Sex gegen Geld – ist das eigentlich okay?

Für die einen mag es wie ein Traum klingen: Viel Sex haben und dafür auch noch bezahlt werden. Kann es etwas Besseres geben? Für die anderen ist diese Sichtweise unmenschlich und verachtend. Ein schwieriges und komplexes Thema, das keine einfachen Antworten zulässt.

Klar ist, die Fronten sind verhärtet. Auf der einen Seite stehen Personen wie die Emma-Publizistin Alice Schwarzer, die seit einigen Jahrzehnten dagegen ankämpft und von Entwürdigung und den ausgelöschten Augen der Prostituierten spricht. Allerdings muss festgehalten werden, dass es ihr mehrheitlich nur um Frauen geht. Männliche Prostitution scheint unbeachtet vom Milliardengeschäft der weiblichen Sexarbeit zu existieren.

Sicherlich ist der Markt unterschiedlich, aber ist es damit auch die Sichtweise darauf?

Konzentrieren wir uns auf die männliche Prostitution, ist die Faktenlage noch immer recht dürftig. Im Auftrag der Bundeszentrale für Gesundheit kam eine erste Situationsanalyse zu dem Schluss, dass es in den großen Städten in Deutschland im Schnitt zwischen dreihundertfünfzig und dreitausend Männer gibt, die ihren Körper gegen Geld für Sex anbieten.

Die Allermeisten von ihnen tun dies inzwischen über das Internet. Das Bild vom klassischen Stricher, der abgemagert in dunklen Parkecken wartet, ist veraltet und nur noch sehr selten anzutreffen.

Innerhalb dieser homogenen Gruppe gibt es große Unterschiede in Bezug auf die persönlichen Beweggründe. So gibt es zum Beispiel Migranten, die sich aus Geldnot für einige wenige Euro anbieten, die Mehrheit der Callboys scheint bei vorsichtiger Betrachtung allerdings nicht aus einer existenziellen Not heraus zu handeln.

Nach mehrfacher Rückfrage ist das schnell und leicht verdiente Geld meistens der Hauptgrund, sich online darzubieten. Vielleicht lässt sich die schwule Szene hier auch schwer mit der weiblichen Prostitution vergleichen, weil tatsächlich nicht wenige homosexuelle Callboys sehr frei mit ihrer Tätigkeit umgehen.

Sie entscheiden bewusst, mit wem sie Sex haben wollen und nehmen sich auch die Freiheit, im Einzelfall abzulehnen. Es bleibt ihre persönliche Entscheidung. Erzwungene Prostitution, also den klassischen Zuhälter, findet man bei Sex zwischen Männern so gut wie gar nicht. Vielleicht fällt zudem auch ins Gewicht, dass bei vielen Schwulen gerade in den Großstädten sowieso ein sehr lockerer Umgang mit Sex gepflegt wird.

Endlich offen und in einem breiteren Rahmen darüber zu sprechen, ist dabei ein Hauptanliegen diverser Organisationen, dazu zählen unter anderem die Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheitswesen und Sozialbereich (kurz FOGS) genauso wie die Deutsche Aidshilfe oder auch die Diakonie Deutschland. Immer wieder flammt in den letzten Jahren dabei die Diskussion über ein Verbot von Prostitution auf.

Soll Deutschland die Sexarbeit kriminalisieren, so wie das in einigen Nachbarländern bereits der Fall ist?

In Nordirland zum Beispiel ist es seit 2015 illegal, für Sex zu bezahlen. Kunden drohen hohe Strafen. Eine Studie der Queen´s Universität Belfast kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die Zahl der Prostituierten seitdem massiv angestiegen ist, sondern auch immer mehr Freier sich weigerten zu bezahlen und ihr Gegenüber sogar gewaltsam zu Sex drängten – teilweise stieg diese Rate um einhundert Prozent an.

Bewirkt wurde also genau das Gegenteil. Rechtlich wäre eine Kriminalisierung in Deutschland derzeit schwer umsetzbar, da das Bundesverfassungsgericht Sexarbeit unter den Artikel 12 des Grundgesetzes gestellt hat – der Paragraph regelt das Recht auf freie Berufswahl.

