Daniel Call
Daniel Call ist Schriftsteller und Journalist und lebt in Berlin

Um es mit Knef zu formulieren: „Berlin, Dein Gesicht hat Scheißesprossen / Und Deine Ossis wählen AfD“. Drei Direktmandate, über 13% – da ist man mal 2 Wochen aus der Stadt weg, und schon dreht sie am Rad. Mich erreichten die Ergebnisse, als ich bequem am Times Square bummelte und die überbordende Internationalität New Yorks genoss, die vielen Marzahnern schon beim Anblick lebenslänglich Montezumas Rache bescheren würde.

Klar, der Vergleich hinkt. Gerade die Staaten haben in diesen Tagen massiv mit Rassismus zu kämpfen, und, Obama sei Dank, begreifen sich langsam die Afroamerikaner als politische Kraft. Da herrscht ein großer Veränderungswille, und eine massive Notwendigkeit, die Spaltung der Gesellschaft in Schwarz und Weiß, Arm und Reich, Queer und Hetero aufzuarbeiten. Im Grunde ist es ein Gottesgeschenk, dass ein Charlie Rivel unter Acid wie Trump gegen eine Merkelschablone wie Clinton antritt. Da steht Wahnsinn gegen Methode. Jedoch hat die dortige Problematik ein paar Jahrhunderte mehr auf dem Buckel, während wir hier ein Phantom-Schattenboxen hohler Ängste und weidlich erprobter Muster deklinieren. Unser Muster ist der bewährte Faschismus.

„Nationalstolz, diffuse abendländisch-christliche Ambitionen, Sehnsucht nach der Wohlordnung der 1950’er, als die Juden und Schwulen und Zigeuner vermeintlich ausgemerzt waren und eine saubere Moralität auf dem Humus der Trümmer spross.“

Nationalstolz, diffuse abendländisch-christliche Ambitionen, Sehnsucht nach der Wohlordnung der 1950’er, als die Juden und Schwulen und Zigeuner vermeintlich ausgemerzt waren und eine saubere Moralität auf dem Humus der Trümmer spross. Danach sehnt sich der Deutsche – nach dem Setzkasten, nach dem verpupsten Schick der per Handschlag geformten Sofakissen, nach der im Wohnwagen den Süden akquirierenden Herrenrasse. Wobei der urchristliche Urdeutsche vornehmlich aus der Zone gewürgt wurde und nun als Urdemokrat und Urnichtwähler einem (darf man das sagen?) Ursauhaufen wie der AfD zu schier besoffenem Erfolg verhilft. Einem Haufen, der bar jeder Programmatik und mit schweißfüßiger Inhaltsleere sich gegen alles und jedes kehrt, ohne auch nur den geringsten Lösungsansatz aufzubieten. Wozu auch? Dagegen kann man ohne Argumente sein. Zumal, wenn man das Wort „Argument“ weder buchstabieren noch in einen zusammenhängenden Satz einfügen kann. Hart am Schwachsinn gebaute, adelige Inzestopfer stehen mit schlaffen Schultern neben Nazi-Devotionalienverkäufern, Antisemiten, doof-rassistischen Rechtsradikalen und harnriechenden Adolf-Opas, und krächzen mundfurziges, zielloses Gewäsch über treuteutsche Traditionen. Wenn die so aussehen wie ihre Verfechter – und das sage ich als Sprachpatriot – dann bin ich bei der evolutionären Ausrottung der germanischen Rasse (die es ja eigentlich gar nicht gibt)an vorderster Front dabei.

Heterosexuelle gutaussehende deutsche Männer, bitte schüttet Eure Samen nicht mehr ins deutsche Weib, es wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein doofer Jungdeutscher erzeugt – und den visionär vom Islamisten und damit zum IS-Kämpfer abzugrenzen, das fällt sehr, sehr schwer. Ehemalige Raucher sind die schlimmsten Nichtraucher. Konvertiten sind die schlimmsten Islamisten. AfD-Wähler sollen mal Menschen gewesen sein. Ich zweifle. David Berger, Laien-Porno-Poser im Oil-of-Olaz-Modus, gab zuletzt auf seiner „Penis-Philosophie-Seite“ (?) seinen Beitritt zur CDU bekannt, wohl um nationalistisches Glied im Rektum der Bürgerlichen zu sein. Er habe das mit seinem Mann (Gott?) zuvor diskutiert, tat er kund, und ließ die Internetgemeine gewohnheitsgemäß an seinen schweren Neurosen teilnehmen. Dabei ist sein armes Würstchen ein unfreiwillig komisches Synonym für diese aus dem Ruder laufende Zeit: Es geht uns gut, doch da ist Angst irgendwie. Wir haben Jahrhunderte Mißbrauch getrieben, doch müssten jetzt teilen, irgendwie. Da ist eine Furcht, irgendwie – dass das Prinzip „Mensch“ auch „Mitmensch“ bedeuten könnte.

Ich denke mal, an den Gedanken könnte man sich, kühl betrachtet, gewöhnen. Er wäre es wert.

Was denkst du darüber?
Previous articleVOM GYM ZUR GYM
Next articleREHABILITIERUNG §175
Boner Magazine
Boner Magazine ist ein schwules Hardcore- & Lifestyle-Magazin und liegt kostenlos aus. Wir präsentieren neben den neuesten Gay-Pornos und Sextoys, die angesagteste Underwear, Aktuelles aus der Szene, interessante Künstler und vieles mehr. 2013 starteten wir das Boner Magazine als Berliner Magazin und seit 2014 liegen wir nun deutschlandweit in über 211 Locations aus. Mit einem charmanten Mix aus Veranstaltungstips, anspruchsvollen Artikeln und natürlich jeder Menge sexy Themen auf deutsch sowie englisch bringt dir die Berliner Redaktion das Beste, was das schwule Leben in Deutschland zu bieten hat.

HINTERLASSE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here