Wir haben sie erreicht, die weltoffene Gesellschaft. Endlich sind wir am obersten Ziel angelangt. Könnten wir dann nicht das stumpfe Kriegsbeil begraben und zur Puderquaste greifen, um eventuell anfallende kosmetische Verfeinerungen sanft vorzunehmen? No, we can’t. Und das nicht erst nach Merkels unsäglicher Antireaktion auf das Orlando-Massaker (die bewies, dass sie ihr diffuses „Bauchgefühl“ tatsächlich ernst meinte), oder Bürger-Meister Müllers saublöder Suada über „Zeichen für Toleranz“, womit er auf die reichlich verspätete Regenbogen-Ausleuchtung des Brandenburger Tors anspielte. Haben wir ein Handicap oder so strengen Mundfurz, dass man uns tolerieren muss? Wer Toleranz fordert, der hat schon verloren. Den seit Jahren allerdings wachsenden rechten Rollback innerhalb unserer Gesellschaft, der Homophobie zunehmend salonfähig macht, haben wir in erster Linie uns selbst zu verdanken. Irgendwann Mitte der Neunziger, als die anti-retrovirale AIDS-Therapie den Schockzustand in gefälliges Wachkoma überführte, blieb die Uhr der Community stehen, und spätestens seit der Einführung der standesamtlich abgesegneten Lebenspartnerschaft fror das, was sich einst kämpferisch gab, in Seelenruhe ein. Unsere „Köpfe“ sind nur mehr stromlinienförmige Leisetreter, die den neuen schwulen Mann über Parteigrenzen hinaus vertreten.

Erschreckend, wie viele „Ja, aber“ – Faschisten ausgerechnet in der Szene ihre verbrämten Nichtigkeiten besoffen über den Tresen rülpsen.

Ob Altmaier oder Spahn in der CDU, Kahrs in der SPD, seinerzeit Westerwelle in der Regierung – allesamt Männer, die unisono das Bild des nicht störenden Homosexuellen verkaufen. Ja, selbst ein rigide homophober Klump wie die AfD hat in Königspudel Mirko Welsch eine Paradeschwuchtel gefunden, die ihre geistige Diarrhö ungestraft über die sozialen Netzwerke kübelt und dafür von frömmelnden Fanatikern wie David Berger, dereinst Vatikan-Klemmschwester und danach Sargnagel des MÄNNER-Magazins, über den Klee gelobt werden. Die Paradeschwuchteln sind die echten Totengräber einer sich von Inhalten verabschiedenden und deshalb nach rechts rückenden, queeren Szene. Neoliberal und stockkonservativ verbreiten die milchgesichtigen Muttersöhnchen ihren reaktionären Neokonservatismus, der schon hart in die braune Nazisuppe abrutscht. „Wir sind schwul, aber das muss man ja nicht demonstrieren.“ Und so verkommt die Schwulenbewegung zu einem müden Arschwackeln. Wie sonst ist es zu erklären, dass unter homosexuellen Männern ausgerechnet CDU und AfD als zweit- und drittbeliebteste Partei rangieren? Sorry, Schwestern, aber habt ihr den Schuss nicht gehört, obwohl er gleich neben eurem Ohr abgefeuert wurde? Tunten-Tinnitus? Als Homo einen dieser völkisch verschwurbelten Vereine zu wählen ist ein ähnliches Oxymoron wie der Vegetarier, der beim Metzger einkaufen geht. Oder das homöopathische Antibiotikum. Erschreckend, wie viele „Ja, aber“ – Faschisten ausgerechnet in der Szene ihre verbrämten Nichtigkeiten besoffen über den Tresen rülpsen. Die Paradeschwuchteln haben es erst möglich gemacht, dass viele unter uns genau jenen die Bierfahnen in die Segel pusten, die uns vor 70 Jahren über die Rampen zum duschen schickten und dies zweifellos, sobald sie wieder die Möglichkeit haben, auch wieder tun werden. So als wären wir reine Konsumopfer spielen wir unseren Vernichtern in die feuchten Pfoten. Wir agieren wie der Rest der Gesellschaft, Normalos eben. Aber sollten wir etwa besser als Normalos sein? Und ob!

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