Doch ein anderer Aspekt scheint viel drängender: Wenn wir Callboys und ihre Tätigkeit kriminalisieren, führt das zu noch mehr Gesundheitsrisiken und Gewalt, so die Deutsche Aidshilfe. Schon jetzt legen erste Untersuchungen den Schluss nahe, dass etwa die Hälfte aller männlichen Prostituierten eine Geschlechtskrankheit mit sich herumträgt.

Das Deutsche Institut für Menschenrechte bestätigt zudem: Metaanalysen aus zwölf quantitativen Studien zeigen, dass jede Form von Verboten mit einem zweifach erhöhten Risiko einer sexuell übertragbaren Krankheit inklusive HIV zusammenhängt. Kurzum: Noch mehr Callboys würden sich mit einer Krankheit anstecken.

Eine Auswertung von 134 Fachstudien (Platt, Lucy; Grenfell, Pippa; Meiksin, Rebecca) zeigt weiter auf, dass Sexarbeiter zudem isoliert werden, wenn ihre Tätigkeit verboten würde. Es würde immer schwerer werden, sich gegenseitig zu helfen, oder auch nur einfache Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Eine Prävention und Beratung würde dadurch gänzlich zunichte gemacht.

Wer käuflichen Sex verbietet, drängt diesen nur in den Untergrund, sodass auch junge Männer, die vielleicht aus einer Not heraus dieser Tätigkeit nachgehen, noch weniger Hilfe zuteil wird.

Alice Schwarzers Argument dagegen ist, dass Prostitution wie Sklaverei sei, man könne sie eben auch überwinden. Der Vergleich mutet seltsam an, denn auch wenn die Sklaverei seit mehr als 150 Jahren weltweit abgeschafft wurde, existiert sie doch weiterhin: Nach Schätzungen des Global Slavery Index sind mehr als 40 Millionen Menschen von moderner Sklaverei betroffen.

Die Sklaverei ist nicht beseitigt, sie ist nur nicht mehr öffentlich so präsent. Totschweigen ist hier wie da also sicherlich keine profunde Herangehensweise.

Ein wesentliches Problem bei der gesamten Thematik ist dabei, dass in der öffentlichen Debatte Sexarbeit und erzwungene Prostitution sowie Menschenhandel in einen Topf geworfen werden. Natürlich existieren hier Verbindungen, es ist aber keineswegs so, dass es der Regelfall ist.

Gerade in Anbetracht von schwulen Callboys ist ein Zwang praktisch gänzlich unbekannt. Zudem existieren bereits Gesetze, die sich klar gegen solche Gewalt und gegen Menschenhandel aussprechen. Eine Reihe von internationalen Studien (Ellison, Graham 2019) zeigte auf, dass das Verbot von Prostitution keine Auswirkungen auf Zwang und Gewalt haben.

Wichtig dagegen wäre es, das Image des Callboys zu verbessern. Martina Schu von FOGS:

„Eine Enttabuisierung von männlicher Prostitution könnte zu einer freieren Diskussion über weniger riskante Sexualpraktiken führen sowie auch im Pay-Sex-Bereich zu einem bewussteren Umgang mit sexueller Gesundheit beitragen.“

Auch die Deutsche Aidshilfe hält fest, dass der Staat dazu verpflichtet ist, die Rechte von Callboys auf Gesundheitsversorgung, Schutz vor Gewalt und Diskriminierung zu gewährleisten. Eine moralische Wertung dagegen darf der Staat nicht abgeben.

Zudem handelt es sich auch bei schwulen Callboys und ihren Kunden um einvernehmlichen Sex zwischen zwei erwachsenen Menschen. Eine autonome Entscheidung, die es zu respektieren gilt, so die Aidshilfe weiter.

Wichtig wäre vor allem ein grundsätzlicher Respekt vor Menschen, die in der Prostitution arbeiten. Zudem müsse die Prävention und die Gesundheitsvorsorge stark ausgebaut werden – von Hepatitis-Impfungen über STI-Beratungen bis hin zu Verhütungsmöglichkeiten.

Auch das Deutsche Institut für Menschenrechte bestätigt die Kernaussagen der Deutschen Aidshilfe: Ein wie auch immer gestaltetes Verbot bleibt symbolischer Natur und die Studienergebnisse zeigen auf, dass man darauf verzichten sollte.

Copyright Bilder: Cockyboys

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