Und? Schon beleidigt?

Oder braucht es noch etwas mehr, bis du dich so richtig in deinem Glauben verletzt fühlst? Oder gehörst du zu der immer größer werdenden Gruppe von Menschen, die sich von jeder Religion abwenden?

Schwule Männer und der Glaube – das ist eine mitunter sehr seltsame Verbindung, die von außen betrachtet ratlos macht. Es ist leicht, sich über gläubige Menschen lustig zu machen, da vielen von ihnen selbst auch der Humor zur Selbstreflexion fehlt. Je verbissener, desto amüsanter.

Witze über Schwule? Kein Problem. Aber beleidigst du meinen Gott, haben wir Krieg – woher kommt das? Und wie sollten wir zu Beginn dieser neuen Dekade mit dem Thema Glauben generell umgehen, wenn er immer wieder und immer stärker als Grundlage benutzt wird, um schwule Menschen als minderwertig zu definieren?

© Jason Ebeyer – jasonebeyer.co – @jasonebeyer

Religiöse Menschen zu beleidigen geht schnell, es ist so vorhersehbar wie langweilig und trotzdem sollte man es nicht mit einem Achselzucken abtun. Denn wer den Glauben mit aller Radikalität verteidigt, verlässt sehr gerne den Boden von Rechtsstaatlichkeit. Freie Meinungsäußerung? Freiheit der Kunst und Kultur? Vergessen. Am schlimmsten schäumt der betende Mund, wenn Homosexualität in Verbindung mit einem Gott gebracht wird, egal um welche Religion es sich dabei handelt.

Netflix musste sich erst vor kurzem rabiaten Protesten entgegenstellen, weil sie die brasilianische Comic-Komödie „Die erste Versuchung Christi“ online stellen wollte – darin ist Jesus schwul. Gleiches geschah bei der Serie „Messiah“ über die angebliche Rückkehr Jesus Christus. Jahre zuvor erging es der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Serie „Götter wie wir“ nicht anders, darin wird Gott von zwei Männern in Frauenkostümen verkörpert. Es hagelte über 25.000 Protestbriefe – das ZDF stellte die quotenmäßig sehr erfolgreiche Serie ein. Warum nur zeigen sich Menschen so verletzt, wenn sie über ihren Gott lachen sollen?

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Die Hingabe an ein höheres Wesen ist nicht neu und bis heute glauben mehr als vier von fünf Menschen weltweit an einen Gott. Auch wenn in Deutschland die Zahl der Atheisten mit rund vierzig Prozent inzwischen die größte Bevölkerungsgruppe darstellt, bleiben die Zahlen weltweit gesehen relativ stabil. Eine Überraschung – noch im 19.Jahrhundert waren die meisten Wissenschaftler davon überzeugt, dass mit der Mehrung der Bildung und des Wissens über die einstmals unerklärbaren Phänomene unserer Existenz die Religion nach und nach aussterben würde.

Doch das Gegenteil ist der Fall, allein in Deutschland zählt man aktuell über einhundert Glaubensbewegungen. Schon einmal etwas von den Zaiditen, Unitaristen oder Mandäern gehört? Ach, und echte, sogenannte Jesus Freaks gibt es auch. Auch wenn inzwischen über fünftausend Religionen in Vergessenheit geraten sind, der Mensch wird nicht müde, sich stetig Neue auszudenken.

Wie brutal, grausam und Menschen verachtend die Religionen sind, kann man bei Interesse in ihren Werken selbst nachlesen. Und bis heute werden Menschen wie Luther zum Beispiel in der protestantischen Kirche gefeiert und dabei wird liebevoll weggelächelt, dass er ein frauenfeindlicher Antisemit war. Da stehen dann lesbische Priesterinnen am Altar und Luther rotiert im Grab, denn „die Ordnung fordert Zucht und eher, dass Weiber schweigen, wenn die Männer reden. Weibern mangelt es an Stärke und Kräften des Leibes und am Verstand.“

Des Weiteren sind behinderte Kinder des Teufels, das einfache Volk muss mit Gewalt unterjocht werden und alle Andersdenkenden (wie auch Homosexuelle) und ungehorsamen Söhne haben die Todesstrafe verdient. Nicht viel freundlicher gehen Religionen vom Islam bis zum Christentum mit allgemeinen Menschenrechten um. Der britische Biologe Richard Dawkins brachte es auf den Punkt:

„Der Gott des Alten Testaments ist die unangenehmste Gestalt der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.“

Richard Dawkins. Foto: David Shankbone

Schon Jahrhunderte früher fragte sich der griechische Philosoph Epikur, warum Gott das Übel in der Welt nicht beseitigt und er kam zu dem Schluss, dass er es entweder nicht könne oder nicht wolle oder eine Mischung aus beidem. So oder so sei das kein Gott.

