Um dieses eine Hormon ranken sich seit Jahren diverse Mythen und Halbwahrheiten. Es sei der Schlüssel zu unserer Männlichkeit, behaupten die Einen. Die Anderen sehen in ihm eine der Hauptursachen für Homosexualität schlechthin. Und für viele scheint klar, ein richtiger Mann ist nur einer mit sehr viel Testosteron im Blut! Was stimmt denn nun und wie beeinflusst es unser Leben, unseren Sex? 

Schwul durch zu wenig Testosteron?

Beginnen wir beim Mythos Nummer Eins: Durch zu wenig Testosteron werden Männer schwul, denn – so das Klischee – der Homosexuelle an sich habe ja oftmals eher feminine Züge beziehungsweise Eigenschaften. Seit den 1980iger Jahren wurden weitreichende Forschungen in diesem Gebiet unternommen und klar ist: Ein Mangel dieses Hormons macht nicht schwul – genauso wenig lässt sich durch eine Testosteronzufuhr die Homosexualität beseitigen. Allerdings mischt das Hormon vor der Geburt wahrscheinlich durchaus bei unserer sexuellen Orientierung mit. Die neusten wissenschaftlichen Arbeiten zur Ursachenforschung, warum Menschen homosexuell werden, untersucht eine ganze Reihe von Phänomenen, dabei dreht es sich meistens um biologische Prozesse. Ein Aspekt ist die derzeit diskutierte „Großer-Bruder“-Theorie: Je mehr ältere Brüder ein Junge hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, schwul zu werden. Laut der bisher größten Studie in diesem Bereich, durchgeführt von der Universität in Toronto, steigt die Chance dabei um 33 Prozent an. Kurz gesagt scheint der Hintergrund ein Protein zu sein, das männliche Föten im Mutterleib produzieren. Bei der ersten Schwangerschaft entwickelt der Mutterleib dann Antigene dagegen, bei weiteren Schwangerschaften weiß der Körper dann bereits, wie er damit umzugehen hat. Diese mütterlichen Antikörper verhindern immer effizienter nach jedem weiteren männlichen Kind das Andocken an die Gene, die wiederum für jene Hirnzentren wichtig sind, die unser Sexualverhalten mitbestimmen. Ein ähnlicher biologischer Effekt kommt nun dem sogenannten pränatalen Testosteron zu, es gibt gleich mehrere Hinweise darauf, dass dieses die sexuelle Orientierung mitbeeinflusst. Meistens durch eine Wechselwirkung zwischen dem Hormonhaushalt der Mutter und dem ungeborenen Jungen. Allerdings muss auch klar gesagt werden, dass Testosteron zwar ein wesentliches, aber nicht das einzige Hormon ist, welches Einfluss auf die spätere Sexualität hat. Kurzum: Nach heutigem Stand gibt es zahlreiche Indizien für die Mitwirkung von Testosteron auf unsere Homosexualität, welche Abläufe dabei allerdings genau ineinander greifen und dabei eine mögliche Wechselwirkung nach sich ziehen, ist bis heute nicht eindeutig geklärt.

Testosteron – Push-up für unseren Sex?

Unbestritten heutzutage ist, dass Testosteron das wichtigste männliche Geschlechtshormon ist. Der Großteil davon entsteht in unseren Hoden, der Rest wird in den Nebennieren gebildet. Gesteuert wird unsere Testosteronproduktion von der Hirnanhangdrüse, die auch mithilfe von Testosteron die Bildung unserer Spermien steuert. Das Hormon ist zuständig für die Entwicklung unserer Geschlechtsorgane und teilweise unserer Muskeln, für die Ausbildung männlicher Merkmale wie Behaarung und tiefere Stimme, befeuert zudem unseren männlichen Habitus und ist zu guter Letzt auch für unsere Lebenslust und unsere Freude an Sex zuständig. Ein gesunder Testosteronhaushalt verbessert also ungemein unser Sexleben und die Lust auf Männer. Für schwule Kerle ist es also das allerwichtigste Hormon schlechthin. Etwa im Alter von 20 Jahren erreicht unsere Testosteronkonzentration im Blut ihren Höhepunkt – das ist jene Zeit, in der viele von uns dauererigiert durch die Gegend laufen. Ab dem 40. Lebensjahr etwa sinkt der Testosteronwert in unserem Blut kontinuierlich um rund ein Prozent pro Jahr ab, ab dem 50. Lebensjahr tritt bei etwa jedem vierten Mann ein Mangel auf. Also kein geiler Männersex mehr bei den Daddys und Best-Agern? 

Auch wenn für einige schwule Jungs schon das Erreichen des 30. Lebensjahres dem Verfall und der vorgezogenen Midlife-Crises gleich kommt, lässt sich beruhigt sagen, man kann als schwuler Mann auch ab 40 und weit darüber hinaus noch geilen Sex haben. Allerdings sollte man vielleicht von Zeit zu Zeit seinen Testosteronspiegel beim Hausarzt kontrollieren lassen und gegebenenfalls nachhelfen. Erste Anzeichen für einen zu niedrigen Testosteron-Wert sind ständige Müdigkeit, Lustlosigkeit und wenig Verlangen nach Sex. Dazu kommen Antriebslosigkeit, Verstimmungen oder auch Gewichtszunahme. Die Symptome gleichen Krankheitsbildern wie einer Depression oder dem Burnout, daher gilt es, sich beim behandelnden Hausarzt Klarheit zu verschaffen. Auch durch zu viel Stress, zu viel Arbeit, schwere Erkrankungen oder dem gesteigerten Konsum von Alkohol und Drogen wird der Wert gesenkt. Besonders drastisch zeigt sich dies bei der Einnahme von Anabolika, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Während die Kerle mit diesen Mitteln ihre Muskeln immer weiter aufpumpen, um einem Ideal von Mann zu entsprechen, verkümmert ihre Männlichkeit und ihre Lust auf Sex im Inneren. Auch die Hoden werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen und zudem bilden sich vermehrt weibliche Brüste durch den Mangel an Testosteron aus. 

