Yoshua macht keinen Hehl daraus, dass er nicht verstanden wird von der Welt dort draußen. Er steht zu seinen Gefühlen, zu seinen leidvollen Erfahrungen. Seine musikalischen Einflüsse reichen dabei von Janis Joplin über Michael Jackson bis hin zu Amy Winehouse und den Cranberries. In diesen Zeiten von Gewalt, Mobbing und Seelentod des Individuums durch neoliberale Ansprüche und Gehässigkeiten überall ist es umso mehr Wert, dass da einer ist, der zu seinen weichen, verletzlichen Seiten steht, und, mehr noch, sie in etwas Starkes, Unverletzliches transformiert. 

Ich habe deine EP rauf und runter gehört, es ist wirklich wunderschöne Musik. Vielen Dank! Das freut mich total, ich gebe mein Bestes.

 Wann hast du angefangen, Musik zu machen? Meine Stimme war schon immer da, sie half mir, mich Tag für Tag am Leben zu halten. Und sie tut es immer noch; ich habe gelernt meinen Schmerz in der Stimme zu zerlegen und zu entfalten. Da schaffe ich eine Welt, in der ich leben kann, ein Zuhause, das ich in der Realität vergeblich suche. Dies ist meine erste Veröffentlichung. Ich hatte vorher schon viel ausprobiert, fühlte mich aber irgendwie immer eingeschränkt in den Kooperationen mit Produzenten. Dann habe ich aber den Musiker Sven Bünger kennengelernt. Es hat sich gleich richtig angefühlt. 

Wie sieht so eine typische Studio-Session bei dir aus? Ich schreibe oft eine Kurzgeschichte, die ich mit ins Studio bringe. Meistens über aktuelle soziale, persönliche oder politische Themen. Dann schreiben wir zusammen weiter an den Texten. Ich wähle für solche Sessions auch gerne bewusst Menschen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Denn jeder Mensch nimmt Dinge ja anders war. Manche der Themen, die ich angehen will, sind auch so komplex, dass ich mir bewusst noch die Meinung von anderen einhole. 

Wie etwa bei deinem Song „Ich hab dich“? Darin beschreibst du sehr gewalttätige Szenen … In dem Lied geht es um Kindersoldaten in Afrika. Es gibt so viele Menschen, die nicht gehört werden. Ich möchte nicht einer dieser Künstler sein, für den soziale und politische Themen nicht relevant genug sind. Ich möchte emotional sein und ich muss zeigen, was ich fühle. 

In „Lärm der Zeit“ aber geht es mehr um deine persönliche Wut? Ja, das Lied ist sicher das persönlichste auf der EP „YOSHUA“. Ich bin oft wütend auf mich selbst, aus ganz verschiedenen Gründen. Es geht auch darum, konkret mit meiner düsteren Seite im Alltag umzugehen, mit Gedanken an Selbstmord und Selbsthass. Ich wusste nicht, wie ich solche Themen ausdrücken kann, bis ich auch da gemerkt habe, dass Musik mir immer wieder mein Leben schenkt. Zuhause bei meinen Eltern konnte ich über solche Dinge nie sprechen. Die Musik entwickelte sich als meine eigene Sprache.

(c) Lotta Landbeck

Dabei bist du bestimmt nicht der Einzige, der solche Probleme hat. Geht es dir denn jetzt damit besser? Hat dich dieser Prozess persönlich weitergebracht? Ich habe das Gefühl, dass ich weiß, warum ich lebe. Mir fällt immer mehr auf, dass viele Menschen schon so sehr die gesellschaftlichen Normen internalisiert haben, dass sie gar nicht mehr das Bedürfnis haben, ihre Existenz zu hinterfragen. Sie wollen noch höher, noch weiter, noch schneller sein. Zu erkennen, dass es gut für mich ist, ein Emotionalist zu sein und darin meinen Sinn zu finden, hat mir geholfen. Ich habe gelernt, dass es sich für mich lohnt, so weiterzumachen. Die düsteren Gedanken sind da, aber meine künstlerische Arbeit, meine Musik, fängt mich immer wieder auf. Etwas finden, wofür man leben will – das habe ich gefunden. 

Trittst du gerne live auf? Die Bühne ist mein Ort, mein Platz, an dem ich alles zeigen darf, wofür ich aufstehe, das, wofür ich kämpfe und gekämpft habe. Pure Leidenschaft im Hier und Jetzt. Ich sehe die Menschen, wie sie auf das reagieren, was ich zeige und anspreche. 

Stehst du auch auf Männer? Ja! 

Meinst du, das wird zum Problem für dich, was deine Karriere angeht? Es ist ein Problem für die Menschen, die noch homophobe Ansichten haben. Für mich ist es keines. Mich faszinieren menschliche Körper, sowohl der männliche als auch der weibliche. Warum das etwas sein muss, das man erklären muss, verstehe ich nicht. Heterosexuelle müssen ihre Sexualität nicht erklären, warum müssen Menschen mit anderer Sexualität das tun? Es ist ungerecht und diskriminierend. Eine Sexualität zu haben ist keine Schwäche. 

Du lebst in einer sehr fortschrittlichen Großstadt, in Hamburg. Erlebst du dennoch Homophobie? Ja, viel sogar. Und die Menschen stören mich, genau so wie sie Millionen andere damit stören. Die rassistische oder sexistische Diskriminierung: So etwas gehört nicht in unsere Gesellschaft! Grundsätzlich frage ich mich aber auch, warum wir überhaupt in etwas eingeteilt werden müssen. Warum wollen Menschen ein Stereotyp erfüllen? Ich identifiziere mich nicht mit den Merkmalen eines Mannes, ich will mich mit mir selbst identifizieren. Und wenn mich jemand versucht, irgendwo einzuordnen, wird er daran scheitern.

 Das kann aber nicht jeder so gut für sich erkennen oder akzeptieren. Mir war immer bewusst und das wird es mir immer mehr, dass es etwas sehr Schönes ist, seine pure Sexualität frei zu entfalten. Das verteidige ich auch oft und gerne, ich reiße die Klappe bewusst weit auf und mache meinen Gegenüber mundtot, wenn seine oder ihre Ansichten meine Sexualität schlecht machen. Denn sie machen nicht nur mich schlecht. Wenn ich mich verteidige, denke ich gleichzeitig an die Millionen, die ich verteidigen muss. Das hat meine Stimme und mein Selbstbewusstsein gestärkt. 

 

Yoshua „Yoshua“ | EP VÖ am 4. Mai 2018 | Chefrecords Ratekau

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Fotos (C) Lotta Landbeck

Interview: Torsten Schwick

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