Mag ja sein, dass der Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert lebte. Altmodisch ist er aber trotzdem nicht. Manche sehen ihn als erstes prominentes schwules Mordopfer in einer Gewaltverbrechenreihe, die direkt zu Pasolini und Versace führt. Zur Erinnerung: Der von Goethe bewunderte Schriftsteller („Geschichte der Kunst des Altertums“) wurde in Triest von einem italienischen Stricher erstochen. Man weiß bis heute nicht genau, warum. Raubmord? Eifersucht? Streit? Ebenfalls spannend: Die kunsthistorischen Schriften Winckelmann quellen geradezu über mit homoerotischen Ergüssen. In seinen Werken beschreibt er antike Statuen so, wie man heute Götterkörper in Pornos beschreiben würde.

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Im Unterschied zu Winckelmanns Zeit laufen aber heutzutage tatsächlich überall Männer umher, die wie der bewunderte „Herkules“ oder „Baberinische Faun“ aussehen. Mehr noch: Solche hypermaskulinen Körper sind in der aktuellen Schwulenszene fast Standard. Weswegen das Schwule Museum* im Rahmen seiner Winckelmann-Ausstellung diskutiert: Seit wann gibt es solche Tom-of-Finland-Bodys eigentlich in solcher Menge? Und wie werden Männer behandelt, die nicht so aussehen (wollen)? Für die Gesprächsrunde ist der Chef des Berliner Pornostudios Cazzo eingeladen, der selbst wie ein wandelnder Herkules wirkt, aber sagt: „In Berlin sind solche Körper selten, hier sieht man eher schlanke Männer. Es kommt auf andere Sachen an …. große Schwänze und große Löcher!“ Dafür sieht Mr. Cazzo die Kombination Daddy/Twink, die man in der Winckelmann-Ausstellung in vielen Zeus-und-Ganymed-Darstellung bestaunen kann, als „erstaunlich aktuell, heute mehr als jemals zuvor“. Sind das also die Kategorien, in denen sich schwule Pornografie derzeit bewegt? Spiegelt dies die Ideale, die man in der Partyszene sieht?

wie werden Männer behandelt, die nicht so aussehen (wollen)?

Darüber reflektiert auch der Künstler Mathias Vef, der Porträts von Partygängern mit der Droge GHB verfremdet hat. In den Fotos für sein Fetischmodelabel Schwarzrosagold verwendet er außerdem Herkulestypen als Models. Was wird aus denen, wenn sie älter werden? Kann solche Partymode nur tragen, wer solche Körper hat? Bauen alle anderen ihre Selbstzweifel und Hemmungen mit Partydrogen ab? Wie erleben Vef und Mr. Cazzo den Umgang mit Männern, die nicht wie aus weißem Marmor gemeißelt sind? Welche Chancen haben Asiaten oder People of Color im Porno und in der Partyszene? Wie funktioniert Ausgrenzung? Und wie erotisch ist ein Torso heute, in Zeiten, wo auf Dating Apps nur ein Körperausschnitt als Lockmittel gezeigt wird? Können wir da 300 Jahre später noch etwas von Winckelmanns Kunstgeschichte für den modernen Alltag lernen?

Kevin Clarke

Termin:

„Herkuleskörper, Winckelmann & Körperideale in der Schwulenszene“ 

Diskussionsrunde im Schwulen Museum*

Montag, 11. September | 19 Uhr

Eintritt 4 Euro

Schwules Museum*

Lützowstraße 73

10785 Berlin

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