Unter dem Motto „HIV im Fokus“ versammelten sich heute bekannte Aktivisten und Ärzte im Berliner Roten Rathaus, um die Möglichkeiten der PrEP (Präexpositionsprophylaxe) im Kampf gegen HIV und AIDS weiter auszuloten. 

Derzeit ist die PrEP in Deutschland rezeptpflichtig und kostet den Verbraucher etwa 800 Euro im Monat. Es ginge eventuell auch billiger, weil man die PrEP nicht unbedingt jeden Tag, sondern auch nur während einer Risikophase nehmen könnte. Von Freitags bis Montags etwa, wenn man Samstag und Sonntag ungeschützten Verkehr haben will. Eine Zulassung dafür gibt es jedoch noch nicht.

Nicht jede Niere verträgt Truvada. Und nicht jedes Truvada-ähnliche Medikament ist auch sauber.

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v.l.n.r.: Dagmar Gaul (AIDES, Paris), Eric Paul Leue (Ryan White LA County Commisioner, Los Angeles), Emmanuel (PrEP-User, Berlin), Nicholas Feustel (PrEP-Aktivist, Hamburg), Will Nutland (London School of Hygiene and Tropical Medicine)

Die einzige Lösung für einen Normalverdiener, der gefahrlos bare ficken will, sind also sogenannte Generika. Das sind Medikamente mit den gleichen Wirkstoffen, die von Anbietern in anderen Ländern produziert und für einen Bruchteil des europäischen Marktpreisen im Internet angeboten werden. Eine Vielzahl schwuler Männer bedient sich dieser Lösung und bestellt das Zeugs etwa aus Indien. Jedoch ohne die notwendigen medizinischen Vortests oder weitere ärztliche Begleitung wahrzunehmen, die dringend empfohlen sind. Nicht jede Niere verträgt Truvada. Und nicht jedes Truvada-ähnliche Medikament ist auch sauber.

„Wir müssen auf die Straße gehen, wenn wir die PrEP wollen. Keiner wird sie uns einfach geben. Wir müssen Druck machen auf die Pharmakonzerne und die Politik“

Das kocht die Problematik auf ihre skandalöse Essenz herunter: Diejenigen, die eine PrEP bräuchten, können sie sich nicht leisten. Und die, die sie verordnen wollen, dürfen nicht auf den Medikamenten-Schwarzmarkt hinweisen, weil sie sich sonst strafbar machen. Europa 2016. Es geht nicht um Gesundheit, es geht um Geld.

Aber wenigstens laufen bereits die Vorbereitungen für die Zeit, ab der die Aktionäre eines namhaften Pharmakonzerns nicht mehr so viel an Truvada verdienen, weil das Patent ausläuft. „Aufklärung“ über die korrekte Anwendung in Form eines DIN A4-Infoblatts zirkuliert bereits seit einem Jahr in deutschen Schwerpunkt-Praxen und Beratungszentren. Immerhin.

Und immerhin kamen heute viele kluge Menschen zusammen, um die weiteren, wichtigen Schritte gemeinsam zu gehen. Zum Glück nicht ohne Reibungspunkte, denn dies ist ein leidenschaftliches Anliegen. Wir wollen keine Angst vor echter Intimität haben. Ohne Kondom zu ficken soll mich nicht chronisch krank machen. Und ich will auch niemanden krank machen.

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Stefan Jäkel (Schwulenberatung Berlin)

Podiumsgast Eric Paul Leue (Ryan White LA County Commisioner, Los Angeles) meint: „Wenn wir wollten, könnten wir HIV heute beenden“ und wird sogleich von Stefan Jäkel (Schwulenberatung Berlin) in die Schranken gewiesen. „HIV zu beenden sollte nicht Teil des Diskurs sein. Es macht uns unsicher in der Debatte. HIV zu beenden, heißt auch HIV-Infizierte zu beenden“, so Jäkel. Leue korrigiert sogleich, er habe damit die grobe Idee vom Ende der Epidemie gemeint. Es wird um Definition gestritten, um etwas konkretes also. Immerhin.

„Wir müssen auf die Straße gehen, wenn wir die PrEP wollen. Keiner wird sie uns einfach geben. Wir müssen Druck machen auf die Pharmakonzerne und die Politik“, sagt Podiumsgast Emmanuel, der selbst PrEP-User ist. „Geht euren Ärzten auf die Nerven und fragt bei jedem Besuch nach der PrEP.“

„Ich will, dass die Menschen gesund bleiben und sie dabei begleiten.“

Von den Regeln, die keiner der Anwenden aufgestellt hat, sind alle betroffen: Dr. Ines Liebold von der Schwerpunktpraxis in Blankenfelde bringt es aus ärztlicher Sicht auf den Punkt: „Ich darf den Import von günstigen Generika nicht empfehlen, weil ich sonst gegen das Arzneimittelgesetz verstoße. Aber ich auch will keine unerkannte Syphilis-, Chlamydien- oder HIV-Infektion behandeln. Ich will, dass die Menschen gesund bleiben und sie dabei begleiten.“

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Dr. Heiko Jessen (mitte), Dr. Ines Liebold (rechts)

Sich gegenseitig schützen, als Community zusammen stehen und dafür Sorge tragen, dass es mehr Aufklärung, Sicherheit und Selbstrespekt für die eigene Sexualität gibt. Die PrEP scheint ein guter Anlass, um genau das zu tun. Immerhin.

Traurig ist das Leben, weil die widrige Geldgier es wie ein eisiger Wind durchweht. Möchten sich doch alle Ärzte verbinden, diese Krankheit, die schlimmer als Irrsinn ist, zu heilen. 

Hippokrates (um 460-um 370 v.Chr.), griechischer Arzt

 

 

 

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