Schwul im Jahr 2020!

Was die Freiheit von Sex für uns war, ist und sein wird!

Ein Diskussions-Beitrag von Jan Großer

Schwul 2020 – was bleibt nach Jahrzehnten schwuler Befreiung, sexueller Revolution, nach dem Erreichen der gesetzlichen Gleichstellung, den queerfeministischen und Identitätsdiskursen der letzten Jahrzehnte noch über „schwul“ zu sagen? Welche Fragen sind noch offen, welche stellen sich ganz neu? Eine kurze, subjektive und unvollständige Bestandsaufnahme in Zeiten von Corona und Wirtschaftskrise, wo die Verhältnisse von Markt zu Gesellschaft zu Staat zu Individuum in Frage gestellt und möglicherweise – Oh Sorge! Oh, Hoffnung! – neu verhandelt werden.

Über Jahrzehnte hinweg war das schwule Bewusstsein von den gemeinsamen Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen schwuler Männer geprägt. Noch zu meinen jungen Lebenszeiten wurden sie vom Staat verfolgt, bestraft, weggesperrt, ihre Existenzgrundlage zerstört und all das mit der Zustimmung der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Schwule trauten sich kaum, im eigenen Bett zu ficken aus Angst vor den Nachbarn, und es entstand eine verborgene schwule Subkultur, welche Schutz und Freiraum versprach. Der homosexuelle Handlungen unter Männern kriminalisierende §175 bestand in Deutschland in abgemilderter Form bis 1994 weiter und bildete den Boden für die fortgesetzte Stigmatisierung und Ausgrenzung von Schwulen im Alltag und in den Augen der Allgemeinbevölkerung.

Die tödliche Bedrohung durch AIDS ließ die schwule Gemeinschaft überwiegend näher zusammenrücken, im Umgang mit Angst vor Krankheit und Tod, aus Trauer um die verstorbenen Freunde, aber auch aus Wut über die fortbestehende Diskriminierung. Auch andere Gruppen und Personen – unter ihnen politische und gar kirchliche, auch viele Frauen – standen an unserer Seite in jenen Jahren.

In den 90er Jahren setzte eine Zeit der Entwarnung ein. Der diskriminierende Strafrechtsparagraph wurde endlich abgeschafft, und für die HIV-Behandlung standen nach und nach wirksame Therapien zur Verfügung (dank derer ich heute diese Zeilen schreiben kann). Anstatt schwule Männer wieder in den illegalen Untergrund zu drängen, hatte AIDS sie und ihre Geschichten in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt und ihnen letztendlich zu größerer Akzeptanz verholfen.

Damit ist allerdings natürlich noch lange nicht die Abwertung und Bedrohung schwuler Männer und ihrer Sexualität durch Mitmenschen, Kirchen und Parteien beendet, aber die akute Verfolgungsbedrohung und -erfahrung der vorherigen Jahrzehnte bildet im Alltag vieler schwuler Männer heute keine Grundlage für Gemeinschaft mehr.

Schwuler Sex und seine Erzählungen 

Die Verfolgung formte aus schwulen Männern eine Schicksalsgemeinschaft, welche zu den sexuellen Revolutionen der 1960iger einen bedeutenden Beitrag leistete. Wurde die Diskriminierung durch die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft damit begründet, dass sie ihren utilitaristischen Ansprüchen an Sex – Fortpflanzung, Familie, Volkserhalt – nicht gerecht wurde, schrieben sich schwule Männer ihre Geilheit und Lust selbstbewusst auf die Fahnen als Gegenentwurf zur bürgerlichen Sexualmoral, insbesondere zu einer Zeit, wo die Antibabypille auch heterosexuellen Sex aus dem alten Korsett befreite.

Die Frage, worum es beim schwulen Sex geht, scheint beantwortet: um Spaß, Lust, Geilheit und Selbstverwirklichung sowie das Ausleben geiler Fantasien. Alles, was diesen Zwecken dient, ist ein Freund der schwulen Welt. Die legalisierten und bald auch kommerzialisierten Freiräume und Träume schwuler Männer bestehen aus billigen Flügen, von Städten heiß umworbenem schwulen Tourismus, digitalen Pornowebseiten und Dating-Apps, schwulen Kreuzfahrten, einem Fetischwarenangebot, welches die Hinterhofwerkstätten schon lange verlassen hat, und den internationalen schwulen Erlebnisparks und deren „Events“.

Schwuler Sex wird auf globalen Märkten gehandelt; seine Freiheit lautet Auswahl basierend auf einem jederzeit verfügbaren Überangebot, welches mindestens in demselben Maße Begehren weckt, wie es verspricht, dieses zu befriedigen. Wie entwickelt sich in diesem neuen Umfeld der schwule Mann, seine Sexualität, seine Kultur und sein Verhältnis zur Umwelt?

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, gilt auch für uns Schwule. Die gehandelte Ware – Sex und seine Versprechen von Identität, Zugehörigkeit, Nähe, Ausbruch, Transgression, Selbstbestätigung und Ekstase – folgt den Gesetzen eines alles durchdringenden Marktes, auf welchem schwule Männer als Produkt und Konsument gleichzeitig agieren.

