Diesen Dezember war Deutschlands bekanntester Porno-Hengst und HIV-Aktivist Hans Berlin im Rahmen des Welt-Aids-Tages wieder für die ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagne der Deutschen Aidshilfe unterwegs. Kreuz und quer bereiste er die Republik und klärte auf: Über Schutz durch Therapie, U=U, PrEP, und Porno! Die Highlights für euch im Überblick.  

Auftakt Greifswald 

Zu Gast beim Aktionsbündnis Queer in Greifswald e. V., 1. Dezember 2017

Im Vorfeld sagte man mir schon, dass hier nicht unbedingt offen über eine HIV-Infektion gesprochen wird. Ich wurde aber trotzdem ganz freundlich ohne Heugabeln am Bahnhof empfangen. Das Interesse war groß und der darauf folgende Kerzenlicht-Marsch über den Greifswalder Weihnachtsmarkt wirklich ergreifend.

Hans Berlin beim Aktionsbündnis Queer in Greifswald e. V.

Leipziger Lesben 

Zu Gast bei der Aidshilfe Leipzig e.V., 3. Dezember 2017

Wenig Schwule. Mehr Lesben. Warum sind diese oft politisch engagierter als schwule Männer? Bekommt man die wirklich erst, wenn man eine solche Veranstaltung in einem Darkroom anbietet? Kopfschüttel!

Happy in Hildesheim 

Zu Gast bei der Hildesheimer Aidshilfe e.V., 6. Dezember 2017

Schön voll. Auch sehr viele junge Zuhörer. In Hildesheim erregt man noch Aufsehen als Porno-Darsteller! Es war sehr schön, David Bjaouix, der vor 30 Jahren die Aidshilfe Hildesheim gegründet hatte, bei der Veranstaltung mit dabei zu haben. So viel Gutes hat sich seit damals getan – trotzdem, die Zeit der Aufklärung und der Präventionsarbeit ist nicht vorbei. Weitaus mehr Menschen müssen darüber aufgeklärt werden, dass keine Gefahr mehr von HIV-Positiven ausgeht, deren Viruslast durch eine erfolgreiche Therapie unter der Nachweisgrenze ist. „Unter der Nachweisgrenze bedeutet deswegen „nicht mehr ansteckend”! Auch der jetzt erschwingliche Zugang zur PrEP, der „Pille davor“, muss bekannter gemacht werden. Die PrEP ist so sicher wie ein Kondom, wenn dieses richtig angewendet wird. Die Aidshilfe in Hildesheim ist völlig in das schwule Leben der Stadt integriert. Aber leider fehlen dort HIV-Schwerpunkt-Ärzte und Ärzte des schwulen Vertrauens. Da muss in Hildesheim wirklich etwas passieren.

Mein München 

Zu Gast vom Sub und der Münchner Aidshilfe, 7. Dezember 2017

Meine alte Heimatstadt. Viel los. Alle Altersgruppen. Mit dabei mein Münchner HIV-Arzt Dr. Sebastian Noe. Er konnte Fragen aus der Praxis beantworten – im wahrsten Sinne des Wortes. Ja, die STIs, also Geschlechtskrankheiten, gehen nach oben, da weniger MSM (Männer die mit Männern Sex haben) Kondome verwenden. Es gibt aber Theorien, dass etwa durch die alle drei Monate stattfindenden STI-Chechups bei Männern, die die PrEP als ihre Safer-Sex-Methode nutzen, diese STI‘s wiederum schneller eingefangen und behandelt werden, und deswegen die Neuansteckungskurve wieder nach unten gehen soll. Diese Theorie wurde erst kürzlich in London bestätigt. Generell muss man bedenken, dass man sich die meisten STI‘s auch bei Kondomsex einfangen kann. Also auch hier gilt, sich regelmäßig auf STIs testen lassen. Gleiches gilt natürlich auch für “Schutz durch Therapie” – also Sex mit einem HIV-Positiven unter der Nachweisgrenze.

Ebenfalls mit dabei war ein befreundeter Psychiater, Dr. Richard Rummler. Er berichtete, dass heterosexuelle Patienten schlechter über eine HIV-Infektion informiert seien als homosexuelle. Dadurch haben diese Gegebenenfalls mehr Probleme bei einem positiven Testergebnis und suchen deswegen einen Psychiater auf. Er meinte aber, dass nicht HIV, sondern durch die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und damit verbundene Umstellung des eigenen Lebens die größere Herausforderung für seine Patienten sei. So war es damals auch bei mir.

