Hamburg, St. Georg, 21 Uhr. Immer wenn sich der schwere Vorhang an der Eingangstür der Contact-Bar bewegt, zieht er für einen Moment alle Blicke auf sich: Neue Gäste betreten das kleine Ecklokal. Noch kann sie keiner sehen. Nur Barkeeper Micco Dotzauer verschwindet Richtung Vorhang und reicht Kleiderbügel. Die Neuen dürfen sich in Ruhe umziehen. Durch einen Spalt über dem Boden sieht man nur die Schuhe der Ankommenden: Adidas, Nike, New Balance – und sonst fast nichts. Nur Unterhosen, Jocks oder Sportklamotten sind auf der „Horny!“ erlaubt. So verlangt es der Sexparty-Dresscode. Die beiden muskulösen Vollbart-Träger, die nun den Vorhang lüften, haben sich für enge Sportshorts entschieden.

Wieder öffnet sich die Eingangstür. Wieder eilt Micco hinter den Vorhang, erklärt die Regeln und ruft dann laut: „Bitte legen Sie ab. Der Herr Doktor kommt gleich zu Ihnen.“ Das war nicht der letzte Witz, den der Gast hören wird. Die Sprüche kommen im Minutentakt.

„Micco macht das gut“, lobt Ronny, der Slip und Brille trägt. „Seine lockere Art macht es Neulingen einfacher.“ Als Ronny das erste Mal hier war, saß er ganz hinten auf einer Bank an der Wand. „Micco hat nur gefragt: Wie heißt du denn? Ein paar Minuten später saß ich an die Bar und hab mich mit allen unterhalten.“

Heute sitzt Vinzenz auf der Bank für Schüchterne, dort wo das rot-schummrige Licht endet. Nur eine kleine Diskokugel glitzert über seinem Kopf. Vinzenz ist nicht nur der Jüngste, sondern auch der Folgsamste: Blauer Ringer-Anzug und hohe weiße Sportsocken erfüllen den Dresscode „Sportsgear“ perfekt. Aber Micco ist da nicht so streng. Thorsten, der gerade mit beiden Armen gemütlich am Tresen lehnt, trägt schwarz-weiß gestreifte Shorts aus weichem Jersey. Er war schon öfter auf der Horny. „Bei Sexpartys kommt es nicht auf die Größe an“, sagt er. „Ich mag das Contact gerade weil sie so klein ist. Hier passiert mehr, weil sich die Leute schnell näher kommen. Im Berliner Lab:Oratory laufen die Jungs die ganze Nacht nur rum und gucken.“

Für distanzierte Laufsteg-Erotik ist das Contact zu klein. Schon um zehn Uhr ist der kleine Darkroom knallvoll. Sechs Männer reichen aus. Körperkontakt ist unausweichlich. Im Dämmerlicht sieht man einen stämmigen Mann mit hellgrauem Bürstenschnitt. Vor ihm beugt sich ein anderer auf die Lederpritsche und lässt sich ficken. Auch Thorsten mischt mit, er kniet vor den beiden, das Geschehen fest im Blick. Der Bürstenkopf packt ihn und drückt sich Stefans Kopf an die Leiste. Die Umstehenden wichsen. Nur Andreas schiebt sich durch den Lederstreifenvorhang aus dem Darkroom. „Nicht meine Typen“, sagt er lachend und geht an die Bar. Dort diskutieren der blaue Ringer und Carsten im weißen Jock-Strap. Begonnen haben sie mit Programmierung, nun ist Rot-Rot-Grün in Thüringen dran. „Die Linke wird immer die Prozentpunkte holen, die der SPD zur Regierungsmehrheit fehlen“, doziert Carsten. Barkeeper Micco unterbricht die beiden: „Carsten!“, ruft er gespielt streng über den Tresen: „Sex und Politik vertragen sich schlecht. Hört auf zu quatschen und geht ficken.“

Micco ist die gute Seele der Sexparty. Vor einem Vierteljahrhundert kam er nach Hamburg, ausgewandert aus der DDR, kurz vor dem Mauerfall. Seitdem hält er die schwule Community Hamburgs zusammen. Micco hat für das Stadtmagazin Hinnerk gearbeitet, die HIV-Spendenaktion „Die Paten“ begründet und die Sexpartyreihe „Sexplosion“ ins Leben gerufen. 2011 verwandelte er das altersstarre „Strictly“ ins quicklebendige Contact. „Hartmut habe ich damals mit übernommen“, sagt Micco und nickt einem Mitsiebziger in Lederweste zu. „Der gehört zum Inventar.“ „Hehehehe“, kichert Hartmut und spielt an seiner Schnürsenkel-Krawatte.

Dank Micco hat Hartmut von Dienstag bis Samstag eine Stammkneipe. Deren Bandbreite reicht vom Thekenbetrieb bis zur Nacktparty. Dazu kommen Quiz-Shows und Kleinkunstabende. Im November präsentierte der ehemalige Operndirektor Andreas Schmidt sein neues Musikprogramm, begleitet von Rote-Rosen-Schauspieler Stefan Hossfeld. Wenn der Vorhang im Contact aufgeht, lohnt es sich eben immer genau hinzuschauen.

Philip Eicker für Boner Magazine

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