Drangsal stellt mit seinem ersten Album Harieschaim nicht nur die deutsche Musikszene auf den Kopf. Im Video zur Single “Allan Align” stand er mit Skandal-Legende Jenny Elvers gemeinsam vor der Kamera. Auch der Keller des Ficken 3000 oder das Fetisch-Event Folsom Berlin sind keine Fremdwörter für ihn. Aber er stehe gar nicht so auf Exzess und tagelanges Feiern, beschwichtigt er sogleich. Er fühlt sich sichtlich wohl in der Boner Redaktion. Neugierig ist er, irgendwie herb und voll charmant …

Drangsal zu Besuch im Boner Office
Drangsal zu Besuch im Boner Office

Ein aufstrebender Rockstar, der nicht so auf Partys abfährt. Verbringst du die meiste Zeit damit, Musik zu machen?

Ja entweder das oder gar nichts machen. Ich habe keinen Hang zum Exzess. Die Leute in Berlin haben ja alle den Hang dazu. Da brauche ich das nicht auch noch machen. Es geht auch einher mit der Vorstellung vom Musikbusiness, und dem exzessiven Musiker, aber für mich ist es mittlerweile fast schon ein Dogma, genau das abzulehnen. Ich habe irgendwie nie den Zugang zu einer Partyszene gefunden. Ich mag auch kein Techno und wenn man lange feiern gehen will, führt in Berlin kein Weg daran vorbei.

Die Zeitschrift MusikExpress beschrieb deinen Sound unter Anderem als Proto-Techno.

Das habe ich auch nicht verstanden.

Du bist schwer einzuordnen. Ich würde sagen die Musikrichtung ist Pop.

Ja, Pop-Musik. Ich höre die vielen Vergleiche, es klinge wie aus den Achtzigern. Man verfällt schnell in irgendwelche Sub-sub-schubladen, anstelle zu sagen: das ist Metal, das elektronische Musik. Ich fände das reicht schon. Dann kann man es sich anhören und entscheiden. Immer auf Teufel komm-raus einen Vergleich zu finden. Das braucht man aber auch, um etwas zu beschreiben, was man ja eigentlich hört.

Es ist viel Melancholie auf dem Album zu hören.

Das finde ich auch. Teilweise klingt es sogar traurig, ber verpackt als eingängiges Pop-Stück. Das gefällt mir, weil es ist, als würde man durch eine Glastür sehen und nicht unbedingt durchgehen müssen. Wenn man selbst traurig ist und dabei Musik macht ist es ja schön, wenn am Ende etas daraus entsteht, dass nicht traurig macht.

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Du hast wohl keine Probleme, dich mit Trauer auseinander zu setzen.

Ich denke es ist vielleicht typisch für Musiker beim ersten Album, dass man viel über sich selbst redet. Inhaltlich ist das Album sehr ich-bezogen, aber musikalisch ist es für Viele zugänglich und schliesst niemanden aus.

Es geht viel um Sex, Intimität und Nähe. Wie in dem Video zu Love Me Or Leave Me Alone, in dem ein Zwillingspaar gegen ihre Zuneigung zueinander kämpfen.

Es war so schwer Zwillinge zu finden, die sich küssen wollten. Ich habe das Casting mitverfolgt und wir mussten wirklich lange suchen. Wir haben so viele Agenturen angefragt. Es hat mich fast geärgert, dass es leichter war, Jenny Elvers für das nächste Video zugewinnen.

„BEIM SEX IST EXZESS VIEL INTERESSANTER“

Ich liebe Jenny Elvers. Vom Playboy zur Schauspielerei zum öffentlichen Ärgernis zur Schauspielerei – eine geile Karriere. Wie war die Arbeit mit ihr?

Total grossartig. Es war eine Schnapsidee, sie zu fragen, aber sie hat direkt ja gesagt. Man stellt sich so viele Allüren vor, und ist dann aufgeregt, wenn es los geht. Aber die war so lieb. Ich war total erkältet nach dem ersten Drehtag und als ich am zweiten Tag ans Set kam, stand sie schon seit 8 Uhr vor der Kamera, im Schnee, in dieser eiskalten Kirche. Sie hat gedreht bis zur Pause und wollte dann einfach eine Pizza und war so entspannt. Sie hat die ganze Zeit über gute Laune verbreitet.

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In dem Lied geht es um Absolution. Von was?

Kirche ist auch immer zugleich Sex und gesellschaftliche Normen, es geht um Zwischenmenschlichkeit und Werte. Etwas, an dem sich junge Künstler immer die Hörner abstoßen werden. Es ist ein ewiges Thema und obwohl es eigentlich langweilig ist, ist es immer wieder spannend. Sonst kann man auch den ganzen Tag Coldplay hören.

Was hörst du so?

Bevor ich herkam heute habe ich genau drei Songs gehört: “Let’s do it Adada” von den Einstürzenden Neubauten, “Die wilde 13” von den Fehlfarben und “Machine Gun Ibiza” von Prefab Sprout.

Deine Freundin postet Bilder von deinem rosenbedeckten Arsch auf Facebook, die Musikzeitschrift Spex hat dich zitiert mit »Wenn auf einer Party jemand fragt: ›Wer will mein Glas voll Pisse trinken?‹, schreie ich als erster.«Das klingt nicht nach „kein Exzess“.

Ich finde das lustig, und es ist eine gute Art, die Leute vor den Kopf zu stoßen. Die Meisten ekeln sich immer vor so Sachen und es ist einfach, damit zu provozieren. Ich wollte mir nie Grenzen setzen, menschlich oder musikalisch. Das ist für mich Teil davon, dagegen zu sein. Ich bin so aufgewachsen, dass wenn man sich auf dem Dorf die Fingernägel lackiert sofort einer Schwuchtel schreit. Das hat mich schon immer genervt. Vielleicht bin ich auch deshalb schnell gelangweilt und brauche konstante Reizüberflutung, um bei Laune zu bleiben. Auch sexuell. Sonst werde ich pampig. Beim Sex ist Exzess viel interessanter. Ich habe früh “Die Vorteile des Lasters” von Marquis de Sade gelesen und seither ist meine Wahrnehmung von Sex und auch Egozentrik anders. Ich war dadurch bereits so verdorben, dass mir das erste Mal, als ich Sex hatte, schon fast keinen Spaß mehr gemacht hat.

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Das ist nachvollziehbar.

Es ist so normal, Sex zu haben. Ich sehe auch, dass unter Männern da viel lockerer mit umgegangen wird. Ich glaube das liegt daran, dass man nicht mit diesem Gefühl von Zurückweisung konfrontiert ist. Wenn ein Mann was von einem Mann will wird das klar gemacht oder eben nicht.

Die Platte ist raus. Was steht jetzt für dich an?

Das Album ist schon seit einem Jahr fertig und ich arbeite schon an neuen Sachen. Jetzt spielen wir erst einmal ganz viele Festivals, und am Ende des Jahres gibt es eine eigene Tour. Anfang nächsten Jahres dann noch mehr Konzerte und vielleicht auch ein weiteres Album.

Wir freuen uns für dich.

Ich freue mich auch für mich.

Interview: Torsten Schwick

“Harieschaim” ist jetzt im Handel erhältlich. image001

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