Der 2. Alternative Drogen- und Suchtbericht drängt auf einen neuen Konsens zum Betäubungsmittelgesetz. Als Vorbild einer vernünftigen Drogenpolitik sollen auch gängige HIV-Präventionsmaßnahmen dienen.

Man vermutet scharfe Wortgefechte und Kampf-Ansagen, wenn die Debatte um eine fragwürdige Drogenpolitik in Deutschland zum Thema einer Pressekonferenz wird. Stattdessen waren sich Redner und Publikum einig. Das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in seiner jetzigen Version ist in weiten Teilen verantwortungslos und führt zu zahlreichen gesundheitlichen und gesellschaftlichen Problemen.

Der 2. Alternative Drogen- und Suchtbericht geht in die Tiefe und wirft viele legitime Fragen auf. Etwa den medizinischen Nutzen von Cannabis, die Versorgungssituation von Suchtkranken sowie die gesellschaftliche Einstellung zu den legalen Drogen wie Alkohol, Nikotin und Medikamenten. Wer sich schon lange über die Scheuklappen der Gesetzgeber ärgert, darf hier eine wahre Offenbarung genießen. Denn das jahrzehntelange Katz- und Maus-Spiel von Eigenbedarf und Strafverfolgung langweilt mittlerweile sogar den Bund der deutschen Kriminalbeamten (BDK), der Konsumierende auch nicht weiter kriminalisieren will und sich für eine Evaluation des BtMG ausspricht.

Eine globale Reform muss her und es ist die Aufgabe der Politik das umzusetzen, auch und gerade in den Köpfen der Menschen. Dabei geht es nicht nur um die kontrollierte Abgabe und Substitution von illegalen Drogen, sondern eine realistische Einschätzung der Chancen im Kampf gegen Drogen. Konsumiert wird ohnehin, der verantwortungsvolle Umgang mit dem Thema Drogenkonsum muss grundlegend neu definiert werden. Eine Prohibition verschlimmert die Lage von Suchtkranken, fördert Kriminalität und legt so auch mit die Grundlage für Todesfälle in Zusammenhang mit Drogenmissbrauch.

Auch die Deutsche Aids Hilfe (DAH) stützt die Haltung der Experten. Lange Jahre der Erfahrung in der Prävention und Versorgung beweisen einen stabilen Rückgang von HIV-Neuinfektionen, nicht nur bei Schwulen, sondern auch bei Drogenabhängigen. Hilfe anbieten statt Abstinenz zu predigen hat sich bewährt. HIV-Prävention also als Leitbild für eine moderne Drogenpolitik? Es wäre nicht abwegig, dies zu überdenken. Wahrscheinlich ist es sogar vernünftig.

Unter den Gästen ist auch ein Mann, der sich den Anwesenden als Süchtiger vorstellt. „Sie sagen damit, dass die Regierung den Tod vieler tausend Menschen billigend in Kauf nimmt, weil sie eine Reform des BtMG hinauszögert.“ Da ist sie endlich: die Kampf-Ansage. Doch wieder herrscht Einigkeit im Raum. Als die Mikrophone und Notizblöcke eingepackt, und die letzten Schnittchen verzehrt werden, spürt man allerdings wenig Erleichterung. Und die Frage bleibt: Was nun?

Die Antwort liegt wohl irgendwo zwischen organisiertem Verbrechen und gesundem Menschenverstand und klingt nach Angst. Angst davor, Wählerstimmen zu verlieren, wenn man wagt, Staat und Gesetz in Frage zu stellen. Oder als Kiffer oder Junkie abgestempelt zu werden, inklusive aller sozialen Unannehmlichkeiten, die ein solches Stigma mit sich bringt, wenn man sich zu Drogenkonsum bekennt. Ganz sicher auch Angst davor, Geld zu verlieren, wenn die Leute mehr über den maßvollen Konsum von Gras erfahren und dann vielleicht weniger Kopfschmerztabletten brauchen, weil sie nicht ständig einen Kater vom vielen Alkoholgenuss haben. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer und der 2. Alternative Drogen- und Suchtbericht ist ein ganz lauter Wecker. Hoffentlich einer ohne Snooze-Funktion.

Torsten Schwick

JUNI15-2.alternativer-suchtbericht

 

 Francisco de Goya: El sueño de la razón produce monstruos

 

Bild: Francisco de Goya: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“

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