Schwule Clubs in finanzieller Schieflage, zunehmende Kontrollen in einschlägigen Bars. Ist die Berliner Szene in Gefahr? Jein, meint Veronika vom Club Culture Houze in Kreuzberg. Die Community habe sich verändert und müsse sich auch immer wieder verändern, um zu überleben. Ein Konsens muss her. 

Was meinst du damit, die Community habe sich verändert? Wenn man zurück schaut, in die 90er, da wurde das Fundament des heutigen Party-Berlins gelegt. Mit der Abschaffung des §175 durfte man plötzlich ganz offiziell schwul vögeln gehen. Vorher war das strafbar. Daher haben wir auch in Schöneberg sozusagen die Urmutter des halböffentlich-schwulen Sexes in Deutschland. Damals war es wichtig zu sagen und zu zeigen: Wir sind schwul, wir sind lesbisch, wir sind sichtbar! Nicht mehr ab in den  Keller, im fünften Hinterhof, den man nur betreten darf, wenn man das heimliche Klopfzeichen kennt. Die jungen homosexuellen Menschen sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst der schwule Bürgermeister ist inzwischen wieder out und die Frage der sexuellen Orientierung stellt sich gar nicht mehr. Die junge Generation kann alle Räume gleichermaßen nutzen. 

Die Identitätsfrage ist übeholt? Die schwule Szene, wie sie war, gibt es eigentlich nicht mehr. Es ist auch nicht mehr interessant, ob du nun binär, non-binär, lesbisch-trans-queer, trans-selbstdefiniert, schwul, ein Bär, eine Kampflesbe, ein Otter oder ein Lederkerl bist. Wenn man das alles aber in so kleine Untergruppen packt, kann man uns auch leichter kaputt machen.

“Die Persönlichkeit muss wieder zählen, nicht nur die sexuelle Definition. Die Community müsste eigentlich all das sein, was nicht hetero-normativ ist.”

Macht es dieses Nischendenken nicht auch schwieriger, etwa für Clubbesitzer, Räume attraktiv zu halten? Ich kann nicht für jede Unterkategorie eine Party machen. Und an dem Punkt zerreisst die Selbstdefinition den Schutzraum Community, weil sich immer einer ausgeschlossen fühlt. Dabei geht es doch darum, sich umzuschauen und zu sehen, was es sonst noch alles gibt, welche Aspekte noch drin sind. Wenn sich immer einer ausgeschlossen fühlt, kann das in unserer feingliedrigen Szene dazu führen, dass wir uns von innen heraus zerschlagen. Im Moment empfinde ich es so, dass die Community einer Zerreißprobe ausgesetzt ist. 

Und woran liegt das? Ich denke es liegt daran, dass wir uns diesen Luxus hier leisten können. Du kannst auf einer Heteroparty rausschreien: „Ich bin non-binär und möchte bitte ohne Artikel angesprochen werden.“ Jeder Berliner weiß dann sofort, was zu tun ist. Wenn du aber in Neubrandenburg wohnst, versteht das keiner. Da bist du wieder ein Freak! Der Trend müsste meiner Meinung dahin gehen, sich zwar weiterhin mehr selbst zu definieren, aber auch toleranter dem Gegenüber zu werden. Es muss wieder mehr um Aufgeschlossenheit gehen, auch beim Sex. Die Persönlichkeit muss wieder zählen, nicht nur die sexuelle Definition. Die Community müsste eigentlich all das sein, was nicht hetero-normativ ist.

„Ich glaube, der Bedarf an realer Kommunikation und haptischen Eindrücken ist enorm“

In Zeiten von Tinder und Grindr, braucht man da überhaupt noch Sexclubs? Du vielleicht nicht, weil du einen Pimmel hast.

Gibt es keinen „weiblichen“ oder „queeren“ Grindr? Nein wir haben nichts. Von daher ist das für einen Mösen-Menschen wie mich schwieriger. Aber auch viele Männer sind unzufrieden mit Mobile Dating. Ich glaube, der Bedarf an realer Kommunikation und haptischen Eindrücken ist enorm. Selbst wenn man weiß, der Typ hat einen 21×5-Schwanz, hat man ja immer noch kein Gesicht gesehen.

Man hört derzeit viel von verstärkten Kon­trollen durch Polizei und Ordnungsämter. Ist dir das auch schon passiert? Es gibt überall Probleme, aber wenn man voll konzessioniert ist, gibt es eigentlich keinen Grund, diese Konzession weg zu nehmen. Wir leben ja nicht in einem rechtsfreien Raum. In den 90ern wurde oft auch ein Auge zugedrückt, bei Casinos, Spielhallen und vielen anderen Dingen. Der Wendepunkt kam, als Berlin Regierungsstadt wurde und alles auf einmal total korrekt sein musste. Es gab eine große Flut von Behördenauflagen, Kontrollen, Abmessungen. In diesem ganzen Behördendschungel tut sich ja auch ständig was. Es ist normal, dass sich eine Behörde alle paar Jahre mal wieder meldet, weil gewisse Anforderungen nicht mehr zeitgemäß sind.

Veronika vom Club Culture Houze

Kann der Anlass dafür der Brand in der Apollo-Sauna gewesen sein? Das hat uns damals sehr schockiert. Wir haben daraufhin intern erst einmal alles gründlich kontrolliert. Man wird auch betriebsblind, daher haben wir gemeinsam mit einem Sicherheitsexperten geschaut, was wir noch verbessern können, selbst wenn bereits alle Auflagen erfüllt sind. Wenn wirklich einmal was passiert, wird doch keiner mehr froh. Schwieriger ist es bei Läden, die es seit zwanzig oder dreißig Jahren gibt, wie etwa in Schöneberg. Die hatten damals ganz andere Auflagen. Es handelt sich um Altbestand und da muss man schauen, wie man eine Lösung hinbekommt. Brandschutz ist natürlich finanziell immer ein Killer. Umgesetzte Baumaßnahmen verändern zusätzlich den Charakter einer Location. Da muss man also einen Konsens finden, der auch beinhaltet, dass Altbestand schützenswert ist. 

Berlin ist auch nicht mehr so billig, wie es einmal war … Wir müssen wirtschaftlich arg schauen. Das trifft alle. Unsere Mieten sind wahnsinnig explodiert, Lohnkosten, Energiekosten, Einkauf, alles ist teurer geworden. Neue Auflagen müssen irgendwie finanziert werden. Ich glaube die Menschen müssen füreinander und miteinander wieder ein bisschen aufstehen. Es ist egal, was du bist, wir sitzen alle im selben Boot und das ist den Leuten nicht klar. Ich denke, auch ein hetero-flexibler Mensch kann sich für einen schwulen Club stark machen und sagen: „Hey, diese Vielfalt ist wichtig.“ Unabhängig davon, ob man diesen Raum dann auch selbst nutzt. Es gibt zu wenig Räume der Vielfalt, nicht nur in Berlin, sondern global. Dafür müssen alle aufstehen.

www.club-culture-houze.de

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