Wie geht’s mir heute eigentlich? Die Frage beschäftigt mich auf dem Weg zum Interview-Termin mit dem Eheberater Andrew G. Marshall. Er verdient Geld damit, anderen Leuten zu erklären, was sie in ihrer Beziehung falsch machen. Viele erfolgreiche Bücher hat zu dem Thema geschrieben, in etliche Sprachen wurden sie übersetzt, keines davon habe ich gelesen. Bin ich verunsichert, weil ich schon einige gescheiterte Beziehungen hinter mir habe? Ja das bin ich.

Andrew ist Ende fünfzig, groß, schlank, wach und sehr sympathisch. Er führt mich durch die Praxisgemeinschaft in Berlin-Mitte, die sich über die gesamte erste Etage des Altbaus erstreckt, bis in sein Büro. Er schwärmt davon, wie toll es sei, dass man in Deutschland die eigenen Möbel mitbringen kann. In England müsse man immer gleich die ganze Einrichtung mit anmieten. Hat er mich gerade dahingehend manipuliert, seinen Einrichtungsstil zu bewundern? Schlicht trifft auf schwarze Ledermöbel, farbreduzierte Bilder an den Wänden, weiße Vorhänge an den Fenstern, die den regnerischen Tag in ein warmes Licht tauchen. Mitten im Raum steht ein Sessel, auf dem er sich niederlässt, gegenüber davon ein Zweisitzer, auf dem ich Platz nehme. Wie viele Tränen wurden auf diesen Polstern wohl schon vergossen, wie viele Anschuldigungen abgewehrt? Andrew ist mehr neugierig als aufgeregt. Was mag der Porno-Redakteur ihm wohl für Fragen stellen? Hinter ihm eine Bücherwand mit seinen Werken: „I love you, but I’m not in love with you“, „Mach’ mir die Wüstenwühlmaus“, „Single? No, Grazie!“. Ich bin bereit, ihm mein Herz auszuschütten, so nett und offen wirkt er. Aber heute darf er mal reden.

Seit siebzehn Jahren lebt er in einer festen Beziehung. „Mein Ehemann! Bitte benutze nicht das Wort Partner, er bringt mich sonst um.“ Auch davor war er lange gebunden, doch der Geliebte starb, davon will er mehr in seinem nächsten Buch schreiben. Auch für britische Tageszeitungen schreibt er noch. „Die Zeitungs- und Zeitschriftenindustrie kämpft ums Überleben. Es ist schwieriger geworden, damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Menschen brauchen aber immer noch Hilfe, daher berate ich im Moment mehr denn je.“

Fabelhaft sein ist anstrengend

Die zwei häufigsten Situationen, denen er in seiner Arbeit mit schwulen Männer begegnet, sind Singles, die keinen Partner finden können, und Paare, die an der Idee einer perfekten Beziehung zu scheitern drohen. Beide Gruppen haben seiner Erfahrung nach oft eine falsche Vorstellung davon, wie man sein muss, um geliebt zu werden. „Was mit uns im Kindes- und Jugendalter geschieht, wirkt auf uns Erwachsene noch lange nach. Wir bekommen zu hören, dass wir anders sind, vielleicht haben unsere Eltern Witze über die schwulen Nachbarn gemacht. Je nachdem, woher man kommt, gilt es in einigen Familien immer noch als sündhaft, schwul zu sein. Eine Möglichkeit, damit später umzugehen, ist, ganz besonders großartig und fabelhaft zu sein. Als ein Akt der Rache oder Rebellion. Dies aufrecht zu erhalten ist sehr schwierig und kostet viel Kraft.“

Ich fühle mich ertappt. Andrew lächelt. Mein Blick wandert durch den Raum. An der Wand ein gerahmtes Poster einer Kunstausstellung von 1978, meinem Geburtsjahr. Ich denke an meine Mutter, daran wie sie geweint hat, als ich mit fünfzehn mein Coming-out hatte. Nicht etwa, weil sie ein Problem damit hat, sondern weil ich es so schwer haben würde im Leben. Ich es schwer haben? Niemals! Ich würde das beste Leben überhaupt haben! Meinen ersten Burn-out hatte ich mit Anfang dreißig.

“Homosexuellen wurde eingetrichtert, dass sie sich schämen müssen. Die Mehrzahl der Männer denkt dann, das etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmt.”

