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36 Paare: Homo, Hetero, Bi, zwischen 20 und 70 Jahren, beim Sex, in der Umarmung, beim Küssen, Rumalbern oder Entspannen, bekleidet, halbnackt oder ganz nackt. Die Berliner Fotografin Anja Müller sucht und findet eine Atmosphäre aus Zärtlichkeit und Zuneigung. Ob melancholisch, euphorisch, leidenschaftlich, humorvoll oder pragmatisch, im Schlafzimmer, im Flur, in der Küche: „Paare“ offenbart, dass es viele Weisen gibt, sich zu lieben, sowohl körperlich als auch emotional. Happy CSD!

Anja, warum fotografierst du ausgerechnet Paare, und nicht etwa Bäume?

Ich fotografiere auch Bäume, und Menschen auf und unter Bäumen, doch am liebsten Menschen. Mich interessiert der Mensch: Wer was warum wie macht. Mich interessieren Beziehungen; der Körper und die Seele, die Intimität im Leben. Ich möchte Kontakt: sehen, spüren, aufnehmen. Ich bin von der dokumentarischen Seite (Straßenfotografie) über Portraits zur Erotikfotografie gekommen. Ich wollte immer näher ran an die Menschen.

Würdest du sagen, dass Sexualität das Fundament einer Beziehung ist?

Frau Dr. Psy. Müller weiß: Wenn zwei Menschen ohne Sex miteinander verbunden sind, dann gibt es wohl ein anderes Fundament. Es gibt ja sehr unterschiedliche Beziehungsformen, solche mit Sex und solche, bei denen Sex eher störend ist. Und auch bei Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen gibt es bekanntlich eine weite Bandbreite in der Gewichtung von Sex. Für manche ist Sex die Initiation einer Beziehung, für andere ist Sex erst in der Beziehung möglich. Bei wieder anderen kommt Sex in der Beziehung nicht mehr vor. Die einen sind nur noch wegen Sex in einer Beziehung, andere trotz. Das kann noch ewig weiter dekliniert werden. Aber ich will ja über meine Arbeit reden.

Gab es große Unterschiede zwischen den Paaren? Was haben sie gemeinsam?

Und schon wieder bin ich als aufmerksame Beobachterin gefragt: Also Unterschiede gab es sowohl im Alter, in der Art der Beziehung, in der Dauer, der Verbindlichkeit der Beziehung, der Geschlechtsidentität und Begehrensrichtung, Haarfarbe, Vorlieben, Essgewohnheiten. Und natürlich, wie sich die Menschen vor der Kamera bewegt haben.

Es gab im Prinzip drei Verbindungsweisen zwischen dem Paar und mir:

a) Das Paar auf der einen Seite, ich auf der anderen: Es gab Paare, die sehr nah beieinander waren, die sich während des Shootings viel aufeinander bezogen haben, bei denen es mir zum Teil eine Überwindung war, mich wieder als regieführende Dritte in die fließende Interaktion des Paares einzuklinken.

b) Einer der Partner/innen versuchte sich mit mir „zu verbünden“:

Es gab Paare, bei denen eine/r viel Kontakt zu mir / zur Kamera gesucht hat und teils als Regieassistent/in meine Anweisungen dem oder der Partner/in „übersetzt“ hat, und den oder die andere/n korrigiert hat.

c) Ein offenes, relativ gleichmäßiges Dreieck:

Beide waren im Kontakt mit mir, und wir drei haben das Bild als gemeinsames Ziel gehabt.

Sicher hängen diese unterschiedlichen Arten damit zusammen, wer wie scheu war, wer wie sehr Lust auf das Shooting hatte und dann kamen natürlich ganz normale Beziehungsstrukturen des Paares auch während des Fotografierens zum Ausdruck.

Paare zu fotografieren ist eine spannende Arbeit, der Kontakt ist nicht so intensiv wie bei einem Einzelporträt, aber ich bin mehr gefordert, weil ich die Spannung zu zwei Menschen halten muss.

Feierst du den CSD? Wenn ja, wo? Wenn nein, warum nicht?

Am CSD werde ich mich mit Freundinnen in X-berg treffen, den großen Umzug mache ich schon lange nicht mehr mit. Es ist toll, dass Homo- und Transsexuelle etc. sich als Masse sichtbar machen. Die Bilder, die dann aber gezeigt werden, sind doch meist dominiert von den bunt verkleideten Menschen, die eher an Karneval denken lassen und nicht an Alltäglichkeit. Und dann bleibt die gesellschaftliche Bedeutung des CSD letztendlich auch wie die des Frauentages, an dem die Männer mal den Abwasch machen und Blumen kaufen, aber dann doch den Rest des Jahres wieder in alte Rollenbilder fallen. Aber natürlich bin ich eher für viele kleine Schritte, um voranzukommen, als für Stehenbleiben. Unbedingt. Ich sag mal: DER KAMPF GEHT WEITER.

Interview: Torsten Schwick

Da die Produktion von Fotobüchern immer teurer wird, hat Anja Müller für ihre neuestes Buch „Paare“ eine Crowdfunding Projekt auf der Seite Startnext ins Leben gerufen. Dort können Fans ihrer Arbeit das Buch finanziell unterstützen, indem sie bereits Exemplare erwerben oder etwas für das Projekt, natürlich gegen viele interessante Dankschön-Pakete, spenden. Die Crowdfunding-Initiative macht „Paare“ schon vor offiziellen Erscheinen im Internet bekannt und die Finanzierungsphase ist gut angelaufen. www.startnext.com/paare-2

anja-mueller-fotografie.de

Anja Müller: „Paare“, Fotobuch, ca. 192 S., Fadenheftung, Großformat, gebunden, amerikanischer Schutzumschlag.

