Die Autorin August McLaughlin nimmt beim Thema Sexualität kein Blatt vor den Mund. In ihrer Podcast-Show „Girl Boner Radio“, in der sich alles um weibliche Sexualität und Empowerment dreht, lädt sie immer wieder tolle Gäste ein, die sich über Erfahrungen und Ansichten zu dem Thema austauschen. Natürlich war die Freude groß, als sie sich bei uns meldete.

Hi August, danke, dass du uns angesprochen hast! Na klar, als ich euer Magazin sah, dachte ich, es gibt nur sehr wenige „Boner“-Firmen da draußen, wir müssen wohl Verwandte im Geiste sein.

Und wir müssen zusammenhalten, oder? Genau!

Wie ist „Girl Boner“ zustande gekommen? Bist du eines Morgens aufgewacht und dachstest dir: Ok, ich mache jetzt einen Blog und rede über Sex? Es war definitiv ein Prozess, inspiriert von meinen Erfahrungen während der Sexualerziehung in der Schule,  als ich elf Jahre alt war. Wir lernten damals ein bisschen über das männliche Vergnügen beim Sex, was auch generell anerkannt war. Über das weibliche Vergnügen hingegen lernten wir gar nichts. Dafür aber über Menstruation, Krämpfe und schreckliche Geschlechtskrankheiten, die wir vermeiden sollten. Als ich irgendwann herausfand, was das Wort „Boner“ bedeutet, wurde ich neugierig und bin es noch immer. Für mich blieb der Begriff lange Zeit ein Insider. Später in meinem Leben realisierte ich, dass ich mich wegen meiner eigenen Sexualität schämte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich – auch deshalb – bereits eine wirklich schlimme Essstörung entwickelt. Meine Sexualität zu akzeptieren und dies kreativ umzusetzen, half mir, mich davon zu heilen. Der Name „Girl Boner“ schien für das Projekt einfach das perfekte Wort zu sein, weil es das Vergnügen am Sex beschreibt. Es gab damals in meinem Slang-Wörterbuch so viele Ausdrücke für die männliche Erektion und keinen einzigen für die weibliche Erektion. Also habe ich den Begriff geprägt und ihn dann markenrechtlich schützen lassen.

„Gerade in einer Zeit der Schlagzeilen-Kultur ist die Stereotypisierung von sexueller Orientierung und Geschlecht wenig hilfreich. Wenn du glaubst, ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen zu müssen, um ein guter Schwuler oder eine gute Frau zu sein, kann das sehr viel Schamgefühl verursachen. Und Scham ist sowas von heimtückisch.“

Mittlerweile ist „Girl Boner“ ein Mainstream-Begriff, man hört ihn überall und er steht für eine Form von Empowerment. Warum findest du sexuelles Empowerment wichtig? Sex ist ein so schöner Teil der menschlichen Erfahrung. Wir alle sind sexuelle Wesen und werden als solche geboren. Von den USA aus betrachtet, ist uns Europa, in Bezug auf Sexualität, etwas voraus. Wir sind sonderbar, was Sex angeht: Einerseits haben wir diese offene Kultur, andererseits diese sehr puritanischen Vorstellungen von Sexualität. Wenn wir unsere Sexualität von uns abschneiden, sind wir anfälliger für Depressionen und Sucht und leben kein erfülltes Leben. Ich persönlich finde, dass wir diesen Teil von uns annehmen müssen, um authentisch sein zu können.

Männliche Sexualität und weibliche Sexualität sind verschieden: Bedürfnisse können anders sein, genau wie Empowerment. Wie siehst du das? Das ist eine großartige Frage. Durch meine Arbeit ist mir klar geworden, dass wir uns naturgemäß viel ähnlicher sind als wir denken, wir alle sind einzigartige Individuen. Aber es gibt Unterschiede, die meiner Meinung nach daher kommen, wie wir sozialisiert werden. So wird etwa angenommen, dass Mädchen eher zurückhaltend sind und wir unsere Sexualität auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücken sollen. Diese Art von Druck gibt es auch bei Männern und natürlich für Mitglieder der LGBTQI*-Community. Eigentlich gibt es diesen Druck für alle, die nicht weißer Hautfarbe, heterosexuell und Cis-Gender sind.

Schwule werden oft dafür kritisiert, dass sie es mit dem Zur-Schaustellen der eigenen Sexualität übertreiben. Was meinst du dazu? Gerade in einer Zeit der Schlagzeilen-Kultur ist die Stereotypisierung von sexueller Orientierung und Geschlecht wenig hilfreich. Es werden ständig irgendwelche Studien veröffentlicht, die aufgrund ihres Umfangs nicht unbedingt repräsentativ sind, oder die vor Jahrzehnten durchgeführt wurden. Deren Ergebnisse werden auf einmal zur „Wahrheit“ erklärt, die in den Medien weitergereicht wird. Plötzlich sind schwule Männer dann so und so, Frauen so und so, aber gerecht werden diese Studien den Einzelnen nicht. Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass das, was wir über unsere Sexualität und unsere Geschlechtsidentität glauben, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken kann. Wenn du glaubst, ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen zu müssen, um ein guter Schwuler oder eine gute Frau zu sein, kann das sehr viel Schamgefühl verursachen. Und Scham ist sowas von heimtückisch. Sie ist einer der Gründe, warum schwule Männer, Bisexuelle und Lesben in der Pubertät sehr viel häufiger Depressionen und Essstörungen entwickeln. Wir müssen diese Dinge wirklich hinterfragen.

