Seit der US-amerikanischen TV-Serie „Breaking Bad“ um den arbeitslosen Chemielehrer Walter White und seine Drogenküche ist Crystal Meth beinahe salonfähig geworden. Die aufputschende Droge mit Nazi-Vergangenheit hat in der Szene so sehr Fuss gefasst, dass Mediziner besorgt sind.

„Da glaubst du, Menschen einigermaßen zu kennen, und dann siehst du innerhalb weniger Monate einen körperlichen Verfall, der sogar mir Angst macht.“ Die lebenslustige wie -erfahrene Paula* arbeitet bei einem Berliner HIV-Schwerpunktarzt als Krankenschwester. Üblicherweise im Quartalstakt stellen sich Patienten bei ihr vor, um sich der Routine der Blutabnahme zu stellen. „Meine Kollegen und ich sehen und behandeln jetzt immer häufiger Abzesse, die ganz eindeutig auf unsterile Injektionen zurückzuführen sind.“ Paula war „zu Ostgut-Zeiten ja selbst eine Party-Maus“, aber intravenöser Gebrauch war genau die Grenze, die man nicht überschritt. Die einen feiern und gehören zur Gesellschaft, die anderen sind es, die „drücken“: die Junkies vom Bahnhof Zoo und seine Kinder. „Gestandene Männer, bei denen du über Jahre kein Suchtpotenzial vermutest, rutschen in die Kategorie Fixer.“ Die Stimme von Schwester Paula überschlägt sich fast: „‚Schlemmen’ nennen die das.“ Ein „besonderer Genuss“ dank Druckbetankung in die Blutbahn.

Gestandene Männer, bei denen du über Jahre kein Suchtpotenzial vermutest, rutschen in die Kategorie Fixer.

Oder sollte es besser „slammen“ heißen aus dem Englischen to slam, also „sich einen knallen“? Der Drogenjargon ist unscharf und nicht nur in der schwulen Szene ist es oft gleichbedeutend mit „sich knallen zu lassen“. Crystal Meth hat sich zur Mode-Droge entwickelt, reduziert Hunger, Schmerzen und Müdigkeit, sorgt – ähnlich wie Kokain – zu einer kurzfristigen Betonung des Selbstwertgefühls bis hin zu einer „warmen“ Euphorie und in der Summe zu einer deutlichen Leistungssteigerung. Da ist es seiner kleinen Schwester, dem Speed, sehr nahe. Während der Speedkonsument mehr oder weniger reines Amphetamin zu sich nimmt, ist „Meth“, chemisch N-Methylamphetamin oder als kristallines, grobes und wasserlösliches Pulver Methylamphetaminhydrochlorid, eine Vorstufe, die der menschliche Körper in der Leber erst zu Amphetamin umgebaut und schließlich über die Nieren ausscheidet. Für den mit Speed und Koks vertrauten Konsumenten heißt das: Weniger weißes Pulver ist mehr Wirkung als sonst! Bei Straßenpreisen ab 80 Euro pro Gramm und – je nach persönlicher Neigung – einem Viertel oder Fünftel der sonst üblichen „Line“ scheint das ein günstiger Deal zu sein. Doch Meth wirkt länger als Speed und durch die Betonung auf den Neurotransmitter Noradrenalin haben Stimmungsaufhellung und die Steigerung des Mitteilungsbedürfnis eine andere Qualität. Zu allem Überfluss stimuliert Meth auch das Sexualverlangen und das macht den besonderen Reiz in einem Teil der schwulen Szene aus.

Abgehen wie Tina Turner

„Mit dem ersten Kick fühlst du dich stark, bist energiegeladen und zappelig wie Tina Turner“, beschreibt Thorben* (38) die Wirkung und erklärt sich gleichzeitig so den Szene-Namen für N-Methylamphetamin: Tina. „Und du wirst läufig wie ’ne Hündin.“ Manchmal schmerzhafte Sex-Praktiken sind auf einmal unproblematisch und „du kannst einstecken wie eine Porno-Fotze. Unglaublich geil und regelrecht enthemmt.“ Ein Brainfuck bis zum Scheunentor. „Und es geht ja immer noch weiter, stundenlang kannst du und willst du hinhalten.“ Da ist es wieder, das „Slammen“, das Sich-bis-in-die-Bewusstlosigkeit-ficken-lassen. Wichsphantasien werden wahr: Sei die Schlampe! Yeeeaaahhh …… Doch mit dem Meth-induzierten Schlampendasein war es nach einem Date vorbei: „Online hatten wir zwar klargemacht, aufgeschlossen gegenüber Drogen zu sein, und auch die Rollen waren schon verteilt“, berichtet Thorben, „dass er mir aber mit seinen geschickten Händen ’ne kräftige Dosis Crystal in die Darmschleimhaut einmassiert hat, das war nicht abgesprochen.“ Als sein Date ihm ins Ohr säuselte, er müsse allmählich „etwas“ fühlen, war für Thorben die Schwelle von einvernehmlichen Sex überschritten. Er hat sein Date bei der Polizei angezeigt. „Der sitzt jetzt im Knast und ich rühr’ Crystal nicht mehr an.“

