Wer weniger umtriebig ist und kein Problem mit Kondomen hat, dem ist es vermutlich egal. Dennoch ist seit kurzem amtlich: Die Pre-Expositions-Prophylaxe (PrEP) ist eine äußerst wirkungsvolle Methode, um sich vor einer HIV-Ansteckung zu schützen. Die jüngste PROUD-Study aus England attestiert sogar, dass bei täglicher Einnahme „das Infektionsrisiko um 86% reduziert wird“. Warum springen wir also nicht vor Freude in die Luft und zelebrieren den Anfang des Endes der Ära HIV/AIDS? Es mag daran liegen, dass sich die innerszenische Grenze zwischen Positiven und Negativen Männern ohnehin langsam aber sicher auflöst. Und wenn nun jeder Pillen zum Schutz vor HIV nimmt, ist der vorsichtige Negative am Ende nicht besser als der unvorsichtige Positive. Das Stigma bleibt eben – auch wenn es sich kurzfristig auf ein Medikament übertragen hat.

Keith lebt im südenglischen Brighton. Nach einer langen, monagamen Beziehung ist er wieder Single und rockt mit seinen 45+ Jahren nun mehr Hasen durch die Nächte, als mancher Szenejüngling. Die Wochenenden verbringt er am Liebsten auf Bareback-Sex-Partys. Seine Sexualpartner verbindet vor allem eines: Sie wissen, Keith nimmt PrEP. Doch das war nicht immer so.

Er gehört mit zu den ersten Probanden der PROUD-Study, die die Wirksamkeit einer PrEP untersuchen sollte. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) erhalten dort vorbeugend und unter Anleitung Medikamente zum Schutz vor einer möglichen Infektion. Einzige Vorraussetzung: Der Proband musste zu Beginn der Studie HIV negativ sein. Geplant waren zwei Gruppen. Die einen nehmen PrEP sofort, die anderen zunächst nicht. Schnell zeichnete sich ab, dass die Einnahme von PrEP das Risiko einer Ansteckung mit HIV drastisch reduziert. So sehr, dass sich die Verantwortlichen gezwungen sahen, die Studie zu unterbrechen und allen Teilnehmenden PrEP anzubieten.

Keith, seit wann nimmst du an der Studie teil?

Ich wurde im März 2014 von meiner Ärztin angesprochen und habe direkt zugesagt.

Warum hat sie gerade dich gefragt?

Ich lasse mich regelmäßig auf sexuell übertragbare Krankheiten untersuchen und meine Resultate waren alle negativ. Sie befragte mich zu meinem Sexualleben und ich sagte ihr, dass ich mit bis zu fünf verschiedenen Partner in der Woche ungeschützen Verkehr habe. Ich gehe davon aus, dass ich die Kriterien damit erfüllt habe.

Zunächst aber warst du in der Gruppe, die keine Medikamente nehmen, richtig?

Das stimmt.

Hat dich das nicht beunruhigt?

Nein, weil ich ja auch zuvor bereits um die Risiken wusste, die ich eingehe.

Woher kommt diese Risikobereitschaft?

Ich mag keine Kondome und kläre immer erst, ob mein Partner seinen HIV-Status kennt. Wenn das nicht der Fall ist, treffe ich mich auch nicht mit ihm. Bis vor kurzem hatte ich eine Art offene Beziehung mit einem Mann, der positiv, aber unterhalb der Nachweisgrenze ist. Auch mit ihm galt immer, dass wir mit niemandem ficken, der seinen Status nicht kennt. Das war allerdings auch unser einziges Risikomanagement.

Wo lernst du deine Dates kennen und wie oft lassen sich deine Partner darauf ein, unsafen Sex zu machen?

Ich lerne fast alle meine Kontakte im Internet kennen. Von allen, mit denen ich chatte, sind gute 95% bereit für Bareback. Geschätzte 70% von denen wissen über ihren Status bescheid, oder behaupten es zumindest. Wie gesagt treffe ich mich nur, wenn der Status bekannt ist.

Fühlst du dich jetzt besser oder selbstsicherer in deiner Sexualität?

Als entschieden wurde, dass aufgrund der eindeutigen Ergebnisse alle Teilnehmer der Studie PrEP erhalten werden, wollte ich natürlich auch weiter machen. Ich nehme die Medikamente jetzt seit November 2014, kann aber nicht behaupten, dass ich mich in irgendeiner Weise besser oder schlechter fühle. Vermutlich sollte ich das. Aber mein Leben hat sich nicht sonderlich verändert, außer dass ich jetzt sogar einmal im Monat zum Testen gehe.

Und was ist mit Nebenwirkungen?