Oha-Erlebnis in Osnabrück 

Zu Gast bei SVeN – Schwule Vielfalt erregt Niedersachsen, 8. Dezember 2017

Die Veranstaltung fand in Räumen statt, die sonst für verschiedene Selbsthilfegruppen genutzt werden. Dadurch hatte das ganze einen sehr interaktiven Character. So konnte ich neben Fragen zum Leben mit HIV auch die ein oder andere Porno-Frage beantworten: „Wie könnt ihr beim Dreh so lange hart bleiben?“ – „Da gibt’s unter anderem auch eine kleine, blaue, sehr effektive Pille.“

Mit dabei war auch Sven Lueke, der Gründer der Webseite PrEPjetzt.de, auf der es viele unentbehrliche Informationen zur PrEP in Deutschland gibt, Fragen beantwortet werden und Benutzer ihre Erfahrungen mit PrEP teilen können. Sven ist ein HIV/PrEP-Aktivist, dessen Arbeit sehr inspirierend ist. Er gab viele neue Insights zu dieser relativ neuen Safer-Sex-Methode.

Lichtblick Lüneburg 

Zu Gast bei SVeN, 9. Dezember 2017

Auch hier hatte die Veranstaltung eine intimere Stimmung – so intim, dass ich die ganze Zeit auf die Frage nach der Casting Couch gewartet habe. Hier gab es einigen Zweifel am kondomlosen Sex, vor allem von den älteren Zuhörern. Jahrelang wurde uns eingeprügelt, „gute“ Schwule zu sein und Sex nur mit Kondom zu haben. Fakt ist, dass die meisten Sexakte auf dieser Welt kondomlos passieren – sonst wären wir alle nicht hier. Wir wollen jetzt nicht eine Ansteckung mit HIV verharmlosen. Aber aufzeigen, dass es neben dem Gummi eben noch andere, gleichermaßen wirksame Safer-Sex-Methoden gibt, wie PrEP und Schutz durch Therapie. Wer weiterhin nicht auf das Kondom verzichten möchte, soll das tun. Es dürfen aber nicht diejenigen verdammt werden, die sich für eine andere Safer-Sex-Methode entscheiden. Gerade innerhalb unserer Community, die immer wieder Akzeptanz von außen verlangt, sind wir oft sehr diskriminierend, wenn sich jemand anders als unserer Vorstellung entsprechend verhält. Das ging schon 2012 so in Amerika los, als dort die PrEP zugelassen wurde. Das „Slut Shaming“ war eine böse Methode, um dem kondomlosen Sex einen ganz besonders schlechten Beigeschmack zu geben. Zum Glück hat sich das dort mittlerweile komplett geändert. PrEP wird größtenteils von allen in der Schwulenszene als sichere Safer-Sex Strategie akzeptiert.

Einsicht in Emden 

Zu Gast bei SVeN, 10, Dezember 2017

Es schneite sehr heftig am Abend unserer Veranstaltung. Trotzdem kamen für die Kleinstadt Emden relativ viele Zuhörer. Dadurch, dass der Queere Life Point Emden direkt an das Gesundheitsamt angegliedert ist, gibt es hier ein sehr gutes Testverhalten. PrEP war auch hier für viele Neuland. Aber das Interesse war groß. Und die Akzeptanz für „Schutz durch Therapie“ und U=U (Unter der Nachweisgrenze = nicht mehr ansteckend) angenehm hoch. Oft frage ich mich, wieviele meiner Zuhörer selbst positiv sind und sich in meinen Erzählungen widerspiegeln und in den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen so wie ich eine erfreuliche Erleichterung ihres positiven Lebens sehen. Da ich aber keine Veranstaltung über Krebs oder Diabetes mache, kann ich vorher leider nicht nachfragen, wer im selben Boot sitzt. Viele HIV-Positive empfinden es immer noch als sicherer, ihren Status für sich zu behalten und nur mit wenigen zu teilen. Ich hoffe, das wird sich bald ändern.

