Berlin gilt heute in der ganzen Welt als eine der geilsten Städte für schwule Männer. So frei, so queer lebt es sich sonst nirgends. Darüber kann der Journalist Dirk Ludigs in der großartigen Dokumentation Mein wunderbares West-Berlin nur schmunzeln, denn es zeige auf, wie spießig die Hauptstadt in den letzten zwanzig Jahren geworden ist. Anfang der achtziger Jahre dagegen konnte man mit einer Dauererregung durch die Straßen laufen und in jeder dunklen Ecke Sex haben. Berlin war cruisig, wie er es nennt, und es kam nicht selten vor, dass man auf Klappentour mit dem Fahrrad ging. Es sind Berichte wie diese, die den zweiten Teil von Jochen Hicks geplanter Berlin-Trilogie zu einem äußert sehenswerten Zeitdokument werden lassen. Angefangen von den Sechzigerjahren bis zur Gegenwart lässt er dabei schwule Männer zu Wort kommen. Eine dieser Personen ist zum Beispiel Modeschöpfer Klaus Schumann, der sich 1978 in einer Stern-Titelstory als schwul outete und so den Bruch mit seiner Familie erlebte. Der Film lässt einen amüsiert lächeln, wenn zum Beispiel Rosa von Praunheim erzählt, wie begeistert er von den Fist-Orgien auf den Bartresen diverser New Yorker Clubs war und wie diese Freiheit Jahre später auch in Berlin Einzug hielt. Filmemacher und Mitbegründer des Teddy Awards Wieland Speck berichtet von der ausufernden Zeit in der ersten schwulen Männerkommune in Schöneberg, als sexuell und kreativ alle Grenzen gesprengt wurden. Wie schwules Leben in den Achtzigerjahren die Clubszene dominierte und als Vorläufer des Punk fungierte, wie die Travestiekünstlerin Romy Haag zwischen Puffs und Nutten ihren Nachtclub eröffnete und David Bowie oder Iggy Pop zu Freunden wurden. In den Siebziger- und zu Beginn der Achtzigerjahre war Berlin das Epizentrum für schwule Subkultur, kaum jemand lebte monogam, der erste Darkroom im Knolle sorgte für Aufsehen, hier gab es das erste schwul-besetzte Tuntenhaus in Kreuzberg und die Band Depeche Mode feierte nach ihren Konzerten in den schwulen Clubs. DJ Westbam erzählt begeistert, wie elektrisiert er vom Club Metropol war, in dem direkt auf der Tanzfläche gefickt wurde. Berlin war die Stadt für Menschen, die sonst nirgendwo reinpassten.

Schwule mussten Razzien über sich ergehen lassen, wurden verhaftet und gezwungen, mit Hilfe von Fotos schwule Freunde zu denunzieren

Doch natürlich war nicht alles wunderbar, und so zeigt der Film auch den Kampf um Gleichberechtigung. Angefangen in den Sechzigerjahren, als Schwule noch von einem „festen Herren“, also einem älteren Lebenspartner, träumten, aber stundenlang vor den wenigen schwulen Lokalen herumspazierten und sich nicht hineintrauten. Sie mussten Razzien über sich ergehen lassen, wurden verhaftet und gezwungen, mit Hilfe von Fotos schwule Freunde zu denunzieren. Vieles erinnert an die heutige Situation in Ländern wie Tschetschenien, wenn die rund eintausend Berliner Strichjungen der damaligen Zeit in einem Fernsehbeitrag als „Parasiten der Gesellschaft“ betitelt werden und man sich darüber aufregt, dass es nur in Berlin zu der Zeit kein Tanzverbot für schwule Männer gab. Sogenannte Tuntenbälle ließen einen kurzfristig vergessen, wie „beschissen es uns doch ging“, so ein Zeitzeuge. Der berühmte „Schwulenparagraph 175“, mit dem bis zur Entschärfung 1969 rund 50.000 Männer wegen schwulem Sex verurteilt wurden, hat bis heute Wunden hinterlassen. Erst im März 2017 rang sich die Bundesregierung zu einer Entschädigung der noch lebenden Verurteilten durch. Bei den ersten Unterschriftenaktionen Jahrzehnte zuvor auf dem Kurfürstendamm erklärten Passanten den schwulen Aktivisten noch, Hitler hätte vergessen, sie zu vergasen. Der Film zeigt beeindruckend den Kampf gegen all die Widerstände, als man zum Beispiel auch schwulen Lehrern mit Berufsverbot drohte und ihnen Heteropornos zur Besserung vorlegte.

Dann kam Aids

Die zweite große Wunde riss AIDS in die Berliner Szene und niemand blieb verschont. Freunde, WG-Bewohner, Partner starben brutal und oft alleine gelassen von den Familien, jeder dritte schwule Berliner war infiziert. Durch die Panik verlor die Szene ihre hedonistische Leichtigkeit, fand aber auch die Kraft, sich gegen Institutionen wie die Kirche zur Wehr zu setzen und die Berliner Aidshilfe zu gründen. Mit feuchten Augen erzählt Schauspielerin Judy Winter, wie sie zusammen mit Guido Westerwelle in den Anfangsjahren Geld sammelte und auf offener Straße dafür bespuckt wurde.

Die Zeiten haben sich zum Glück geändert, doch die Dokumentation zeigt auch, wie jede schwule Generation ihre Vorgänger allzu gern vergisst und wie sich die schwule Szene seit den Achtzigerjahren immer mehr zersplitterte. Aus dem einstigen Miteinander wuchs eine Intoleranz innerhalb der schwulen Subkultur. Vielleicht braucht es Menschen wie jenen syrischen, schwulen Flüchtling am Ende des Films, der uns indirekt ermahnt, dass wir wieder zueinander finden müssen. Nur gemeinsam schaffte die schwule Generation vor uns die Befreiung aus der Unterdrückung und nur gemeinsam werden wir uns gegen das wehren können, was uns derzeit von all den populistischen Ewiggestrigen entgegenschlägt. (ms)

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