Berlin, die schwule Sex-Hauptstadt Deutschlands. Wenn nicht sogar Europas. Was hier tagtäglich passiert, ist nicht zu vergleichen mit den Geschehnissen in irgendeiner anderen Stadt. Selbst zu Corona-Zeiten nicht. Oder ist das alles nur ein dummes Klischee? Haben wir Berliner Jungs wirklich mehr und krasseren Sex als all die anderen?

Der DJ, Autor und ehemalige Radiomoderator Caramel Mafia hat sich diese Frage auch gestellt – daraus entstanden ist ein spannender Podcast namens 030-Bootycall. Jeweils eine Stunde lang unterhält sich der aufgeweckte junge Mann mit Menschen aus der Hauptstadt – vom schwulen Kerl über eine Transperson bis zur sexpositiven Single-Frau.

Jede Folge ist anders und trotzdem darf man jedes Mal in das Seelenleben dieser Menschen tief hineinblicken – und mit etwas mehr Abstand blickt man dann auch plötzlich in das Seelenleben einer ganzen Stadt. Der einen Stadt, um die sich all die Sagen rund um sexuelle Freiheit bis heute ranken – Berlin.

Caramel hat sie alle schon vor dem Mikrofon gehabt – sie haben ihm erzählt, wie kreatives Auspeitschen für Fortgeschrittene funktioniert, was beim Sex im Ziegenstall passiert oder wie genau so ein Grindr-Date in Ägypten abläuft.

Und wie war das noch einmal mit dem Kerl, der nur noch geil wird, wenn andere Männer an seinem Schwanz herumspielen und er das anschließend online stellen kann? Inzwischen schockt Caramel nichts mehr:

„In Berlin ist man durchaus abgehärtet, weil man auch echt viel hört. Manchmal fiel mir dann schon die Kinnlade ein wenig runter. Aber hier in Berlin sind sowieso alle Leute irgendwie am daten, da kann jeder eine abgefahrene Story erzählen.“

Aus dieser Grundidee heraus entstand einst auch die Idee zu seinem Podcast: Er saß mit Freunden in einer Bar und während sie sich gegenseitig kuriose Erlebnisse berichteten, spitzten alle anderen Gäste um sie herum neugierig die Ohren.

Inzwischen wird jede Folge von immer mehr Menschen gehört und auch wildfremde Kerle sprechen Caramel neuerdings auf Partys an und berichten ihm ungefragt ihre Dating-Highlights. Oftmals handelt es sich um sehr lustige Geschichten, doch die Trennlinie zwischen Funstory und Horrordate ist haarscharf:

„Da sind echt auch schlimme Sachen passiert. Ich habe zum Beispiel mit Leuten gesprochen, die bei Dates abhauen mussten, weil die Typen sie eingesperrt hatten. Die sind aus dem Badezimmer-Fenster geflüchtet. Oder es lagen Messer auf dem Tisch als so eine Art stille Bedrohung. “

Ein anderer Kerl wurde mit K.o.-Tropfen betäubt und anschließend seine ganze Wohnung leergeräumt.

„Solche Sachen können wirklich immer passieren und es passiert auch gar nicht so selten, wie man sich das vielleicht vorstellt. Es gibt da eine ziemlich hohe Dunkelziffer von Kerlen, die aus Scham oder Angst gar nicht erst deswegen zur Polizei gehen.“

Oftmals gibt es diese Gedankenlosigkeit auf vielen Ebenen, zum Beispiel wenn es um das Thema Verhütung geht. Dabei wäre es so einfach, nicht in solche Situationen zu geraten – eine simple Möglichkeit wäre zum Beispiel, einem Freund Bescheid zu geben, wenn man sich zu einem Blinddate trifft. Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie, auch Caramel hatte das schon erlebt:

„Ein Date von mir ist nicht so gelaufen, wie sich das der Andere vorgestellt hat. Er hätte wohl gerne mit mir Sex gehabt und ich wollte nicht. Am Ende hat er quasi als Strafe ein vollgekacktes Handtuch in meinem Bad zurückgelassen.“

Aber hey, wir sind in Berlin, nicht wahr? An der nächsten Ecke wartet bereits der nächste Kerl und die nächste Ablenkung.