Photo: Ralf Rühmeier

Checkpoint Hamburg 

Zu Gast bei Hein & Fiete, 11. Dezember 2017

Der schwule Checkpoint Hein & Fiete lud mich mit dieser Veranstaltung schon zum dritten Mal dieses Jahr ein. Das Interesse war auch an diesem Abend sehr groß – vor allem an den Geheimnissen aus der Pornowelt, die ich zwischendurch immer gerne mit meinem Publikum teile. Hein & Fiete ist ein Vorbild für erfolgreiche PrEP-Aufklärung: So gibt es hier eine Art „PrEP-Pass“ für jeden, der sich für „die Pille davor“ entscheidet. Dank des PrEP-Aktivisten Nicholas Feustel und seiner grandiosen Idee eines Facebook-LiveStreams unserer Veranstaltung konnten wir weitaus mehr Interessenten erreichen – bis jetzt wurde das Video auf der Facebookseite vom Hein & Fiete schon über 1.400 Mal angeklickt. Wow!

Dirty Düsseldorf 

Zu Gast bei der Aidshilfe Düsseldorf e.V., 14. Dezember 2017

Grosser Andrang, da wir diese Veranstaltung in der schwulen Bar MUSK machten, in der es auch einen beruhigten Gastraum gibt. Viel Interesse auch hier an PrEP – die Düsseldorfer waren gut aufgeklärt. PrEP könnte in dieser Stadt sehr viel verändern, da Düsseldorf sehr weit vorne in der Rangliste von Städten liegt, in der sehr viele HIV-Positive leben. In Los Angeles und London etwa ist die Zahl der Neuinfektionen seit dem Beginn von PrEP drastisch zurück gegangen.

Hier kamen am Ende des Abends wieder einige Zuhörer zu mir und gestanden, dass sie “im selben Boot wie ich” sitzen würden. Ich finde es immer schade, dass man nicht offen während der Veranstaltung darüber sprechen kann. Aber auch im Jahre 2017 muss man anscheinend wegen der Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung seinen positiven Status besser für sich behalten.

Frankfurter Finale

Zu Gast bei den #loveRebels und “Hessen Ist Geil”, 15. Dezember 2017

Der krönende Abschuss. Hier luden die #loveRebels und “Hessen ist Geil” zu einer Podiumsdiskussion zum Thema: “Reiten ohne Sattel – Löst die PrEP das Kondom ab?” ein. Zu mir auf’s “Podium” gesellten sich PrEP-Aktivist Nicholas Feustel und HIV-Schwerpunktarzt Dr. Philipp de Leuw, und wir diskutierten heftigst mit reger Anteilnahme des zahlreich erschienenen Publikums über die Vor- und Nachteile von PrEP und wie “Schutz durch Therapie” dazu passen würde. PrEP ist ein Medikament, das wie jedes Medikament natürlich Nebenwirkungen haben kann. PrEP ist auch nicht fūr jeden geeignet. Andererseits, hätten wir damals während der Hochzeiten von AIDS eine Pille gehabt, die zwar keine Heilung von HIV, aber eine Ansteckung mit dem HI-Virus vermeiden könnte, dann wären vielleicht Freddie Mercury und Rock Hudson noch am Leben, und wir hätten nicht diese vielen, unnötigen Abschiede von Freunden und Verwandten hinnehmen müssen. Am Ende des Abends waren wir uns einig, dass weder PrEP noch “Schutz durch Therapie” das Kondom ablösen müssen – es ist aber auch nicht das alleinigste Mittel im Schutz vor HIV, so wie uns das vor allem als schwule Männer jahrzehntelang eingetrichtert wurde. Wir sollten uns einfach glücklich schätzen in einer Zeit zu leben, in der wir mit dem Kondom drei wirksame Safer-Sex-Methoden auf unserer Safer-Sex-Palette haben – mit der PEP (der Pille “danach”) sind es sogar vier!

Die angesprochene “Angst-Kampagne” der 90er Jahre, die bestimmt unzählige von einer Ansteckung mit HIV bewahrt hatte, kann man im Nachhinein bestimmt als erfolgreich einstufen. Wir müssen aber mit der Wissenschaft gehen und umdenken. Und vor allem die Angst vor HIV-Positiven verlieren. Und das ist Aufklärungsarbeit, die jeder in seinem privaten Umfeld leisten kann. Deshalb mache ich diese Veranstaltungen. Denn auch ich bin ein mit HIV-lebender Mensch. Und ich bin nicht gefährlich – außer ihr wollt mich so.

Hans Berlin

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