Es zählt nicht nur zu den besten Clubs der Welt, das Berghain zwischen Ostbahnhof und Weberwiese. Es ist sogar der beste, meint die Fachpresse für elektronische Musik. Und es beheimatet ein schmutziges, dunkles Geheimnis: das „Lab“. Hier frönen schwule Männer der ungezügelten Fleischeslust unter Einsatz von Körper- und anderen Säften, während schräg über ihnen kaum weniger gezügelt die Bassboxen des Berghain die Innereien des EasyJetsets und der einheimischen Technoiden rechtwinklig auffalten. Manchmal beginnen sich die Grenzen der Veranstaltungen aufzuheben – und so begann es auch vor bald zwanzig Jahren. Eine Zeitreise.

Das hier ist ein Tabu. Diese Linie kann ich nicht überschreiten. Ich, damals Mitte 20, komme aus Hamburg – und dahin muss ich auch wieder zurück. Werde ich nachher den strengen Blick des Intercity-Schaffners ertragen? Will ich mir die Blöße geben, dass sich Menschen umdrehen, die Nase rümpfen, einen Bogen um mich machen werden? Mein würziger Dunst wäre mein Begleiter. Mein Herz pocht und mein Schwanz schlägt mittlerweile hart gegen die Uniformhose. Und ich werde taxiert, spüre Blicke durch das Dreivierteldunkel dieses Seitenraumes, der schwach von Grablichtern erhellt wird. Die Strobo-Gewitter vom Dancefloor machen die optische Erkundung etwas leichter, aber unter meinen Stiefelspitzen dampft ein dunkles Loch im Boden. Um mich herum  benutzt man dieses Loch als Urinal. Ich lasse meine Pisse nach einer kurzen Phase der Konzentration laufen, hier kümmert‘s wohl keinen.

Wir schreiben das Jahr 1998. Wie konnte es bis hierher auf den Ostgüterbahnhof am Rummelsburger Platz überhaupt kommen? Lab.oratory und Berghain von 2014 verbindet der „Snax Club“ mit den illegalen Partys in aufgegebenen DDR-Liegenschaften und mit der Generation Love Parade im „OstGut“. Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Snax-Premiere im Reichsbahn-Bunker an der Albrechtstraße – und da waberte in der noch weitgehend Internet-freien Szene der Begriff Snax schon Monate lang: eine unregelmäßig veranstaltete Techno-Party für schwule Männer mit viel Entfaltungsraum für sexuelle Abenteuer. Ein drastischer Gegenentwurf zur homosexuellen Feier-Kultur der frühen 90er-Jahre in Westdeutschland. Irgendwie „alternativ“ und so attraktiv, dass bald aus Hamburg, Hannover, Frankfurt oder Stuttgart ein „Großer Treck“ nach Berlin ging, sich der Nachwuchs der Leder- und Fetisch-Szene fast geschlossen in der neuen und alten deutschen Hauptstadt wiederfand. Damals, als HIV seine hässlichste Fratze verlor, sich die Dreier-Therapie etablierte und neue Hoffnung keimte.

Mit der Schließung des Technobunkers begann ab 1997 eine Odyssee durch das innerstädtische Zonenrandgebiet – Milchhof und RAW einige Spielorte des Veranstalter-Duos Norbert und Michael mitsamt ihren engagierten Helfern. Dann fand sich die Lagerhalle am Ostgüterbahnhof. Ein Zuhause im Stile des real existierendem Betonsozialismus mit einem schmutzigen Detail: dem Feuchtgebiet „Grube“.

Hier bin ich unter Meinesgleichen. Bis zu 4000 sollen wir sein, die sich während eines Snax‘ auf Tanzfläche, Darkrooms und an den Tresen tummeln: Bomberjacken, Lederchaps, Gummistiefel, Domestos-Jeans, Holzfäller-Westen, Latz-Hosen, Knobelbecher, Pferdeschwänze, Glatzen. Stahlbeschwert, tätowiert und bunt gesenkelt. Dick wie dünn. 145 bpm und laut. Zwölf Stunden und länger. Geil.

Ekstatisch brutaler Leistungssport. Hier, zwei Meter unter Dancefloor-Niveau, war früher sicher der Platz für einen KFZ-Mechaniker, jetzt steht hier die Pisse knöchelhoch und erreicht noch vor Sonnenaufgang die zweite Stufe der steilen, glitschigen Betontreppe nach oben. Viele Benutzer dieses praktischen Urinals neben der Tanzfläche sind die tanzwütigen Techno-Jünger, die ihren Flüssigkeitshaushalt regulieren, ohne den Rave zu unterbrechen. Andere lungern – soviel kann ich mittlerweile erkennen – schon länger herum und haben teilweise ihren Schwänzen Freigang erlaubt. Hier wird geblasen und gefickt.