Von Scham und Schuld

Andrew bleibt beim Thema: Niemandes Leben sei immer fabelhaft, jeder habe Schwierigkeiten, fühle Schmerz. „Homosexuellen wurde eingetrichtert, dass sie sich schämen müssen. Und wenn wir uns verlieben, verschwinden diese Gefühle zunächst. Plötzlich schweben wir durchs Leben. Die Verliebtheit kann bis zu drei Jahre anhalten, danach nimmt das Gefühl meistens ab. Die Mehrzahl der Männer denkt dann, das etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmt. Schwule, die immer noch die Message in sich tragen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, geben sich dann eher selbst die Schuld. Weil sie dreckig, ekelhaft und verkehrt sind.“

Kommt mir ebenfalls bekannt vor. „Ich bin selbst schuld. Was habe ich denn erwartet?“ Sätze, die ich während einer Krise wie Mantras innerlich aufsage, ohne sie in Frage zu stellen. Oft schäme ich mich für all die Dinge, die ich will und brauche. Die Scham hält mich davon ab, auch in meinen Beziehungen Sachen zur Sprache zu bringen, die mich entweder stören oder verletzen.

Wie aber kommt man da raus? Andrews Blick richtet sich nach innen, als stelle er sich diese Frage selbst immer wieder neu. „Letztendlich muss man die Schamgefühle akzeptieren, um dann die zugrundeliegenden Gedanken zu hinterfragen. Die Gedanken machen die Gefühle stärker und sehr wahrscheinlich stimmt es nicht, dass du nur geliebt wirst, wenn du ständig fabelhaft bist. Wenn wir aber die Gefühle unterdrücken, können wir die Gedanken nicht hinterfragen. Ein Therapeut oder ein Counsellor kann einem dabei helfen, diesen Prozess anzugehen. Auch wenn du mit Freunden darüber redest, wirst du wahrscheinlich feststellen, dass du nicht der Einzige bist, dem es so geht.“

Me against „Internalisierte Homophobie“

Darüber reden. Klar. Am besten an einem Samstagabend in einer stark frequentierten Szene-Bar, den Hochburgen der Fabelhaftigkeit. Sich gegenseitig runter zu machen gehört dort zum guten Ton. Dank des erfolgreichen Transen-Reality-TV-Formats „Ru Pauls Drag Race“ ist dieses Verhalten mittlerweile sogar Kult. Beim sogenannten „Shading“ (dt.: zwielichtig sein) beschämen sich die Drag Queens gegenseitig um die Wette. Es gilt, auf besonders elegante Weise ganz außergewöhnlich gemein zu sein – ohne zu verletzend zu werden. Im Prinzip also die richtige Mischung aus Boshaftigkeit und Humor zu finden. Und ich liebe es, vor allem, wenn der Humor nicht zu kurz kommt, was leider eher selten der Fall ist. Aber warum gefällt es mir überhaupt, wenn andere Personen öffentlich beschämt werden? Andrew, der auch ein Fan der Show zu sein scheint, lacht: „Man muss sich die Unmöglichkeit dieser Regeln einmal vor Augen führen. Aber sicher, wenn du dich schlecht fühlst, wetterst du natürlich gegen Andere. Und am besten lässt sich jemand verletzen, den man versteht, weil er oder sie wie man selbst ist. Man kennt die Schwachstellen. Es gibt viel sogenannte internalisierte Homophobie innerhalb der Szene. Aussagen wie ‚keine Fems‘ und ‚keine Fetten‘ etwa bringen dies auf den Punkt. Und schon wieder ist es da, das Gefühl, ob man fabelhaft genug ist.“

“wir haben eine Art posttraumatische Störung, weil das Gefühl, uns schämen zu müssen, so tief in uns verwurzelt ist.”

Warum hassen wir uns für etwas, das mittlerweile offiziell o.k. ist? Befinden wir uns in einer Art homo-historischen Schockstarre? Eine kleine Pause nach den vielen Kämpfen um Legalisierung und nebenwirkungsfreie Medikamente gegen HIV? „Vieles ist besser geworden und wir glauben, dass alle Schlachten gewonnen sind. Aber ein wenig wie bei Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren, haben wir eine Art posttraumatische Störung, weil das Gefühl, uns schämen zu müssen, so tief in uns verwurzelt ist. Wir sind, was das angeht, ein bisschen wie Fische im Wasser. Das Wasser ist die Homophobie und der Fisch weiß gar nicht, wie nass er wirklich ist.“

Stille. Ob das nun genug sei, um sich die Pulsadern aufzuschlitzen, fragt er mich. Ich wundere mich ebenfalls, wo die positive Message in diesem Treffen zu finden ist? Sich mit Gedanken auseinander zu setzen, die weh tun, macht einfach keinen Spaß. Müde verlasse ich sein Büro, es regnet immer noch. Und im Wasser vom Himmel steht ein vierzigjähriger Porno-Redakteur, der heute begriffen hat, dass er sich selbst noch sehr viel besser kennenlernen kann.

www.andrewgmarshall.com

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