Es gehört zum guten Ton unter den meisten schwulen Männern, möglichst viele Sex-Partner in kürzester Zeit mit dem eigenen Körper zu beglücken. Und nicht wenige stellen sich daher oft die Frage: Bin ich eigentlich sexsüchtig? Um herauszufinden, was es mit Sexsucht auf sich hat, trifft Boner einen Sexualtherapeuten in dessen Kreuzberger Praxis. Die grüne Farbe an den Wänden wurde mit einem Schwamm aufgetragen und man muss unweigerlich an lackierte Ostereier denken. Der Blick auf den Innenhof bereitet ein Gefühl der Ruhe, und in einer Ecke des Raums steht in voller Pracht ein übergroßer stilisierter Holzpenis, dessen Spitze den Betrachter herauszufordern scheint. Der diplomierte Psychotherapeut hat eine sonore Stimme, die seine tiefen Gedanken trägt und sie zugänglich und sinnvoll klingen lässt.

Was ist Sexsucht?

Um das zu beantworten muss man sich zunächst fragen: Was passiert mit mir, wenn ich Sex habe? Was geschieht davor, währenddessen und was danach?

Erst einmal ist man ja einfach nur geil…

Richtig. Man stimuliert sich, entweder alleine oder gegenseitig. Dabei werden körpereigene Opiate freigesetzt. Bei entsprechender Stimulation erreichen die Beteiligten einen ekstatischen Zustand.

Sie meinen, es kommt zum Sex?

Genau. Während der Ekstase werden immer mehr Stoffe ausgeschüttet, bis es zum Orgasmus kommt. Der Augenblick der Ejakulation ist so gesehen der Moment, in dem der Opiat-Pegel am höchsten ist.

Und dann ist man erst einmal kaputt.

Es kommt zu einem Erschöpfungszustand. Die Opiate wirken noch eine Weile, danach werden diese ganz natürlich abgebaut und die Wirkung endet.

Hat Sexsucht folglich etwas mit dem Nachlassen des eigenen Rauschzustandes zu tun?

So erlebe ich es jedenfalls bei meinen Patienten. Sexsüchtige mögen es nicht, wenn sie wieder „nüchtern“ werden. Wie auch andere Abhängige brauchen diese Patienten schnell Nachschub, um den Opiat-Pegel wieder herzustellen. Das Nachlassen der Wirkung wird als Depression empfunden. Oftmals greifen diese Patienten dann auch zu Drogen oder Viagra, um nachzuhelfen.

Wo sehen Sie die Grenze zwischen Sexsucht und jemandem, der einfach nur viel Sex hat?

Es gibt viele Menschen, die Sex nutzen, um eine gewisse Leere zu füllen, die durch die Abwesenheit eines Partners entsteht. Sie versuchen Nähe und Zärtlichkeit zu imitieren und geben sich teils mit weniger zufrieden, als sie eigentlich wollen. Andere brauchen einfach ständig Bestätigung und wieder andere haben einfach nur einen hohen Sexdrive. Ich würde sagen, dass Sexsucht da anfängt, wo andere Bereiche des Lebens ernsthaft anfangen unter dem Triebverhalten zu leiden. Wie etwa soziale Kontakte und Arbeit – und wenn es zu Vermischungen mit anderen Süchten wie Alkoholismus und Drogenmissbrauch kommt.

Ihr Heilungsansatz?

Wieder muss man da tiefer ansetzen. Warum erlebt jemand ein natürliches Gefühl wie Erschöpfung als Depression? Es sind meist Menschen, die ein Problem mit ihrem „Ich“ haben und nicht sehen können oder sehen wollen, dass es immer zwei Seiten gibt. Wo Licht ist, ist auch Dunkelheit. Wo Freude ist, da ist auch Trauer. Und wo ein Orgasmus ist, da ist auch Erschöpfung.

Probleme mit dem „Ich“?

In der Psychologie redet man von „Ich“, „Es“ und „Über-Ich“. Das „Es“ steht für die naturnahe Triebinstanz, also alle unterbewussten Bedürfnisse wie Essen oder Sex. Das „Über-Ich“ steht für die moralische Instanz, die wir als Gewissen kennen. Dazwischen befindet sich das „Ich“. In einem „gesunden“ Menschen stellt es die Balance zwischen „Es“ und „Über-Ich“ her, also den beiden Extremen.

Das klingt jetzt kompliziert.

Ist es auch. Zumal es heutzutage in fast keinem Bereich mehr zur Kultur gehört, die Extreme der menschlichen Existenz zu akzeptieren. Die Leute feiern, bis sie fast umfallen, und wenn sie am nächsten Tag kaputt sind, feiern sie weiter, weil sie nicht erkennen, dass sie sich erholen müssen. Sie machen immer weiter, bis ihre Kräfte irgendwann völlig aufgebraucht sind und sie depressiv werden. Das lässt sich leider mittlerweile auf viele Bereiche des Lebens übertragen. Die Leute arbeiten ohne Pause oder essen, bis sie krankhaft übergewichtig werden. Sie shoppen, bis sie pleite sind, oder konsumieren Drogen, Alkohol oder auch TV und Internet, bis sie sich völlig leer fühlen. Oder sie konsumieren andere Menschen beim Sex. Sexsucht hat oft dieselben Grundlagen wie andere Süchte. Meistens wurde das „kleine Ich“ als Kind nicht ausreichend geliebt und sucht daher als „erwachsenes Ich“ ständig nach intimen Kontakten, um Bestätigung und Liebe zu bekommen.

Und was wäre nun der therapeutische Ansatz?

Den haben wir gerade erörtert. Man kann erst damit anfangen, an einer Sucht zu arbeiten, wenn man sich den inneren Prozessen, die hinter dem empfundenen Leidensdruck stehen, bewusst wird.

Was beschreiben Menschen, die nach einer Therapie nicht mehr sexsüchtig sind?

Sie leben ein befreites Leben und sind nicht mehr so darauf fixiert, Sex zu haben. Sie sind quasi frei vom Sex-Stress. Ich bekomme auch zu hören, dass sie besseren Sex haben.

Sex nach einer therapierten Sexsucht? Wie soll das gehen?

Na, zum Glück sind die körpereigenen Opiate nicht lebensgefährlich wie es teilweise bei exogenen Drogen oder Alkohol der Fall ist. Auch ein Workaholic darf nach einer Therapie wieder arbeiten gehen. (ts)

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