Wer behauptet, er fände sie nicht cool, der lügt. Der Berliner Verein „Biker ohne Grenzen“ (BOG) ist vielen in einem Fetisch-Kontext geläufig, doch diese Jungs haben weit mehr zu bieten, als nur Sektempfänge zu Ostern und sich an Clubabenden in der Szene in geilen Biker-Outfits blicken zu lassen. Angefangen damit, dass sie einen Führerschein der Klasse A besitzen.

Nachdem mir vor gut zehn Jahren meine geliebter roter Motorroller gestohlen wurde, beliess ich es dabei. Zwar behielt ich meinen Helm und sah den Männern auf ihren großen Maschinen immer wieder sehnsuchtsvoll hinterher, aber die Zeit, das Geld und das Leben selbst hielten mich letzten Endes immer wieder davon ab, meinen Führerschein um eine Klasse zu erweitern. Nun hat das Leben ja so seine Wege, und brachte mich beruflich mit den Kerlen vom BOG zusammen. Mein Freund und Kollege Ole, seines Zeichen selbst leidenschaftlicher Fahrer einer Yamaha Ténéré sollte eigentlich über die Jungs schreiben, fragte mich dann aber, ob ich als Beifahrer, unter Bikern „Sozius“ genannt, die erste organisierte BOG-Motoradtour des neuen Jahres miterleben möchte. Der Deal: Der CHef muss nun selbst schreiben. Zwar missfiel mir die Idee, an einem Sonntag um 9:00 Uhr zum Frühstück und Anlegen der so oft bestaunten Motorradkluft zur Stelle zu sein. Aber als ich eine Stunde später, komplett in Leder und gestärkt, aufsitze und wir gen Rathaus Schöneberg zum Treffpunkt fahren, bin ich nicht nur hellwach, sondern elektrisiert.

Wir treffen die anderen vor dem Nordsternhaus und werden von Bastian, Vorstandsmitglied und Leitwolf des Tages, locker begrüßt. Im Kreis aufgestellt, nennt jeder der 19 Teilnehmer seinen Namen. Der Drang, endlich auf die Maschinen zu steigen, ist deutlich spürbar, daher erläutert Bastian kurz und knapp die Route und dass in zwei Gruppen gefahren wird: die Sportler, die ihre Fahrkünste auf Schnelligkeit und Geschicklichkeit testen, und die Cruiser, die auch was von der Landschaft sehen wollen. Dennoch wird man sich an den festgelegten Treffpunkten zusammen finden. Wir schliessen uns den Cruisern an, da Ole „mit einem Sozius nie schneller als Tempo 130 fährt, schon gar nicht mit einem Ungeübten.“

Die Motoren werden gestartet, ich spreche noch ein kleines Gebet und kralle mich an Ole fest, als wäre er ein Teddybär aus Kindertagen. Über den westlichen Teil der Stadtautobahn nehmen wir die Ausfahrt Richtung Hamburg und sind alsbald jenseits der Stadtgrenze. Die Strecke gen Norden kenne ich gut, von Ausflügen nach Neuruppin oder an die Küste, aber nur aus dem Auto oder Bus heraus. Alles wirkt jetzt näher, unmittelbarer. Ich lasse mein Visier leicht geöffnet und die Kiefernwälder diesmal sogar riechen. Auch habe ich nie zuvor Asphalt als potentiell tödliche Materie wahrgenommen. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis ich eine einigermaßen bequeme Haltung gefunden habe und mein gerade begonnenes Abenteuer anfange zu lieben. Das Adrenalin faltet seine Wirkung aus und versetzt mich in eine Art Halbschlaf. Nur das ich dabei extrem wach und konzentriert bin.

Wir erreichen den ersten Stop, das „Um‘s Luch“ in Kremmen. Die Außenterrasse der zum Bistro umgebauten historischen Bauernscheune ist übersät mit Bikern und Bikerinnen. Die Sonne scheint uns an diesem ersten warmen Tag des Jahres auf die noch winterbleichen Gesichter. Rundum werden große Portionen Schnitzel, Apfelsaftschorlen und alkoholfreie Biere bestellt. Ein deutsches Frühlingsmärchen in Leder. Viele der BOGler haben sich über den Winter nicht gesehen und es gibt viel zu bequatschen. Zwar werden wir als Presse zunächst etwas argwöhnisch betrachtet, dennoch ist das Eis nach ein paar derben Witzen und etwas Flirten schnell gebrochen. Bevor es weitergeht, hält Bastian die inoffizielle Neujahrsansprache. Nach dem Tod von Oliver im letzten Jahr ist er nun als Vorstand eingesprungen und kümmert sich um die organisatorischen Belange. Er selbst steht nicht sonderlich auf Vereins-Hierarchien und vermittelt das auch sympathisch. Im laufenden Jahr will sich der Club mehr auf den sportlichen Aspekt konzentrieren wie etwa Kurventraining mit rumzuschrauben, steht im Raum.

