Einigen Berliner Männern ist der Yoga-Lehrer Tom Barber mit seiner Kurs-Reihe Yoga Boys Berlin bereits ein Begriff. Auch in der internationalen Yoga-Szene hat er sich einen Namen gemacht, obwohl er eine eher rare Technik lehrt: Forrest Yoga. Die Methode wurde von der Amerikanerin Ana Tiger Forrest entwickelt und leistet gezielte Hilfestellung bei emotionalen und mentalen Blockaden sowie selbstzerstörerischen Verhaltensmustern. Gerade in der Partyhauptstadt Berlin klingt so etwas eher ungewöhnlich. Ein Grund mehr nachzufragen, wieso gerade immer mehr schwule Männer darauf abfahren, ihren Lebensstil zu verändern.

„Du gehst cruisen und teilst eine halbe Stunde Intimität mit jemanden, oder bist mehrere Stunden lang auf Ecstasy und vergisst dich komplett, aber zu Hause erwartet dich die alte Traurigkeit.“

Geschirr klappert und die Kaffeemaschine zischt laut dampfend im Hintergrund. Ein Verkäufer der Straßenzeitung Motz rückt uns während des Gesprächs in einem Kreuzberger Hipster-Cafe auf die Pelle, doch Yoga-Lehrer Tom Barber ist die Ruhe selbst. „Ich bin immer erstaunt darüber, wie unterschiedlich Menschen Berlin erleben. Wenn ich Leuten hier erzähle, dass ich keine Drogen nehme und keinen Alkohol trinke, fragen sie mich, was man denn sonst hier machen solle. Ich verstehe das auch, weil bei vielen Schwulen das Feiern einfach dazu gehört. Oft ist das gesamte soziale Netzwerk von Sex, Drogen und Party bestimmt, viele kennen gar keine Alternativen.“

by Manolo Ty / http://manoloty.blogspot.de/
Yoga-Lehrer Tom Barber.Photo: Manolo Ty / manoloty.blogspot.de/

Tom kennt dieses Leben selbst zu gut und erinnert sich an überlange Wochenenden, die er ziemlich drauf in Clubs und auf Privatpartys verbracht hat. „Es macht viel Spaß, man erlebt Dinge, die man sonst nicht erlebt würde und gerade auf Drogen wirkt alles noch viel intensiver. Das kann allerdings schnell kippen. Wenn etwas schief geht, steht man plötzlich alleine da, ohne Unterstützung und ist einsam und verzweifelt.“

Er bereut diese Erfahrung nicht, aber merkte irgendwann, dass hinter diesem Verhalten viel mehr steckt, als bloße Feierlust und Neugier auf die Partyszene. Flucht vor Einsamkeit und Bestätigung, weil man sich unzulänglich und ungeliebt fühlt. „Wenn du einmal in diesem Kreislauf steckst, wird das alles ganz schnell normal. Du gehst cruisen und teilst eine halbe Stunde Intimität mit jemanden, oder bist mehrere Stunden lang auf Ecstasy und vergisst dich komplett, aber zu Hause erwartet dich die alte Traurigkeit, vor der du versucht hast wegzurennen. Aus der Gewohnheit werden Verhaltensmuster. Aus manchen Verhaltensmustern entsteht Abhängigkeit.“

So begann eine innere Reise, die Tom wieder zu sich selbst führte. Der Besuch einer Yoga-Klasse wurde für ihn zum Schlüsselmoment: „Als ich das erste Mal in eine schwule Yoga-Klasse ging, waren da etwa sechzig andere Männer. Jeder schien zu wissen, was ihn erwartet und die Übungen fielen mir recht leicht. Irgendwann sollten wir dann auf dem Rücken liegen, um eine Entspannungsphase einzulegen – die Position nennt sich Savasana. In dem Moment überkam  mich eine regelrechte Flut an Gefühlen und ich brach in Tränen aus. Ich wusste gar nicht, was  mit mir los ist. Es war das erste Mal in meinem leben, dass ich überhaupt eine Verbindung zu meinem Körper hergestellt hatte.“ Zu Forrest Yoga kam er eher zufällig. „Freunde hatten mir von Ana Forrest erzählt und ich war neugierig auf sie, ohne zu wissen, was sie genau macht. Daraufhin habe ich mich mehr aus Intuition zu einem ihrer Workshops für Yoga-Lehrer angemeldet. Ihre Art zu arbeiten hat mich dann derart fasziniert, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Alles, was sie im Unterricht macht hat eine enorme Intensität und Kraft. Sie ist wie ein ungezähmtes, wildes Tier und sieht quasi in die Teilnehmer hinein. Probleme und Blockaden erkennt sie sofort und hilft dabei, diese zu lösen.“