HIV-Medikamente verstärken Crystal zusätzlich

Wie jede Droge wirkt auch Meth auf jeden Organismus ein wenig anders. Bei dem einen zieht sich der sonst zuverlässige Prachtdödel hinter die Vorhautgrenze zurück, andere können ihn wund und blutig rammeln. Die Bandbreite ist groß und verschiebt sich zudem in Kombination mit anderen Substanzen: Viagra, Poppers oder bestimmten Medikamenten etwa einer HIV-Therapie. „Bei den meisten Behandlungsformen mit einem Proteaseinhibitor setzen wir Ritonavir als so genannten Booster ein, um den für die erfolgreiche Behandlung so wichtigen Wirkstoffspiegel im Blut lange hochzuhalten,“ erklärt Doktor S.* aus Kreuzberg. Norvir, so heißt dieser Booster in der Apotheke, sei eines der ältesten AIDS-Medikamente und nur deshalb noch im pharmazeutischen Rennen, weil es Zusatznutzen hat: „Es fährt den Stoffwechsel der Leber herunter, aber nur in einem bestimmten System. Darum verstärkt und verlängert sich die Wirkung anderer HIV-Medikamente, die ebenfalls das Cytochrom-P450-System passieren.“ Das ist einer der Gründe, warum die Mehrzahl der HIV-Patienten heute weniger Tabletten nimmt als vor 15 Jahren – und nur noch einmal am Tag.
„Aber dieser Booster boostert auch den P450-Subtyp 2D6 und das genau ist der Schlüssel für die Verlängerung der Crystal-Meth-Wirkung.“ Interaktionen mit bestimmten Psychopharmaka verkomplizieren diese Verstoffwechselung zusätzlich, warnt der Berliner Arzt weiter und rät Neugierigen: „Wenn schon probieren, dann im Kreise zuverlässiger Menschen, gering und weniger dosiert als die anderen – mit einem Booster im Gepäck maximal die Hälfte.“ Neben der oralen Einnahme (im Getränk, in Tablettenform) gilt in der Literatur als am wenigsten den Körper schädigend das Schnupfen, wobei die Meth-Kristalle ganz fein zu mörsern seien. Verletzungen durch feine Kristalle sind typische Auslöser für Abzesse in der Nasenscheidewand. Abzesse durch introvenösen Gebrauch sieht der Arzt mittlerweile „einmal pro Woche und das bei Schwulen ohne besonderen Szenebezug. Wenn der Patient dann schildert, dass er für sich alleine vor der Glotze konsumiert, dann klingt das so viel freudloser als der sonst szenetypische Kontext von Party und Sex.“

Ein früheres Leben hat Crystal Meth in Tablettenform gehabt: Pervitin – vielleicht stammt hierher die „Tina“? In den 1930ern zur Marktreife gebracht, war N-Methylamphetamin bis 1941 in Deutschland und an der Front frei verkäuflich, als Beimischung sogar in Konfekt wie in der „Hausfrauen-Schokolade“. Der ZDF-History-Zuschauer ahnt es bereits: Auch der Führer war pervitinabhängig und ließ es sich zuletzt hoch dosiert von seinem Leibarzt Morell spritzen. So dient die bröckelnde Fratze des Dritten Reiches ab 1943 makaber als Bilderbuch-Beispiel für die starken körperlichen Schädigungen durch die Droge, den generellen und schnellen körperlichen Verfall innerhalb nur zweier Jahre regelmäßigen Konsums. Oft fehlt einfach ein ausreichender Speichelfluss im Mund als wichtiges Instrument der Zahngesundheit, bei vielen kommen mangelnde Dentalhygiene und zuckerhaltige Getränke als einzige echte Energiequelle hinzu. Prächtig entwickeln sich Karies und Parodontose zum „Meth-Mund“. Die Zahnreihen, die die Google-Bildersuche ausspuckt, sind Totalsanierungsfälle.

Im Süden der USA gilt Crystal Meth als „das Crack des weißen Mannes“, Ermittler in Sachsen und Bayern sprechen von einer „Mittelstandsdroge“. In der Hauptstadt herrscht bei der Polizei noch die Ruhe vor dem Sturm, mit N-Methylamphetamin hat man hier – nach der Nazi-Zeit – wieder seit den 90ern zu tun. „Während die Fallzahlen in den vergangenen Jahren gegen Null tendierten, können wir aber seit dem Jahreswechsel auf 2014 einen signifikanten Zuwachs feststellen“, bestätigt Polizeisprecher Michael Maaß. Stephan Jäkel von der Schwulenberatung weiß gleichfalls von immer mehr Hilfesuchenden zu berichten: „Problematisch ist zweierlei: die lange Wirkungsdauer und die fast durchgängige Verfügbarkeit dieser Droge.“ Wer „bloß“ zwei- oder dreimal wöchentlich Meth konsumiere, sei oft schon „dauerdrauf“ und zeige bereits deutliche Abhängigkeitstendenzen. „Als besonders reizvoll wird ja die synaptische Verknüpfung von Chrystal Meth mit Sex erlebt. Dieses Konsum-Bedürfnis in geilen Situationen wieder zu lösen, das eigene Drogen-Gedächtnis vor dem Fick also auszutricksen, ist nach längerem Konsum therapeutisch richtig harte Arbeit für den User.“

Ole für Boner Magazine

Einstieg ins Thema: http://de.wikipedia.org/wiki/N-Methylamphetamin

Regeln des sichereren Drogengebrauchs: http://www.eve-rave.ch/images/files/partydrogen.pdf

Hilfe und Ausstieg: Drogenbratungsstellen (z.B. schwulenberatungberlin.de und den lokalen AIDS-Hilfen) sowie bei jedem Arzt und jeder Notaufnahme.

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