Pheromone und eine Portion Ammoniak hängen in der Luft, ein Poppersfläschchen zerschellt. Zur weiteren Aromatisierung des Raumes trage ich mit einem Joint bei und wechsele die Position, um besser hinab in die Grube zu schauen. Oben ist sie mit einem wackeligen Bretterzaun bewehrt. In der Jauche unten kniet ein Kerl mit langen Gummistiefeln.

Beinahe hätte die Grube den Umzug in die heutige Location nicht geschafft. Gut unterrichtete Kreise sprechen davon, dass sie die letzte, noch eilig projektierte Änderung war. Man hätte sie beinahe auf dem Gelände zurückgelassen, auf dem heute die o2-Arena thront und nichts mehr erinnert an das legendäre OstGut. Zu diesem festen Techno-Club entwickelte sich der Snax und öffnete seinen Dancefloor ab Januar 1998 regelmäßig am Wochenende und für ein breiteres Publikum. Das Besondere: Es war der erste Techno-Club mit dunklen Räumen zum Rückzug in sich selbst oder eben in andere. Das irritiert manche auch heute noch im Berghain, genauso wie die Altersstruktur, die fehlenden Spiegel und die akzeptierte Durchmischung aller Geschlechter jedweder Orientierung. Zum ersten Mal bumsvoll war der Schuppen am Vorabend der Love Parade ‚89, Sven Väth hatte sich angekündigt und das OstGut war heterosexuell geflutet. Manch einer empfand sein zweites Wohnzimmer als vergewaltigt vom Kommerz. Andere verstanden es als Quersubventionierung für den ebenfalls Wand an Wand neueröffneten Sex-Club Lab.oratory. Panorama-Bar und Garten sollten folgen. Die letzte Club-Nacht am ersten Januar-Wochenende 2003 wollte einfach nicht enden, für mich endeten damals unwiederbringlich „meine“ 90er-Jahre. Bis zur Wiedereröffnung des Lab sollte es 1156 Tage dauern.

Was ist es, das einen erwachsenen Mann dazu bringt, sich von anderen Männern bedingungslos anpissen zu lassen in einem klar gezeichneten Bild der Unterwerfung? Das geschieht vor aller Augen! Oder ist es genau das: der Exhibitionismus der eigenen Perversion? Tickt gar ein archaisches Programm in einigen unter uns zur „speziellen“ Hautpflege? Dem Urin werden in der Literatur bisweilen Wunderkräfte nachgesagt. Oder wollen manche bloß für bestimmte Zeit einen anderen Geruch annehmen? Hunde wälzen sich schließlich auch in allem möglichen. Die Motive bleiben unklar, meine durchgeweichten Rangerboots und das eigene Dauergrinsen sprechen weit nach Sonnenaufgang eine deutliche Sprache der Befriedigung.

Damals wie heute ist der Ostbahnhof Anlaufpunkt für einen Abend im Lab. Das Berghain mit seiner im Herbst 2004 wiedereröffneten Panorama-Bar und dem neuen Lab ab März 2006 haben in Sichtweite der o2-Arena im ehemaligen Heizkraftwerk am Wriezener Bahnhof einen Palast als Heimstatt gefunden, ein graues Industriedenkmal im Stil des Sozialistischen Klassizismus. Bar bezahlt, so übertreibt mancher in der Szene.  Mit Herzblut hergerichtet für eine lange und selbstbestimmte Zukunft als Landmarke des schillernden Nachtlebens dieser Stadt, soviel ist sicher. Und für ehrliche Arbeit wird branchenuntypisch gut gezahlt. Das sichert Loyalität: Obwohl sich in den vergangenen Jahren die Boulevard-Presse mehrfach an der Diffamierung des ungewöhnlichen Amüsement-Betriebes versucht hat, sind Einzelheiten über die Anwesenheit oder Ausschweifungen von A-Prominenten nie in die Schlagzeilen geraten. Diese kollektiv verabredete Privatsphäre macht den besonderen Charme der vier massiven Betonwände aus – es galt und gilt striktes Fotografierverbot und der von den Machern selbst auferlegte Maulkorb zur Presse. Hier bin ich Schwein, hier darf ich‘s sein.

Fiese wehte an jenem Sonntagvormittag der Westwind die Stralauer Allee entlang durch die klammen Klamotten. Wieder keine Augen für die Eastside-Gallery. Stattdessen Sonnenbrille. Noch dreieinhalb Stunden bis Hamburg Hauptbahnhof. Kein Schaffner im Interzonenzug. Schön war‘s.

www.lab-oratory.de

Ole für Boner Magazine

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