US-Gen-Forscher haben Anfang des Jahres eine neue Studie veröffentlicht, die erneut beweist, dass Homosexualität zu großen Teilen genetisch bedingt ist und über die Mutter vererbt wird. Doch die Aussage „Born this way“ will nicht amtlich werden.

Es muss sich wie eine ewig lange Reise für Dean Hamer angefühlt haben. Bereits 1993 untersuchte der promovierte Philosoph und Genetiker das Erbgut von über einhundert schwulen Männern und entdeckte eine Übereinstimmung von sogenannten Markierungsgenen in einer bestimmten Region auf dem X-Chromosom. Hamer kam zu dem Schluss, es müsse so etwas wie ein „Schwulen-Gen“ geben. Er publizierte diese provokante Auffälligkeit und fand sich inmitten einer Debatte wieder, die sich, wie ein alter Kaugummi, zäh über die nächsten zwei Jahrzehnte erstrecken sollte. Es wurde lauthals verneint, dagegen geforscht, aber auch gefeiert. Konservative Kreise sprachen bereits von einem Durchbruch, um Homosexualität mithilfe pränataler Analyse endlich aussterben lassen zu können.

Zahlreiche Studien an Zwillingen, Mütter-und-Sohn-Gruppen, Bisexuellen und Lesben folgten und auch In Deutschland bezogen diverse Medienkanäle im Laufe der Zeit unterschiedliche Standpunkte. Die Ergebnisse seien zu ungenau, die Forscher würden sich blamieren, Gen-Forschung sei Aberglaube, tönte es hier. Es gebe auch homosexuelle Fruchtfliegen, Schwul-sein mag ja natürlich sein, die Homo-Ehe hingegen ist es bestimmt nicht, tönte es dort.

Dieses Jahr wurde die Debatte um die Natürlichkeit schwuler Neigungen um eine weitere Studie erweitert. Michael Bailey von der Northwestern University in Illinois bestätigte Hamers Entdeckung und fand sogar weitere genetische Merkmale, sowohl in der gleichen Chromosomen-Region, als auch auf weiteren Chromosomen, die die Sexualität eines Menschen bestimmen können. Um die Debatte aber nicht wieder von vorne beginnen zu lassen, prägte die Professorin für Evolutions-Genetik an der australischen La Trobe University, Jenny Graves, in ihrem Artikel „Born this way? An evolutionary view of ,gay genes‘“ im Online-Magazin The Conversation einen Begriff, auf den man sich in Fach- und Nichtfachkreisen vielleicht vorerst einigen könnte.

Unter dem Begriff „Männer-liebende Gene“ fasst sie das Phänomen Homosexualität aus wissenschaftlicher Sicht zusammen und stellt es in einen bedeutungsvollen Kontext. „Für einen Evolutions-Genetiker ist die Idee, dass Gene die sexuellen Präferenzen eines Menschen beeinflussen keine Überraschung. In der Tierwelt beobachten wir das ständig, also ist es beim Menschen wohl kaum anders.  Aber anstatt diese Gene ,Schwulen-Gene‘ zu nennen, sollten wir sie lieber als  Gene sehen, die die Liebe zum männlichen Geschlecht begünstigen und verstärken.“  Die besagten Gene liegen auf dem X-Chromosom und werden exklusiv von der Mutter an den Nachwuchs vererbt. Manchmal nur an einen Sohn, manchmal gleich an mehrere. So erklärt sich auch, warum sogar eineiige Zwillinge gelegentlich nicht die gleichen sexuellen Präferenzen haben. Und vor Allem bedeutet es, dass auch die Mütter mit den Männer-liebenden Genen ausgestattet sind. „Ein Weibchen, welches diese Erbinformation in sich trägt, wird sich früher und häufiger mit Männchen paaren und somit mehr Nachwuchs produzieren“, so Graves. Weiter schlussfolgert sie korrekt, dass sich die Frage erübrigt, ob Homosexualität im Sinne der Evolution, eine nachteilige Eigenschaft sei. „Im Gegenteil. Bei Frauen sind diese Gene ein enormer Vorteil, und gleichen den Mangel an Nachwuchs, der durch männliche Homosexualität entsteht, ohne Weiteres aus. Ich wundere mich, warum diese Tatsache bei der gesamten Debatte immer untergeht. So viel Erklärungspotenzial wird einfach vernachlässigt.“

Dass die Entdeckung von dem bisschen Erbinformation so große Wellen schlagen würde, dachte Hamer damals wohl nicht. Er sah zu, wie seine These von Medien, konservativen Lobbies, christlichen Fanatikern und Kollegen verdreht, missbraucht und nur gelegentlich weiter entwickelt wurde und tat er das, was wohl alle Forscher tun würden: weiter forschen!

Vielleicht als Reaktion auf die vielen Beschimpfungen von religiösen Gruppen, die sich von der Vorstellung, Homosexualität sei eine „falsche Wahl“ nicht lösen können, machte er sich auf die Suche nach einem Gen, welches Religiosität und Spiritualität bestimmt. Zehn Jahre nachdem er das Schwulen-Gen entdeckte, fand er es schliesslich: das Gottes-Gen. Die inhaltliche Ausrichtung des Glaubens betrachtet Hamer zwar als Resultat von individueller Erfahrung und kultureller Prägung. Die Gene hingegen würden die Fähigkeit des Gehirns, verschiedene Ebenen und Formen des Bewußtseins zu entwickeln, beinflussen. Das Gottes-Gen bestimmt also darüber wie gläubig ein Mensch potenziell von Geburt an ist. Wenig erstaunlich, dass diese These nicht so sehr in Frage gestellt wurde wie die vom Homo-Gen. Sicher fühlt sich eine religiöse Lobby noch bestätigt, wenn sogar die Wissenschaft anerkennt, der Glaube an Gott sei die natürlichste Sache der Welt, und sieht sich womöglich noch als auserwählt an.

Zum Thema Schwulen-Gen sagte Hamer erst kürzlich, dass es leider an Mitteln fehle, um sexuelle Identität von genetischer Seite her weiter zu erforschen. Die rechtliche und moralische Lage verhindere, dass wir mehr über die Zusammenhänge erfahren. Aber zum Glück wissen wir ja jetzt, dass wir nicht nur natürlich sind. Wir stellen keinen potenzieller Faktor für das Aussterben der menschlichen Rasse dar. Und wir können nichts dafür.  Mutti ist an allem Schuld – an dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Mamas für die tollen schwulen Söhne, die ihr der Welt geschenkt habt! Die Männer-liebenden Gene sorgen dafür, dass, egal wo auf der Welt, immer wieder ein Homo geboren wird. Mehr als nur „Born this way“ sind wir, so gesehen, für immer schwul.

Torsten Schwick für Boner Magazine

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