Bisher traten bei mir keine Nebenwirkngen auf.

Würdest du nach Ende der Studie trotzdem weiterhin PrEP nehmen wollen?

Natürlich, aber derzeit ist noch überhaupt nicht klar, ob und inwieweit der NHS (National Health Service) das finanzieren wird. Das Thema wird mit Sicherheit nicht vor den kommenden Parlamentswahlen im Mai zur Debatte stehen. Die Behandlung ist kostenaufwendig, eine Tagesdosis kostet 60 britische Pfund. Das sind etwas über 80 Euro. Das kann ich mir nicht leisten.

Bist du der Ansicht, dass PrEP sogenannten Risikogruppen kostenfrei zur Verfügung stehen sollte?

Absolut, ja. Wenn, wie bewiesen, PrEP dazu beiträgt, die Verbreitung von HIV einzudämmen, hat unsere Regierung eigentlich keine andere Wahl als diese Behandlung jedem zugänglich zu machen, der danach verlangt. Die PrEP ist ja auch nichts Neues. Neu ist allerdings, dass es sich eindeutig nicht um eine Party-Droge handelt, sondern eine wissenschaftlich begründete Option, weitere Infektionen zu verhindern.

Du könntest doch auch auf Sex verzichten, oder wie jeder andere Kondome benutzen.

Sicher könnte ich das. Jedoch hat dieser Ratschlag bisher auch niemandem geholfen, der bereits infiziert ist, oder? Ich kenne genügend Männer, die nicht so wie ich unterwegs sind und die sich trotzdem angesteckt haben, obwohl sie nie unsafe waren.

Offene und ehrliche Absprachen, auch mit neuen Sexpartnern, regelmäßiges Testen auf Geschlechtskrankeiten und dazu eine Medizin, die die Gefahr einer Ansteckung mit HIV nahezu ausschließt. Noch liest sich das wie schwule Science Fiction. Besonders wenn man an die teils noch heftige Stigmatisierung von Positiven gerade innerhalb der Szene denkt. Viele Betroffene trauen sich gar nicht erst, ihren Status preis zu geben. Zu groß ist die Angst vor den unvermeidbaren Schubladen, die sich so leicht nicht wieder öffnen lassen. Eine Tatsache, die nicht wenige Männer davon abhält, sich überhaupt regelmäßig testen zu lassen. Was man nicht weiß, muss man auch nicht verheimlichen. Selbst wenn also die Geldhähne plötzlich aufgedreht und PrEPs jedem, legal und kostengünstig, zugänglich gemacht würden, bleibt die Frage: Sind wir überhaupt schon soweit, mit diesem Luxus umgehen zu können?

Während die einen verfechten, PrEP sei nichts weiter als ein Freibrief zum Rumhuren, mehren sich die Stimmen derer, die sich auf harte Fakten berufen und die neu gewonnen Erkenntnisse ernst nehmen wollen. Hierzulande ist die Diskussion bereits im Gange. Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) schlägt eine sogenannte Anwendungsstudie vor. So könnte man herausfinden, welche Form der PrEP für welche Gruppen schwuler Männer in Frage kommt und zugleich denen mit dem höchsten HIV-Risiko sofort den Zugang zu PrEP ermöglichen. „Die entscheidende Frage wird dann die Finanzierung sein“, sagt Sprecher Holger Wicht. „Bis dahin sind noch viele Schritte zu gehen. Wir laden alle Beteiligten ein, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“

Spielt man den Gedanken einmal zu Ende, so müsste ein umfassender und nachhaltiger Einsatz der Pre-Expositions-Prophylaxe die HIV-Infektionsrate über Jahre hinweg soweit senken können, bis kaum oder irgendwann sogar keine Neuinfektionen mehr auftreten. Schon angesichts dessen, verdient die PrEP Respekt statt Stigma sowie eine reelle Chance, sich zu beweisen. Sollte also bei all den künftigen Diskussionen die Moral und wer wen wie fickt überhaupt eine Rolle spielen? Dr. Sheena McCormack ist als Chief Investigator der PROUD-Study mitverantwortlich dafür, dass nun auch Männer wie Keith weniger gefährdet und weniger gefährlich sind. Auf die Frage, was sie für verantwortungsloser hält, den risikobereiten Lifestyle der Probanden, oder ihnen die nötigen Medikamente vorzuenthalten, die sie besser schützen, sagt sie: „Bei PrEP geht es darum, Zeit zu gewinnen (…) und es ist völlig unangemessen, abzuwarten bis sich jemand mit HIV ansteckt und so seine ‚Lektion lernt‘. Es ist eine Frage der Menschlichkeit.“

Was denkst du darüber?

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