Pimp up mein Testosteron 

Die gute Nachricht ist, dass man bei einem niedrigen Testosteronwert nicht gleich alle Hoffnung fahren lassen sollte – der altersbedingten Reduktion lässt sich entgegenwirken: Die allererste Wahl ist hier Aktivität und Sport. Dabei reichen schon zwanzig Minuten adäquates Training pro Tag aus, um Fettpolster in Schach zuhalten und den Testosteronwert zu steigern. Auch die Reduktion der Kalorien- und speziell der Kohlenhydrataufnahme am Abend kann helfen. Generell gibt es auch Hinweise darauf, dass einige Gemüsearten wie Blumenkohl oder Brokkoli sowie auch diverse Nüsse gut sind – und ich rede dabei nicht von jenen, die am männlichen Körper angewachsen sind. Als Geheimtipp zur Steigerung des männlichen Hormons gelten auch Haferflocken. Positiv wirkt sich generell auch Sonnenlicht aus, da es den Vitamin-D-Haushalt anregt. Angeblich könne auch ein gesteigertes männliches Verhalten als Rückkehrwirkung den Wert erhöhen, verlässliche Studien gibt es hier allerdings noch nicht. Mit hoher Sicherheit funktioniert aber eine Hormonersatztherapie. Hierbei wird Testosteron dem Körper zugeführt, das kann kurzfristig über relativ neuartige Gels oder Pflaster erfolgen, die ihre Wirkstoffe direkt über die Haut weitergeben, oder langfristig durch Injektionen oder Depots. Bei ersterem erfolgt im Schnitt alle drei Monate eine Behandlung mit Spritze, bei letzterem wird Testosteron in kristalliner Form unter der Haut implantiert – alle sechs Monate muss die Prozedur erneuert werden. Zu guter Letzt lässt sich das Hormon auch anscheinend auch mit einer täglichen Tabletteneinnahme steigern, allerdings ist die Wirksamkeit hier nicht unumstritten, da die Stoffe sehr schnell in der Leber abgebaut werden und so wohl wenig Wirkung entfalten können. Generell gilt: Vor jeder Therapieform sollte ein Facharzt aufgesucht werden, denn eine unsachgemäße Behandlung kann schwerwiegende Nebenwirkungen und Folgen haben. Also auch Finger weg von dubiosen Präparaten, die sich über das Internet bestellen lassen.

Dauerlatte am Morgen – zu viel Testosteron?

Ganz so einfach ist es nicht, der steife Schwanz am Morgen sagt nicht automatisch etwas über die körpereigene Testosteronproduktion aus, kann aber schon einmal als ein sehr guter Gradmesser angesehen werden. Dabei ist klar, zu viel des Hormons ist genauso schlecht wie zu wenig. Nun, gut, wir alle stehen auf die eine oder andere Weise auf männliche Merkmale, vom Bart, über den Geruch über die Körperbehaarung bis hin zum Schwanz selbst. Zu viel Testosteron bedeutet aber nicht einfach noch mehr geiler Mann, sondern ist ernst zu nehmen. Nicht nur, dass Kerle dann gerne mal wie wildgewordene Affen im Zoo gestikulieren, was irgendwann auch nicht mehr sexy ist. Nein, auch die Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit leidet stark darunter. Das Ergebnis einer Studie des kalifornischen Institute of Technology legt nahe, dass Männer mit zu viel Testosteron im Blut weniger bei ihren Handlungen überlegen, nur noch von sich selbst überzeugt sind und dabei rund zwanzig Prozent mehr Fehler machen als zuvor – bis hin zu fatalen Entscheidungen. Dauerhaft verändert zu viel Testosteron Männer also zu gefährlichen Persönlichkeiten, die ihre Fähigkeit einbüßen, eigene Handlungen zu überdenken. Warum nur muss ich jetzt an das White House in Washington denken? Doch neben charakterlichen Eigenschaften deutet eine Überproduktion des Hormons auch auf ernste Erkrankungen wie Hodentumore oder andere Krebserkrankungen zum Beispiel in der Nebenniere hin.

So sehr wir auch auf männliche Merkmale stehen, zu viel davon bereitet auch keinen Spaß mehr! Die richtige Mischung macht es und bei Bedarf lässt sich der eigene Testosteronspiegel erfolgreich anpassen. Und keine falsche Scham, selbst Popstars und männliche Sexsymbole wie Robbie Williams gaben zu, sich Testosteron zu spritzen, nachdem ein Arzt bei ihm angeblich einen Wert eines Hundertjährigen festgestellt hatte. Auf der anderen Seite, wer mit hundert Jahren noch den Sexappeal wie Williams hat, wer braucht da noch Testosteron?

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