Und schon hören wir sie wieder aufschreien, nicht wahr?

Man dürfe die religiösen Texte doch nicht wörtlich nehmen, auch nicht den armen Luther, sie alle waren doch Autoren, gefangen in ihrer jeweiligen Zeit. Man müsse die Texte neu und modern interpretieren. Faszinierend, dass dies immer nur auf die unangenehmen Passagen für die Kirchen zutrifft, wenn es aber darum geht, schwule Männer zum Beispiel zu steinigen – hey, come on, lass es uns noch einmal tun. Always look on the bright side of life.

Und die Kirchen selbst verweigern jeden wirklichen Schritt hin zu einer Modernisierung. Und Jesus? Hast du dich jemals gefragt, warum über die Jugendjahre von Jesus Christus in den vier Evangelien nichts zu finden ist? Vom Kind zum über dreißigjährigen Märtyrer von einer Seite zur anderen. Es gibt mehrere andere Evangelien, sie sind von der katholischen Kirche nur nicht offiziell freigegeben, weil sie Jesus durchaus auch als jähzornigen Typen darstellen.

Das Problem ist: Wir wissen vieles davon. Wir lesen es. Uns ist als logisch denkende Menschen klar, dass wir keine biblischen zehn Gebote brauchen, wir haben ein Ding namens Grundgesetz. Wir wissen, dass wirklich jeder Fortschritt in der Menschheitsgeschichte gegen den erbitterten Willen der Kirchen erkämpft wurde.

Nach wie vor haben wir auch in Deutschland noch keine komplette Trennung von Staat und Religion (Stichwort männliche Beschneidung oder Partyverbot an Feiertagen z.B.), doch die Allmacht der Kirche ist zum Glück nicht so extrem wie in anderen Ländern. Wir sehen dort, was mit uns als homosexuelle Männer passieren würde, wenn eine Glaubensgemeinschaft allein bestimmen dürfte. Es gibt keine Religion, die schwule Männer einfach nur für gut hält. Und trotzdem? Es gibt sie, schwule Männer, die an Gott und an Engel und all das glauben. Und abermals will man kopfschüttelnd fragen: Warum?

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Eine wesentliche Fehleinschätzung ist dabei die Logik, die Nicht-Gläubige hier ansetzen. Sie hat in der Tat hier nichts verloren. Dieser „gedankliche Virus“ namens Glauben, wie Dawkins es nennt, wird schon sehr früh als Kinder in uns eingepflanzt und ist langlebiger als der Coronavirus.

Diverse Studien der letzten Jahre belegen, dass es sich bei religiöser Erziehung um eine Form der Indoktrination handelt – kein Kind würde einen Gott vermissen, wenn man es ihm nicht erzählen würde. Junge Erwachsene dagegen durchlaufen oftmals einen sehr schmerzlichen Prozess, wenn sie den Glauben ihrer Eltern hinterfragen.

Der angelernte Glaube ist ein sehr wirksames Konstrukt, denn wie sollten kleine Kinder den Unterschied zwischen richtigen Fakten und Geschichten, die ihnen gleichwertig erzählt werden, erkennen? Gerade für junge Homosexuelle stellt das dann einen noch dramatischeren Unterbau da, denn es besteht beim Coming Out gleich mehrfach die Angst, abgelehnt zu werden – immerhin sagt ja auch die jeweilige Religion, dass wir minderwertige Menschen sind.

Ein anderer Aspekt ist natürlich die Tatsache, dass uns die Religion tröstliche Antworten auf Fragen vermittelt, die uns immer wieder bedrängen: Woher kommen wir, wohin gehen wir und worin liegt der Sinn des Lebens? Noch immer scheinen wir uns so unendlich schwer damit zu tun, zu akzeptieren, dass wir irgendwann einfach sterben. Ende.

Das Licht am Ende des Tunnels ist nach wissenschaftlichen Erklärungen nichts als ein letztes Aufflackern unserer Synapsen. Warum haben wir so viel Angst vor dem Tod? Halten wir uns für so wichtig? Alles lebt und stirbt, und darin liegt eine Beruhigung. Wir können Angst vor Schmerzen oder Leiden haben oder Angst davor, nicht wirklich gelebt zu haben. Doch der Tod? Der sollte uns nicht schrecken.

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Ein dritter Aspekt für den Welterfolg „Glaube“ ist wohl unser Gehirn selbst – es ist dummerweise zu leistungsfähig und wir nutzen zu wenig davon. So sieht es wenigstens der Anthropologe Lionel Tiger, der zusammen mit dem Neurologen Michael McGuire das Buch „God´s Brain“ verfasst hat. Ihre These: Unser Gehirn ist nicht genug ausgelastet, um einem „brain pain“ vorzubauen und so belebt der Mensch den Glauben immer wieder von Neuem.

