MR. CHAPS wird 30! Zu Besuch in Hamburgs Fachgeschäft für schwule Fetischfans und erlesene Leder-Schneiderei.

„Heute duftet es hier nach Blumen“, sagt Ingo Szogs, als er seinen Laden betritt. Es klingt wie eine Entschuldigung. Sollte dem Kunden nicht der herbe Duft von frischem Leder in die Nase steigen? Das ist doch MR. CHAPS, Hamburgs Fachgeschäft für schwule Fetischkleidung. Auf dem Verkaufstresen steht ein Strauß weißer Lilien, ein Geschenk zur Jubiläumsfeier. Seit 30 Jahren versorgt MR. CHAPS die schwule Szene mit sexy Sachen zum Anziehen und Reinstecken. 1985 hatten Horst Menzen und Andrew Day ihre Lederschneiderei eröffnet. Nur vier Jahre nach dem Start musste das Paar aufgeben, beide hatten Aids. 1989 übernahm Ingo das Geschäft. Schon zuvor hatten die drei zusammengearbeitet. Ingo betrieb einen Versandhandel für schwule Sextoys. In seinem Katalog standen auch Harnesse und Westen aus der Werkstatt von Horst und Andrew. „Die liefen gar nicht“, erzählt Ingo und lacht. Heute weiß er warum: „Die Leute müssen das Leder sehen, riechen und anprobieren“, erzählt der 56-Jährige. Vor Ingos Büro hängen rund 20 Tierhäute an Fleischerhaken an der Decke. Sie reichen fast bis zum Boden und leuchten in Blau, Rot, Braun und Weiß. Eine Haut ist nur zum Teil rasiert, an einigen Stellen kann man das weiche Fell streicheln. „Du musst reingreifen, um herauszufinden, welches Leder du wirklich möchtest“, betont Ingo und packt beherzt in schwarz gefärbtes Rossleder. Es knarzt als stapfe jemand durch frischen Schnee. Fachkundig berät Ingo seine Kunden zum gewünschten Modell. „Mit einem Kleidungsstück aus Leder geht man eine Beziehung für viele Jahre ein“, sagt Ingo, „und die muss stimmen.“

Maßanfertigungen sind die Spezialität von MR. CHAPS. „Was technisch machbar ist, setzen wir gemeinsam um“, verspricht Ingo. Egal ob knappe Sporthose, klassische Biker-Weste oder alltagstaugliche Blue Jeans. Ingos aktuelles Lieblingsstück ist eine saftig-rote Hose im Motorradstil mit schwarzer Seitenpolsterung. Eine schwarze Paspel am runden Gesäßbesatz betont den Hintern des Trägers.

Drei bis vier Wochen muss der Kunde auf so ein gutes Stück warten. Im Sommer kann es noch länger dauern, denn jetzt ist Hochsaison. Am 6. August beginnt das Hamburger Ledertreffen. Mitte September folgt Folsom Europe in Berlin. Auf beiden Fetisch-Events ist MR. CHAPS vertreten.

Wer für die Hamburger Boat Party auf der MS Stubnitz noch ein Outfit braucht, wird bei MR. CHAPS fündig. Fast 10.000 Produkte stehen zur Auswahl. Im ersten Raum beginnt es ganz praktisch mit Verbrauchsmaterial wie Gleitmittel und Kondome. Aber auch Elektro-Toys, Vakuumpumpen und Piercingschmuck sind zu haben. Dann geht es weiter zur Lederkonfektion, zu den Halsbändern, Fesseln und Gerten. Je tiefer man in den weißen Keller vorstößt, desto spezieller die Vorlieben: Sport-Klamotten, Latex, Neopren, Lederstiefel, Uniformen und Dildos, stark wie ein Unterarm. Am Ende des Fetisch-Labyrinths lockt der USED-Bereich mit günstigen Second-Hand-Angeboten. „Die Fetisch-Vielfalt ist viel größer als vor 30 Jahren“, bilanziert Ingo. Nur eines vermisst „MR. CHAPS“ nach drei Jahrzehnten Fetisch-Erfahrung in Hamburg: „Heute sehe ich Chaps nicht mehr auf der Straße“, sagt Ingo. „Früher sind wir so rausgegangen, um aufzufallen. Heute zieht man sich eher eine Regenhose drüber.“ Ingo findet das schade. „Arsch zu zeigen ist ein starkes Sexsymbol.“

Text: Philip Eicker

Panorama Toys+Latex

Was denkst du darüber?

HINTERLASSE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here