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36 Paare: Homo, Hetero, Bi, zwischen 20 und 70 Jahren, beim Sex, in der Umarmung, beim Küssen, Rumalbern oder Entspannen, bekleidet, halbnackt oder ganz nackt. Die Berliner Fotografin Anja Müller sucht und findet eine Atmosphäre aus Zärtlichkeit und Zuneigung. Ob melancholisch, euphorisch, leidenschaftlich, humorvoll oder pragmatisch, im Schlafzimmer, im Flur, in der Küche: „Paare“ offenbart, dass es viele Weisen gibt, sich zu lieben, sowohl körperlich als auch emotional. Happy CSD!

Anja, warum fotografierst du ausgerechnet Paare, und nicht etwa Bäume?

Ich fotografiere auch Bäume, und Menschen auf und unter Bäumen, doch am liebsten Menschen. Mich interessiert der Mensch: Wer was warum wie macht. Mich interessieren Beziehungen; der Körper und die Seele, die Intimität im Leben. Ich möchte Kontakt: sehen, spüren, aufnehmen. Ich bin von der dokumentarischen Seite (Straßenfotografie) über Portraits zur Erotikfotografie gekommen. Ich wollte immer näher ran an die Menschen.

Würdest du sagen, dass Sexualität das Fundament einer Beziehung ist?

Frau Dr. Psy. Müller weiß: Wenn zwei Menschen ohne Sex miteinander verbunden sind, dann gibt es wohl ein anderes Fundament. Es gibt ja sehr unterschiedliche Beziehungsformen, solche mit Sex und solche, bei denen Sex eher störend ist. Und auch bei Liebesbeziehungen zwischen Erwachsenen gibt es bekanntlich eine weite Bandbreite in der Gewichtung von Sex. Für manche ist Sex die Initiation einer Beziehung, für andere ist Sex erst in der Beziehung möglich. Bei wieder anderen kommt Sex in der Beziehung nicht mehr vor. Die einen sind nur noch wegen Sex in einer Beziehung, andere trotz. Das kann noch ewig weiter dekliniert werden. Aber ich will ja über meine Arbeit reden.

Gab es große Unterschiede zwischen den Paaren? Was haben sie gemeinsam?

Und schon wieder bin ich als aufmerksame Beobachterin gefragt: Also Unterschiede gab es sowohl im Alter, in der Art der Beziehung, in der Dauer, der Verbindlichkeit der Beziehung, der Geschlechtsidentität und Begehrensrichtung, Haarfarbe, Vorlieben, Essgewohnheiten. Und natürlich, wie sich die Menschen vor der Kamera bewegt haben.

Es gab im Prinzip drei Verbindungsweisen zwischen dem Paar und mir:

a) Das Paar auf der einen Seite, ich auf der anderen: Es gab Paare, die sehr nah beieinander waren, die sich während des Shootings viel aufeinander bezogen haben, bei denen es mir zum Teil eine Überwindung war, mich wieder als regieführende Dritte in die fließende Interaktion des Paares einzuklinken.

b) Einer der Partner/innen versuchte sich mit mir „zu verbünden“:

Es gab Paare, bei denen eine/r viel Kontakt zu mir / zur Kamera gesucht hat und teils als Regieassistent/in meine Anweisungen dem oder der Partner/in „übersetzt“ hat, und den oder die andere/n korrigiert hat.

c) Ein offenes, relativ gleichmäßiges Dreieck:

Beide waren im Kontakt mit mir, und wir drei haben das Bild als gemeinsames Ziel gehabt.

Sicher hängen diese unterschiedlichen Arten damit zusammen, wer wie scheu war, wer wie sehr Lust auf das Shooting hatte und dann kamen natürlich ganz normale Beziehungsstrukturen des Paares auch während des Fotografierens zum Ausdruck.

Paare zu fotografieren ist eine spannende Arbeit, der Kontakt ist nicht so intensiv wie bei einem Einzelporträt, aber ich bin mehr gefordert, weil ich die Spannung zu zwei Menschen halten muss.

Feierst du den CSD? Wenn ja, wo? Wenn nein, warum nicht?

Am CSD werde ich mich mit Freundinnen in X-berg treffen, den großen Umzug mache ich schon lange nicht mehr mit. Es ist toll, dass Homo- und Transsexuelle etc. sich als Masse sichtbar machen. Die Bilder, die dann aber gezeigt werden, sind doch meist dominiert von den bunt verkleideten Menschen, die eher an Karneval denken lassen und nicht an Alltäglichkeit. Und dann bleibt die gesellschaftliche Bedeutung des CSD letztendlich auch wie die des Frauentages, an dem die Männer mal den Abwasch machen und Blumen kaufen, aber dann doch den Rest des Jahres wieder in alte Rollenbilder fallen. Aber natürlich bin ich eher für viele kleine Schritte, um voranzukommen, als für Stehenbleiben. Unbedingt. Ich sag mal: DER KAMPF GEHT WEITER.

Interview: Torsten Schwick

Da die Produktion von Fotobüchern immer teurer wird, hat Anja Müller für ihre neuestes Buch „Paare“ eine Crowdfunding Projekt auf der Seite Startnext ins Leben gerufen. Dort können Fans ihrer Arbeit das Buch finanziell unterstützen, indem sie bereits Exemplare erwerben oder etwas für das Projekt, natürlich gegen viele interessante Dankschön-Pakete, spenden. Die Crowdfunding-Initiative macht „Paare“ schon vor offiziellen Erscheinen im Internet bekannt und die Finanzierungsphase ist gut angelaufen. www.startnext.com/paare-2

Anja Müller: „Paare“, Fotobuch, ca. 192 S., Fadenheftung, Großformat, gebunden, amerikanischer Schutzumschlag.

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