„Alkoholismus, sexueller Missbrauch und Drogen-abhängigkeit in ihrem Leben hatten sie soweit getrieben, dass sie sich von einem Abhang in den Tod fallen ließ.“

Ein kluger Mann sagte einst, von Frauen lernen, heißt siegen lernen. Ana Forrest beschreibt in ihrem Buch Fierce Medicine (dt. Wilde Medizin), wie sie es schaffte, sich selbst von körperlichen und seelischen Schmerzen zu heilen. Alkoholismus, sexueller Missbrauch und Drogenabhängigkeit in ihrem Leben hatten sie soweit getrieben, dass sie sich von einem Abhang in den Tod fallen ließ. Sie überlebte den Sturz jedoch und fing danach an, ihr Leben neu zu überdenken. Sie erzählt in dem Buch, wie sie fast jedes esoterische Ritual mitmachte, um ihre Perspektiven zu ändern. Sich selbst beschreibt sie als Wahrheitssucherin, deren Arbeit auch die Suche nach der Wahrheit anderer Leute einschließt. Das Erkennen und Aussprechen der Wahrheit ist Teil ihrer wilden Medizin.

Aber Tom ist kein Therapeut. „Wenn jemand zu mir kommen will, um zu reden, höre ich immer gerne zu und gebe Rat, sofern ich das kann. Aber ich bin kein Coach. Wenn ich merke, dass jemand dahingehend professionelle Hilfe braucht, würde ich das auch empfehlen.“ Forrest Yoga, erklärt er, ist eine Mischung aus körperlichem Training und spiritueller Arbeit, bei der man Verspannungen, körperliche Beschwerden und die dunklen Seiten an sich selbst erspüren lernt. Durch Bewegung und die richtige Atmung gibt man der eigenen Energie die Möglichkeit zu fließen, Körper und Geist können so beginnen zu heilen. Man lernt, die eigenen Verhaltensmuster zu durchschauen und sich zu hinterfragen. „Wenn diese Energie freigesetzt wird, ist sie unglaublich stark“, so Tom. „Unsere Gefühle sind so lange schon so tief in uns vergraben und wir sind daran gewöhnt, sie zu unterdrücken. Ständig lenken wir uns mit etwas ab: TV, Social Media, Sex. Aber wovon lenken wir uns die ganze Zeit ab?“

„Wenn du aber dahinter blickst, kommt eine ganze Menge Scheiß zum Vorschein und du fängst an, dich zu ändern. Dazu muss man allerdings auch bereit sein.“

Seinen Schülern erzählt er gerne, wie sehr er Leute hasste, die auf einer Party einfach tanzen können, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was die anderen denken. Ihm selbst ist das lange nur betrunken oder unter Drogen gelungen. „Ich konnte gar nicht richtig Freude empfinden, weil ich ja auch nicht viel anderes empfinden konnte. Ich war so verhärtet, dass ich tief graben musste, um wieder an meine Gefühle zu kommen. Als es mir wieder gelang, normal zu empfinden, war das echt erschreckend. Die Härte hilft einem natürlich dabei, stabil durchs Leben zu gehen. Wenn du aber dahinter blickst, kommt eine ganze Menge Scheiß zum Vorschein und du fängst an, dich zu ändern. Dazu muss man allerdings auch bereit sein.“

Tom Barber und Forrest Yoga gibt es bei den Yoga Boys Berlin 

Montags 18 Uhr | Dienstags 20 Uhr

Donnerstags 20 Uhr

Paul-Lincke-Ufer 30 | 10999 Berlin

www.yogaboysberlin.com

Was ist Forrest Yoga?

Ana Forrest verbindet in ihrem eigenen, eingetragenen Yogastil Forrest Yoga indianische Medizin und Körperarbeit. Nach einer schweren Kindheit nahm sie früh ihr Leben selbst in die Hand, wuchs teilweise auf einer Pferdefarm auf und hatte bereits im Teenager-Alter Probleme mit Alkohol und Drogen. Das Buch Fierce Medicine ist auf deutsch unter dem Titel „Die Yoga Kriegerin“ erschienen. Darin beschreibt sie etwa, wie ihre Suche nach Lehrern und Methoden, die ihr auf ihrem Weg helfen sollten, sie zu den großen Meistern Indiens, den Höhlen im Himalaja und den Medizinleuten der Native Americans, der Ureinwohner Nordamerikas führte.

Forrest Yoga Foundation Teacher Training Berlin 2017

1. bis 27. September 2017

Eden Studios Berlin

Teilnahme an den Morgen-Sessions und Infos:
www.forrestyoga.com 

Ana T. Forrest
Die Yoga Kriegerin –
Power für Körper und Seele
mit Forrest Yoga®, Allegria Verlag

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