Am meisten wird unser Gehirn von Ungewissheit belastet und die Religionen schaffen genau hier Abhilfe. Als einzige Gattung aller Lebewesen sind nur wir in der Lage, uns eine Zukunft vorzustellen und wissen daher auch von unserem Tod. Und in der Tat sind sich darin die derzeit aktiven, über viertausend unterschiedlichen Religionen weltweit einig: Sie bieten scheinbare Antworten, eine sich selbst bestärkende Gemeinschaft und Rituale. All diese Aspekte produzieren Serotonin im Gehirn, die uns beruhigen. Tiger nennt die Kirchen daher „Serotonin-Fabriken“.

Es gibt dieses wunderbare Allmachtsparadoxon – ein philosophisches Gedankenspiel, das in verschiedenen Versionen um die eine Frage kreist:

„Wenn Gott allmächtig ist, kann er einen Fels erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht hochheben kann?“

Egal wie die Antwort ausfällt, sie zeigt auf, dass Gott nicht allmächtig sein kann. Damit lassen sich zwar trefflich gläubige Menschen ärgern, doch im Grunde ist jede Diskussion sinnlos, wenn einer der beiden Beteiligten den Rahmen der Logik verlässt, also das Fundament, auf dem jedes Gespräch fußen sollte, wenn es überhaupt einen Mehrzweck entwickeln will – weit hinaus über die bloße Herausstellung seiner eigenen, festgefahrenen Meinung.

Die Gefahr gerade für homosexuelle Menschen ist dabei klar: Immer weniger können wir uns in der heutigen Zeit auf diese Basis einigen, ohne die aber keinerlei Fortschritt, keine intellektuelle Weiterentwicklung gelingen mag. Wer Fakten ablehnt, ob er nun ein Klimaleugner, Trump-Fan, AFD-Wähler oder fundamental gläubiger Mensch ist, verlässt das Podium, auf dem einzig ein Gespräch zwischen Menschen sinnvoll sein kann.

© Michael Soze

Und er spielt all jenen in die Hände, die die Rechte von Minderheiten wie den Homosexuellen einschränken oder ganz eliminieren wollen. Der britische Philosoph Bertrand Russel sagte dazu:

„Ich betrachte die Religion als Krankheit, als Quelle unnennbaren Elends für die menschliche Rasse.“

Etwas amüsanter fasste es Oscar Wilde zusammen:

„Ein Theologe ist wie ein blinder Mann in einem dunklen Raum, der nach einer schwarzen Katze sucht, die nicht da ist – und sie trotzdem findet.“

Was also ist zu tun – gerade als homosexueller Mann? Natürlich darf und soll jeder Mensch sein Leben frei gestalten dürfen, dazu gehört auch die freie Entscheidung, ob jemand an einen Gott glauben will oder nicht. Es ist auf der einen Seite sehr wichtig und richtig, dass vollumfänglich zu akzeptieren – egal, um welchen Glauben es sich handelt.

Auf der anderen Seite wird der Gottesglaube  doch oftmals zu einer brandgefährlichen Hypothese, zu einem Kontrapunkt in jeder Diskussion um Menschenrechte, der nicht mehr diskutiert werden kann.

© Jason Ebeyer – jasonebeyer.co – @jasonebeyer

Die Giordano-Bruno-Stiftung vertritt die Position des evolutionären Humanismus, ihre Kernaussage ist: Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen. Noch haben wir es in der Hand, dies zu ändern – aber nur, wenn wir einerseits Akzeptanz und Respekt allen Lebensmodellen gegenüber entwickeln, aber andererseits gerade als schwule Männer auch klare Kante zeigen, wenn für eine Ideologie Menschenrechte geopfert werden.

Mehr zum Thema: Giordano Bruno Stiftung

 

Kunstbilder von Jason Ebeyer:

Der Australier Jason Ebeyer kombiniert in seinen weltweit gefragten Werken Elemente der Science Fiction mit der Technologie, gerne überzuckert mit einer Prise BDSM. Inspiriert wurde er zu seinen hypersexuellen, futuristischen Werken auch durch die Religion, denn in seiner Kindheit musste er die biblischen Geschichten lernen. Heute spielt er gerne mit der religiösen Ikonographie und stellt deren Bedeutung lustvoll in Frage.  Mehr von ihm findest du hier: Jason Ebeyer

© Jason Ebeyer – jasonebeyer.co – @jasonebeyer

 

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