Aber auch die sozialen Veranstaltungen, die den Club über die Jahre zusammengehalten haben, sollen bei all den Neuerungen nicht vernachlässigt werden. Die Clubabende finden weiterhin monatlich in wechselnden Locations statt und auch ein anderes Highlight steht an. Ein befreundeter schwuler Soldatenclub hat die Mitglieder auf ihr „Landgut“ eingeladen. Die Laune unter den Männer steigt noch einmal an, als sie das vernehmen, und auch ich überlege, wie schnell ich wohl das Geld für Führerschein, Motorrad und Ausstattung zusammen bekommen könnte, um dabei sein zu können. Gesättigt und mit zusätzlicher Energie, dank Beule in der Hose, geht‘s zurück auf die Maschine und auf zum zweiten Teil der Tour.

Die längste Teilstrecke legen wir im Halbkreis um West-Berlin Richtung Potsdam zurück – egal ob Schlaglöcher oder scharfe Kurven. Mittlerweile hab ich‘s raus, mich mit dem Motorrad eins zu fühlen. Kurz bin ich verwirrt, weil Ole regelmäßig seine linke Hand ausstreckt und wundere mich, ob der Blinker kaputt ist. Dann sehe ich, dass es sich um einen Gruß an die entgegenkommenden Motorradfahrer handelt. Bei der nächsten Gelegenheit grüße ich zurück und fühle mich den Fahrern dabei irgendwie verbunden. Gute zwei Stunden sind es bis zum nächsten Ziel, dem Biker-Treff „Die Scheune Dobbrikow“. Davor, in Ketzin, gibt es eine naturbedingte Pause, als wir die Fähre nach Potsdam nehmen.

Mein Gehirn ist mittlerweile dermaßen hormongeflutet, dass ich nicht viel mehr kann, als verliebt zu bestaunen, wie das schilfumringte Gewässer die Sonnenstrahlen in diamantene Lichtspiele bricht. Hier, gemeinsam mit dieser Truppe cooler Typen auf heissgelaufenen Maschinen, gefällt es mir, und ich wünschte mir, ich könnte die Zeit anhalten. In Dobbrikow parken wir auf dem Seitenstreifen zwischen einer Armada unterschiedlichster Motorrädern. Mir fällt auf, dass es innerhalb des BOG keine einheitliche Linie in Bezug auf die Bikes gibt. Keine Markenzugehörigkeit, die die Gruppe zusammenbringt. Als könnte er meine Gedanken lesen, fragt mich Ole, welche Maschine ich mir denn aussuchen würde, hätte ich die Wahl. Ich bestehe gerade noch den Coolness-Test, als ich zuerst mit einer krass aufgepimpten, schwarzen Hochglanz-Triumph liebäugele, mich dann aber instinktiv für eine kleine verschmutze Honda CBR 600 entscheide. Handlich, sportlich, dreckig. Wie der Herr, so‘s Gescherr.

Zwischen Dorfausfahrt und den Feldern liegt die Biker-Scheune. Der Tag hat zahlreiche Biker rausgelockt, aber wir haben Glück und finden noch einen Tisch. Für mich gibt‘s Fritten und Bier, ich muss ja nicht fahren. Ich bin erschöpft und versuche, es mir nicht anmerken zu lassen. Zwischen entspannten Biker-Pärchen und einem Harley-Davidson-Club fallen allerdings weder schwule Biker noch ein müder Sozius auf. Alle haben eins gemein: Sie lieben Motorräder. Es wird kühler und ich bin wohl nicht der einzige, der etwas schwächelt. Gegen 17 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg nach Berlin. Wer noch Lust hat, wird eingeladen zum Absacker ins Prinzknecht.

Der letzte Streckenabschnitt ist anstrengend, aber der Gedanke an ein Bier hält mich bei Laune. Als wir wieder innerhalb des Berliner Rings sind, fühlt sich die Stadt anders an, und so gar nicht sonntäglich. Auch wir gesellen uns noch ins PK und trinken mit den Jungs auf den schönen Ausflug. Vornehmlich die Sportler, aber auch einige Cruiser sind noch dabei. Das Gespräch dreht sich um, wie sollte es auch anders sein, Männer und Motorräder. Bei diesem schwulen „Benzingespräch“ geht es auch um kreative Ansätze wie man seine Maschine für den Mann von heute optimieren kann. Die Idee, in den Sitz eine künstliche Fotze einzubauen, die den Schwanz beim Fahren durch den im Motor entstehenden Unterdruck ansaugt, dürfte selbst den Hell‘s Angels gefallen. Im Falle eines Unfalls, wäre es zumindest ein sehr schöner Abgang. Auf diesem „High“ verabschiede ich mich und trotte glücklich, wenn auch schwerfällig, nach Hause. Eins wird mir von nun an immer fehlen. Der Fahrtwind.

Mehr Informationen über den Verein und sämtliche Veranstaltungen findet ihr hier:

www.bog-berlin.de

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