Klaus Reinke ist ein Berliner Original und Vollmensch mit Herz. 1936 erblickte er das Licht der Welt und gehört somit zu der Generation, die Deutschland noch erlebt hat, als es nichts weiter als ein großer Trümmerhaufen war. Zum Glück aber gibt es Tunten, die sich durch nichts und niemanden den Spaß am Leben nehmen lassen. Klaus ist mein Nachbar und wir quatschen öfters,gerne ausführlich bei Kaffee und Kuchen. Seit ich ihn kenne, hat er mir schon so viel erzählt, dass ich mich bei unserem offiziellen Interview-Termin arg zusammenreissen muss, um nicht vor lauter Neugier zu viele Details zu erfragen.

Du bist 1936 in Berlin geboren. Wann warst du das erste Mal in einen Mann verliebt?

Weiß ich nicht mehr. Aber ich muss dazu sagen, ich bin gar nicht schwul. Zwar war ich öfters verliebt in Männer und habe seit meiner Jugend schwule Freunde, aber ich selbst würde mich nicht als schwul bezeichnen.

Aber du bist mit den Jungs schon früher um die Häuser gezogen?

Nicht nur mit Jungs. Auch mit Männern, haha. Meine ersten Kumpels hatte ich schon mit 14. Ich fand die immer sehr interessant, und auch hübsch. Zudem hatte ich durch meine Arbeit an verschiedenen Theatern als Gewandmeister ständig Kontakt mit Schwulen.

Erzähl mal ein bisschen. Was ging so ab, als du jung warst?

Na, vieles spielte sich im Privaten ab. Die Partys bei Leuten zu Hause waren meist auch schöner als die in den einschlägigen Lokalen.

Privat-Partys in den 50-ern… klingt interessant.

Na, da ging‘s hoch her. Es gab zum Beispiel diesen jungen Kerl in Zehlendorf: Seine Eltern hatten da eine Villa – und immer wenn seine Alten verreist waren, lud er zu sich ein. Da kamen Männer wie Frauen und jedes Zimmer wurde benutzt. Es war gut durchgemischt und dort trieben es Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und auch Frauen mit Männern.

Wie ein privater Sex-Club?

Könnte man sagen, ja. Ich war da auch einige Male zu Gast. Zum Glück nicht an dem Tag, als das Ganze aufflog. Die Nachbarn hatten sich über die vielen jungen Gäste gewundert und die Behörden informiert. Nach einer Razzia war es dann vorbei mit der Villa in Zehlendorf. Ganz Berlin hat getrauert.

Wo trafen sich Schwule sonst zum Sex?

Damals waren Klappen der eigentliche Treffpunkt für schnellen Sex. Die bekannteste in Schöneberg war die am Innsbrucker Platz. Auch dort gab es regelmäßig Razzien. Die Bullen waren relativ schlau und hatten ihre „Wanne“  direkt vor dem Eingang geparkt. Sobald die Trillerpfeife erklang, gerieten die Jungs in Panik, stürmten raus und liefen direkt in den offenen Mannschaftswagen rein.

Das ist gemein.

Viel gemeiner war, dass die verhafteten Männer aufgrund der Rechtslage sofort zum Gesundheitsamt geschickt wurden. Dort gab es dann eine Lichtbild-Erfassung, es wurden Blut- und Urinproben abgenommen und man kam ins Strafregister. 

Also wurden Schwule in Berlin in den 50-ern noch richtig verfolgt?

Na sicher, aber nicht wie unter Hitler. Es war eher ein Katz-und-Maus-Spiel. Es gab beispielsweise das F13 auf der Kreuzberger Friesenstraße direkt gegenüber der Polizeiwache. Im F13 verkehrten eher ältere Herren, und die Polizei wusste auch genau, was da abgeht, hat aber nie etwas unternommen. Der Laden war echt schön. In der Mitte der Kneipe stand ein riesiger Boller-Ofen, wie eine gigantische Blechtrommel, der als Heizung fungierte. Mittwochs gab es da immer Kaffekränzchen und ab einem gewissen Zeitpunkt haben die Kerle um den Ofen Polonäse getanzt. Es war herrlich. Und wenn sich da mal ein jung‘scher Bengel ‚reinverlaufen hat, war der natürlich

Und dann kam irgendwann AIDS.

Ja das war schrecklich. Die Jugend tut mir leid. Früher sind wir abends raus zum Grunewaldsee, sind dann nackend baden gegangen und haben es dann dort getrieben. Was konnte schon passieren, außer das man sich einen Tripper holt? Zwar wurde man erfasst und sofort beim Gesundheitsamt vorgeladen, aber mit einer Spritze war es getan.

Du hast dich dann auch sehr schnell für AIDS-kranke Kinder engagiert.

Ich habe viele Freunde an AIDS verloren. Und für Kinder hatte ich schon immer viel getan. Für blinde oder krebskranke Kinder.

Hast du eigene Kinder?

Nein. Vielleicht ist das ein Grund für mein Engagement. Vielleicht auch, weil ich mit elf Jahren selbst ein ganzes Jahr wegen einer Knochen-Tuberkolose im Krankenhaus verbringen musste. Meine Kindheit war dadurch schon sehr beeinträchtigt.

Du hast über die Jahre viele Spendenaktionen gestartet und warst sehr erfolgreich.

Ich war einer der ersten, der HIV-infizierte Kinder auf Station besuchen durfte. Es war furchtbar. Da habe ich mir gesagt, ich muss was tun, und es wurde zu meinem Schwerpunkt. Ich habe das immer sehr gerne gemacht. Die Leute haben toll reagiert und ich wurde von so vielen bekannten Leuten unterstützt. Durch Sachspenden, die wir dann versteigert haben.

Wer hat dir so alles geholfen?

Ach, das waren viele. Angela Merkel hat mal eine Kaffeetasse gespendet, verschiedene Schauspieler haben Kostüme von ihren Drehs gegeben. Einmal gab es eine Komparsen-Rolle bei der Lindenstraße zu ersteigern. Ich war sogar mal bei BigBrother. Der Papst war damals zu beschäftigt, um etwas zu schicken, aber seine schriftliche Absage habe ich dennoch versteigern können. Dafür haben die Leute mehr geboten als für ein handsigniertes Buch von Helmut Kohl.

Nachdem ich meiner Bewunderung über all die Sachen, die er in seinem Leben schon erreicht hat, kundgetan habe, entgegnet Klaus scherzhaft: „Ich bin ein alter Knacker!“, Vielleicht ist es tatsächlich eine Generationsfrage, was „schwul“ für einen selbst bedeutet. Das böse Schimpfwort von einst hat für uns heute einen ganz anderen, einen stolzen Klang.

Stolz aber kann Klaus auf seine Lebensleistung auf alle Fälle sein: Sein Engagement für die Schwächsten in unserer Mitte ist beispielhaft – und das in einer Zeit, als AIDS und Homosexualität die Betroffenen an den Rand der Gesellschaft drängten.

Torsten Schwick für Boner Magazine

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