„Ich war Modell und lebte in Paris, als bei mir Magersucht diagnostiziert wurde. Alle dachten, ich stehe auf dem Höhepunkt meiner Karriere, aber in Wahrheit stand ich kurz vor dem Tod. Das hat eine gewisse Ironie.“

Um näher auf das Thema Scham einzugehen: „Body Shaming“ ist ein großes Thema innerhalb der Schwulenszene. Wir hören manchmal, dass wir im Boner Magazin nur perfekte Körper zeigen und so Minderwertigkeitskomplexe und Body Shaming fördern. Aber wir müssen auch Werbung verkaufen und die Leute schauen sich im Allgemeinen lieber perfekte Körper an. Kannst du mit dieser Logik etwas anfangen? Fördern wir Unsicherheit und Body Shaming?

Nun, ich würde nicht sagen, dass euer Magazin speziell ein Problem ist, ich denke, was ihr macht, ist erstaunlich. Ihr fördert auch Vielfalt, was ich für sehr wichtig halte. Aber man muss einen schmalen Grat wandern. Wie du schon sagtest, müsst ihr Werbeplätze verkaufen, weil du die Message sonst auch nicht verbreiten kannst. Aber ich kenne die Kehrseite der Medaille: Ich war Model und lebte in Paris, als bei mir Magersucht diagnostiziert wurde. Alle dachten, ich stehe auf dem Höhepunkt meiner Karriere, aber in Wahrheit stand ich kurz vor dem Tod. Ich verkaufte diese Art von Sexualität, von Sex-Appeal, als Model verführst du ja die Kamera. Aber ich fühlte mich in der Zeit überhaupt nicht sexy oder sexuell. Das hat eine gewisse Ironie. Vom Standpunkt des Verlags aus und des Content-Creators verstehe ich aber auch, dass man mit der Kultur arbeiten muss, in der man sich bewegt. So verwende ich etwa gerne eine inkludierende Sprache: In vielen meiner Blog-Posts und Podcast-Episoden taucht der Begriff „Menschen mit Vulva“ auf, um sicher zu gehen, dass ich Transmenschen miteinbeziehe. Aber wenn ich ständig „Menschen mit Vulva“ sage und keine spezifische Sprache wie „weibliche Sexualität“ verwende, geht es bei der Suchmaschinenoptimierung nicht aufwärts. Meine SEO würde darunter leiden.

Männer schauen im Allgemeinen mehr Pornographie als Frauen, ich mag da allerdings falsch liegen. Sex ist eine Sache, Porno eine andere. Was ist was, deiner Meinung nach? Sexualität ist für mich ein angeborener, schöner Teil von uns. Pornographie ist ein kreatives Medium, eine Form der Unterhaltung, sie führt aber nicht wirklich zu etwas, wenn du verstehst, was ich meine. Ich bin sehr offen für alles, was uns hilft, die eigene Sexualität auszudrücken, solange man dabei niemandem weh tut. Es gab eine Zeit, da dachte ich, Pornographie sei etwas schlechtes. Ich war jung und habe so viele Vorurteile und Mythen darüber gelernt. Mainstream-Pornos werden immer noch in erster Linie für Männer gemacht. Mittlerweile sieht man aber mehr feministische Pornographie, wie etwa von Erica Lust, die unglaublich und wunderbar ist. Außerdem habe ich das Gefühl, dass es wichtig ist, ethisch produzierte Pornographie zu konsumieren. Zu wissen, woher der Film kommt, ist cool. Man kann somit auch dazu beitragen, dass SexarbeiterInnen und PornodarstellerInnen auch bezahlt werden. Für mich ist diese Industrie eine Facette des Spektrums, wie man Sexualität ausdrücken will, und das an sich ist großartig. Ob man nun Pornos ansieht, erotische Literatur liest …

… oder darüber redet, so wie du es machst. Ja! Darüber zu reden ist ein wesentlicher Teil von Sexualität. Wir müssen darüber reden und es muss ein Teil unserer Sexualerziehung sein. Es darf einfach nicht so viele Tabus um das Thema geben.

Foto: Ken Dapper Photography • Klitoris-Ring von www.penelopijones.com

August McLaughlins Buch „Girl Boner“ wird dieses Jahr bei Amberjack Publishing erscheinen. 

Mehr Informationen findet ihr auf www.augustmclaughlin.com

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