„Hier in Berlin ist alles viel schnelllebiger, die Menschen entwickeln gerade eine ganz komische Art, mit anderen Menschen umzugehen. Diese ständige Verfügbarkeit, dieses Überangebot, das verändert unser Dating-Verhalten. Viele sind dadurch nicht mehr offen dafür, jemand Anderen wirklich kennenzulernen. Wirklich Zeit und Energie zu investieren.“

Klingt wie ein Paradox, oder? In Berlin gibt es mehr schwule Kerle als irgendwo sonst in Deutschland, aber trotzdem oder gerade deswegen ist es wohl auch schwieriger.

„Schaut man einmal in ländliche Regionen, wo das Schwulenleben nicht so pulsiert wie in Berlin, begreifen die Leute meistens schon etwas eher, wen sie da vor sich haben, was diese Person bieten kann und wie schön das alles sein kann. Hier in Berlin habe ich das Gefühl, das schwule Männer ganz schnell die Segel streichen. Frei nach dem Motto: Wenn es nicht mit dem einen klappt, klappt es mit fünf anderen.“

Macht uns das Überangebot an Kerlen also am Ende einsamer?

„Ganz viele Leute haben mir das im Podcast erzählt, dass sie sich mehr Verbindlichkeit wünschen. Nicht nur bei einem emotionalen Date, sondern tatsächlich auch bei einem Treffen für Sex. Das man sich nicht stundenlang Bilder hin und her schickt, aber dann schlussendlich nicht auftaucht.“

Und die Liebe?

Oder verbietet es sich beinahe, in der „Stadt der Sünde“ überhaupt danach zu fragen? Caramel dazu:

„Sex geht in Berlin immer, aber sich in der Stadt zu verlieben ist schwieriger als anderswo. Davon bin ich überzeugt. Man lässt sich hier gerne alle Optionen offen. Man schaut immer nach rechts oder links, anstatt geradeaus zu blicken und festzustellen, dass das, was vor einem liegt, vielleicht wirklich das Gute und Richtige ist.“

Spannend und erstaunlich ist Caramel Mafias Erfahrung, wenn es um die Liebe in Berlin geht. Glauben wir nämlich dem Klischee, suchen alle schwulen Kerle doch in erster Linie Sex. Doch die intimen Gespräche im Podcast zeichnen ein völlig anderes Bild von den Menschen in dieser Stadt:

„Es geht ganz oft um Hoffnung, denn die meisten Leute erhoffen sich etwas, wenn sie auf ein Date gehen. Klar, das kann die schnelle Befriedigung sein, aber oftmals ist es auch die Sehnsucht und der Wunsch nach einem Partner. Am Ende des Tages ist es das, was alle Leute antreibt. Durch die Erlebnisse, die viele gemacht haben, sagen sie sich, sie wollen gar keinen Partner. Aber tief in ihrem Inneren ist es das, was alle gerne hätten. Wie auch immer so ein Beziehungsmodell dann aussieht, aber auf jeden Fall wünscht sich beinahe jeder eine Person, zu der man gehört und die einem das Gefühl von Geborgenheit gibt.“

Da liegt sie nun vor einem, diese Stadt, die tausend Lichter, die nie endenden Dates. Und hinter all dem Schein, hinter all dem Blitzlichtgewitter versteckt sich der Wunsch nach Nähe.

„Man sollte achtsam mit sich und anderen Leuten umgehen. Leute, redet miteinander! Wir müssen lernen, unsere Bedürfnisse und Wünsche und das, was uns beschäftigt, besser zu kommunizieren. Wir können das alle ein bisschen besser!“

Da hat Caramel Mafia mit Sicherheit recht. Und so schafft der Berliner DJ etwas wirklich bemerkenswert Rares – er hält Berlin den Spiegel vor und hinter all der Show liegt plötzlich etwas Verletzliches, etwas, das beinahe schüchtern auf Zuneigung hofft. Ein schönes Bild dieser Stadt und ihrer Bewohner. Oder wie drückte es ein Gast im Podcast so schön aus:

„Wenn wir uns alle nackt kennenlernen würden, dann hätten wir nur die Hälfte der Probleme.“

Klick dich rein: PODCAST 030 BOOTYCALL

Credit Bilder: Cockyboys. Portraitfoto: Rafael Medina

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