Während die globale Gemeinschaft immer weiter zusammenwächst, mehren sich die Konflikte zwischen den Nationen. Ein Phänomen, das sich auch im schwulen Mikrokosmos widerspiegelt. Rassismus, Sexismus und religiöse Diskriminierung kennzeichnen mittlerweile eine Szene, die es besser wissen müsste. Ein Reality-Check mit Anna Bolika, Berlins Drag Devil Dominatrix …

Kommt ihr manchmal durcheinander, Du und die Dämonenkönigin?

Sprachlich nicht. Ihr Deutsch ist sehr gut, auch wenn sie einen starken russischen Akzent hat. Lilith ist hypersexuell, was bei einer Sexdämonin nicht weiter verwunderlich ist. Wir haben zueinandergefunden.

Verschmolzen seid ihr in der Vulkanregion von Kamtschatka, die größtenteils als Naturpark ausgewiesen ist und von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Eine Art Schutzzone, auch für spirituelle Wesen …

Das Ganze begann während der Olympiade in Beijing, als ich den Rekord im Hammerwurf der Männer gebrochen habe. Da war ich noch ein junges, zartes Mädchen vom Lande. Für die chinesischen und russischen Machismo war das ein Skandal, und so wurde ich unter Angabe von dubiosen Gründen von den Spielen disqualifiziert, meine Akten verschwanden, und ich wurde aus dem Land gejagt.

Was geschah dann?

Was bleibt einem noch, als seine Seele an den Teufel zu verkaufen und Showgirl zu werden. In einem Ritual rief ich Lilith an, und sie verstand mein Verlangen nach Vergeltung, denn sie hatte schon lange unter dem Übel, dass die Menschen begehen, gelitten. Wir verschmolzen.

Wieso leidet eine Dämonin unter dem Bösen auf der Welt?

Arbeitslosigkeit! Menschen sind teilweise so schlecht und widerlich, dass es keine Dämonen mehr braucht. Sie und viele andere Dämonen und Geister haben sich schon vor Jahrhunderten zurückgezogen, weil sie gelangweilt waren. Es gab nichts mehr für sie zu tun.

Und nun kehren sie zurück?

Es scheint so. Lilith ist jedenfalls mehr als bereit, mich in meinem Kampf gegen das Unrecht zu unterstützen. Wenn das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse aus den Fugen gerät oder die Zeit es verlangt, mischen spirituelle Kräfte schon immer mit. Es ist wohl gerade wieder so weit.

In Form einer Sexdämonin …

Wir sind Menschen und als solche auf Sexualität ausgelegt. Es ist ganz normal und von der Natur so gewollt, dass wir ständig an Sex denken. Es ist ganz klar, dass dies auch in der Spiritualität verankert ist. Lilith taucht bereits in sehr alten Schriften auf und wurde religiös recycelt, quasi „böse“ gemacht. Die Menschen schaffen sich die Hölle auf Erden und scheinen nichts dazuzulernen. Das langweilt eine Göttin auf Dauer. Viele Menschen haben den natürlichen Zugang zu ihrer Sexualität verloren. Man schämt sich oder fokussiert sich auf Oberflächlichkeiten. Wir schaffen Abhilfe.

Bildschirmfoto 2015-10-31 um 14.18.17
Photo Peter Dobias

Existenzialismus trifft auf Drag trifft auf Dämon …

Ein netter Dreier. Man sollte sich öfters treffen. Alle zusammen am besten.

Und was ist mit deinem Look? Ein echter Kinderschreck …

Es ist einmal tatsächlich vorgekommen. Ich war unterwegs zu einem Auftritt, und ein Mädchen fing an zu weinen, weil es Angst vor mir hatte. Aber ihre Freunde fanden mich echt toll und haben ihr schnell die Angst genommen. Eher erschrecken sich Erwachsene vor mir.

Dämono-homophobe Übergriffe?

Zu Übergriffen kam es nie. Ich war schon in gefährlichen Situationen, habe aber immer auf meine Vernunft gehört. Manchmal muss man sich verbal, zur Not auch körperlich, wehren. Manchmal muss man vermitteln und sich zurückziehen. Ich bin jedem zunächst respektvoll und aufgeschlossen gegenüber eingestellt. Wenn man dann auf Menschen trifft, die nicht so sind, regt meine Gestalt zum Denken an. Ich sehe zwar böse aus, bin es aber so gar nicht.

Unsere Wahrnehmung ist eben doch sehr religiös geprägt.

Ich halte mich für einigermaßen spirituell und sehe das so: Ich glaube an eine höhere Macht, aber ich sehe das agnostisch. Vielleicht gibt es eine höhere Macht. Das spielt jedoch in diesem Leben keine Rolle. Ob man betet oder meinetwegen: „Macht des Mondes, mach auf!“ herausschreit. Ob es Endorphine sind, die ausgeschüttet werden, oder ob es Geister sind, die ich rufe. Es spielt keine Rolle, solange du motiviert bist und ans Ziel kommst.

Was ist das Ziel?

Dass wir alle zueinander nett sind, uns nicht beleidigen und fertig machen aufgrund von unwichtigen Unterschieden und zumindest zusammenarbeiten. Jegliche Form von Diskriminierung muss abgeschafft werden. Davon sind wir selbst innerhalb der eigenen Szene noch weit entfernt. Wenn du Asiate oder schwarz bist, hast du oft schon aus Prinzip verloren. Wenn du lieber du selbst bist, anstatt dem Oscar für das beste Straight-Acting hinterherzuhecheln, wirst du gleich als Tucke abgestempelt. In Berlin zerfleischt man sich vorzugsweise innerhalb der Szene gegenseitig. Hier persönliche Konflikte bei Seite zu lassen und zusammenzuarbeiten wäre ein Anfang.

Interview: Torsten Schwick

 

anna 2

 

Was denkst du darüber?

HINTERLASSE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here