten sind ja teuer. (lacht)

Jens: Bei uns gibt es ja einen Sponsor, Mister B. unterstützt den Titel wunderbar. Aber auch hier ist das sehr knapp im Hinblick auf die Reisekosten auf das ganze Jahr verteilt. Das meiste muss man selbst zahlen.

Und was hat euch überrascht?

Jens: Wir sind in dem Jahr des Titels echt Freiwild, hier und da wird deutlich mehr gegrabscht, als ich es vermutet hätte. Generell sind die Reaktionen spannend: Es gibt viele neugierige Männer, die wissen wollten, was es mit dem Titel und der Community so auf sich hat. Andere werden nervös, wenn sie mich sehen und wieder andere machen sich lustig. Irgendwo zwischen Sex-Symbol und Witzfigur müssen dann aber am Ende doch alle einsehen, dass wir ganz normale Menschen sind, die sich jede freie Minute für ihre Community aufopfern – mal mehr und mal weniger erfolgreich.

Gaby: Also der Glamour schreckt eher ab, die normalen „Tranny-Chaser“ haben Respekt vor der Krone. Für mich war überraschend, wie viele Leute mich auf einmal wahrgenommen haben. So kam ich sehr schnell ins Gespräch. Etwa als ich einer Lesbe erklären konnte, dass wir uns als Drag-Queens nicht über Frauen lustig machen. Wir wollen ja eher zeigen, dass dieses Frauenbild total künstlich und übertrieben ist, und damit spielen wir dann.

Jens: Es ist auch wichtig, sich nicht so ganz ernst zu nehmen. Ich habe die Wahl gewonnen mit einem Lip-Sync zu Britney Spears. Das war mein Weg, ein kleines Zeichen gegen überzogene Männlichkeit zu setzen.

Würdet ihr es noch einmal machen?

Gaby: Nein. Das, was ich erlebt habe, kann man gar nicht mehr übertreffen. Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt und so viel über mich selbst gelernt. 

Jens: Ich habe mich selbst besser kennen gelernt. Vielleicht weil man so unter Stress steht und ständig etwas repräsentieren muss. Es war das vermutlich beste und schlimmste Jahr meines Lebens und ich kann jedem diese Erfahrung nur empfehlen. Aber mein Jahr ist jetzt bald vorbei und ich freue mich darauf, einen Nachfolger zu finden, der sich genauso wie ich für die Aufgaben begeistern kann.

Tipps für die NachfolgerInnen?

Gaby: Versucht nicht, andere Titelträger nach­zuahmen oder Fußstapfen zu füllen – das Titeljahr gehört euch und der Community, also findet euren eigenen Weg und macht was draus.

Jens: Lasst euch einfach drauf ein. Es ist egal, ob ihr wenig Erfahrung mit der Szene und der Community habt. Ihr habt die Chance, großartige Erfahrungen zu machen, zu Veranstaltungen eingeladen zu werden und so charmante, sexy Kerle wie Jens kennen zu lernen.

Interview: Torsten Schwick

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