Der Hamburger Video-Journalist Nicholas Feustel dokumentiert mit Vorliebe Themen und Ereignisse rund um HIV. Nun wird am 1. Juli sein neuestes Projekt, ein etwa 30-minütiger Film zur britischen PROUD-Studie, im Londoner Cinema Museum Premiere haben. „The PROUD Study“ wurde zu Schulungszwecken von den Studienleitern in Auftrag gegeben, und lässt vor allem die Probanden zu Wort kommen. Ist die PrEP* tatsächlich der Beginn einer neuen Ära?

Nicholas, in deinen Filmen geht es vorwiegend um Gesundheit, aber auch um Menschenrechte. Warum diese Themen?

Als schwuler Mann finde ich, gehört HIV irgendwie zu meinem Leben dazu, egal ob ich positiv oder negativ bin. Ich hab früher Werbefilme gemacht. Das hat mich dann aber irgendwann nicht mehr wirklich „befriedigt“. Bei der Welt-AIDS-Konferenz 2010 in Wien habe ich festgestellt, dass es auch im HIV-Bereich einen Bedarf für Videoproduktionen gibt. Seit dem habe ich umgeschwenkt und produziere fast ausschließlich Filme über HIV. Und da geht es eben sowohl um Gesundheit als auch um Menschenrechte. Das ist eine Arbeit, die mich sehr glücklich macht – auch wenn ich mit Werbung viel mehr Geld verdienen könnte.

Die PROUD-Studie ist eine Studie über PrEP für schwule, HIV-negative Männer in England. Als die Resultate der Studie bekannt wurden, bist du nach London, um den Moment einzufangen. Ist es überhaupt möglich, dieses komplexe Thema in nur einem Film darzustellen?

Man könnte auf jeden Fall einen abendfüllenden Film darüber machen, weil es so viele verschiedene Aspekte dabei gibt. Die erste Schnittfassung war knapp eine Stunde, jetzt haben wir es auf 26 Minuten komprimieren können. Das Tolle an dem Film ist, dass nicht nur über die rein medizinischen Ergebnisse der Studie berichtet wird, sondern auch über die sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse: Wer sind die Menschen, die am meisten von PrEP profitieren könnten? Welche Erfahrungen machen Menschen, die PrEP nehmen? Dafür kommen auch drei der Studienteilnehmer im Film zu Wort.

Und was sind deren Erfahrungen?

Was wirklich alle Menschen, die PrEP nehmen und mit denen ich gesprochen habe, sagen, ist: PrEP nimmt die Angst beim Sex. Und das ist jetzt gar nicht so eine panische Angst, sondern dieses ganz subtile Gefühl, das, glaube ich, sehr viele HIV-negative schwule Männer immer beim Sex haben: Ich könnte mich anstecken! An der Studie haben schwule Männer teilgenommen, die angaben, vorher schon nicht jedes Mal beim Sex Kondome zu verwenden. Und für die konnte PrEP einen deutlichen Zugewinn an Schutz vor HIV bieten. Denn das waren die medizinischen Erkenntnisse der Studie: Die Teilnehmer in dem Studienarm, denen PrEP angeboten wurde, hatten einen sehr hohen Schutz vor HIV. Die Anzahl der HIV-Neuinfektionen in dem Studienarm, die keine PrEP bekommen haben, war dagegen viel höher als erwartet.

Wie sollte die Politik nun reagieren?

Die englischen Gesundheitsexperten sagen im Film ganz deutlich, dass wir PrEP als zusätzlichen Baustein in unserem Präventionsbaukasten brauchen. In England wie auch in Deutschland, ist die jährliche Zahl der Neuinfektionen seit 10 Jahren konstant. Sie geht einfach nicht runter, obwohl wir seit vielen Jahren, viele verschiedene Strategien haben: Kondombenutzung, Beratung und Aufklärung, HIV-Testangebote, Schutz durch Therapie. All das scheint nicht auszureichen. Wir brauchen mehr. Und PrEP könnte ein weiterer Schritt sein, wie wir der HIV-Epidemie begegnen können. Daher ist die Forderung von HIV-Experten in England ganz klar: PrEP muss als öffentliche Gesundheitsmaßnahme eingeführt werden, und die Kosten müssen vom Gesundheitssystem übernommen werden.

Kann man PrEP jetzt schon irgendwo bekommen?

Zurzeit ist PrEP nur in den USA zugelassen, und die Kosten werden dort in der Regel von den Krankenkassen übernommen. In England hofft man, dass PrEP dort ab April 2016 verfügbar sein könnte. Ob und wann es in Deutschland verfügbar sein wird, steht noch nicht fest. Wenn wir hier in Deutschland PrEP wollen, dann müssen wir das, als schwule Community, sehr lautstark einfordern. Ich denke, wir werden dafür auch wieder auf die Straße gehen müssen, so wie es z.B. ACT UP London jetzt schon machen. PrEP wird nicht einfach so kommen, wir werden dafür kämpfen müssen.

Interview: Torsten Schwick

Der Film über die PROUD-Studie ist online zu sehen unter: www.proud.mrc.ac.uk

*PrEP steht für Prä-Expositionsprophylaxe und ist eine neue Möglichkeit, wie sich HIV-negative Menschen durch die vorbeugende Einnahme von Medikamenten vor einer HIV-Infektion schützen können. Weitere Informationen: www.wasistprep.de

Nicholas zu Gast bei Patsy L'Amour laLoves Polymorphia

Nicholas zu Gast bei Patsy L’Amour laLoves Polymorphia  © Dragan Simicevic

Was denkst du darüber?

HINTERLASSE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here