Marketing, Effizienz (das Verhältnis von Aufwand zu Gewinn), Konkurrenz und das ihr innewohnende Misstrauen, Kalkulation und Taktieren finden sich hier genauso wie auf allen Märkten und bestimmen zwangsläufig unser Handeln (bzw. unseren Handel) und die Gestaltung unserer menschlichen Beziehungen.

Das Produkt „geiler Spaß“ – die Dienstleistung und der Dienstleister – wird definiert und beschrieben, allein schon zu Werbezwecken. Die Frage „Ist der Typ mir die Samstagnacht wert?“ wollen die wenigsten mit einer Katze im Sack beantwortet sehen. Das Produkt muss berechenbar sein, auch in seinem Versprechen von Ausbruch und Abenteuer.

Auf dem Profil oder im Chat werden Vorlieben und Ablauf vereinbart. Der auf „geilen Spaß“ reduzierte Sex – einst ein Meilenstein auf dem langen Weg der Homo-Befreiung – wird seiner unkalkulierbaren Aspekte entledigt – NSA – no strings attached, keine emotionalen Bindungen, keine „Hemmungen“, die dazwischen funken könnten und mit welchen wir uns auseinandersetzen müssten. Leitbild ist Porno, Sex als international kommodifizierte Ware, seine Kommunikationsaspekte zwischen zwei (oder mehr) Menschen auf das Minimum reduziert. Ob ich am Wochenende tatsächlich in Stimmung für eine Party sein werde, weiß ich auch schon, dank Chems.

Ich kann sogar meine eigene Hingabe kontrollieren. Müdigkeit am Freitagabend, der eigene Körper, Selbstzweifel und Unsicherheiten, ein „ich weiß nicht so recht“ müssen der Geilheit nicht mehr im Wege stehen; wir können sie einfach abschalten. So kann ich eine perfekte Leistung abliefern und meine Lust maximieren. Die Gummis können wir dank der Segnungen von Big Pharma auch weglassen, damit sich der Sex wieder „natürlich“ anfühlt.

Wir erwarten die Verwirklichung unserer idealisierten Wichsträume; die Lücke zur Wirklichkeit unseres Alltags mit seinen Anforderungen, Grenzen und Zwängen verschwindet mit wachsender Distanz zu ihm, bis er ganz außer Sichtweite ist. Fetischkleidung, Toys, Substanzen, Alkohol, Medikamente, die inszenierten Räume der Szene, die Rituale und Fantasiewelten schwuler Sexualität halten uns den Alltag vom Hals, für eine Weile zumindest und für Geld.

So wie die Digitalisierung die Weltmärkte zu einem vereint hat, so hat sie auch die schwulen Sexwelten vereint. Die Leitbilder, Normen und Rituale der reichsten Staaten haben sich weltweit verbreitet dank ihrer wirtschaftlichen Stärke. Ob man sein Grindr in Kapstadt, Buenos Aires, Barcelona oder Mumbai öffnet, ist egal; Anschluss ist leicht zu finden. „Schwul“ mit seinen Codies, seiner Sprache, seinen Idealbildern und seiner globalen Vermarktung ist das neue Esperanto. „Tina“ und „Gina“ sind in Sydney, Chicago und Singapur gleichermaßen geläufig;

Dates und Partys laufen weitgehend in denselben Ritualen und mit unausgesprochenen Erwartungen ab. Schwule Männer und ihre Subkulturen stellen Fokusgruppen im Sinne der Marktforschung und des Marketings dar. Ihre Vorlieben und Wünsche können digital noch leichter erfasst und durch Werbung gesteuert werden. Gleichzeitig dienen Online-Plattformen und Dating-Apps als essentielle Frei-, Kontakt- und Schutzräume in schwulenfeindlichen und repressiven Regionen und Staaten. So verspricht und bietet auch dieser Markt „Freiheit“, innerhalb seiner ökonomischen Grenzen und der Normen und Werte, welche er über das globale Marketing etabliert.

Globalisierung und Digitalisierung haben einen globalen Markt geschaffen und mit ihm eine globale schwule Sexkultur. Dennoch könnte man nicht behaupten, dass sie zu paradiesischer Eintracht führten; denn ihre Produzenten wie Verbraucher – also wir – stehen immer in Konkurrenz. Die notwendige Selbsterhöhung in unserer Eigenwerbung und die implizite oder konkrete Abwertung des Mitbewerbers sind Teil ihrer Dynamik ebenso wie das resultierende Misstrauen. Der kapitalistische Markt betont nicht das Gemeinsame, sondern die Unterschiede. Nur so kann er sein Versprechen von individueller Freiheit und Selbstverwirklichung erfüllen und neue Wünsche wecken.

Wir verhalten uns effizient. Unsere Avatare und Werbeträger cruisen für uns 24/7/365 auf Apps und Portalen, und überbringen uns das Interesse, die Komplimente und die konkreten Angebote anderer Männer, egal, ob wir schlafen, arbeiten oder gerade einkaufen. Ping! Taps! Cruise! Die Filter sortieren die unerwünschten Kandidaten aus, und wenn nicht, dann tun wir es – „Dicke, Tunten, und Asiaten können sich das Porto sparen.“ oder so ähnlich. Keine Zeit im Chat mit den falschen Kerlen verlieren; das Wochenende rückt näher. Nicht schön, aber was will man machen? Auf dem Markt hat alles seinen Preis, auch unsere Lust und unsere Sehnsüchte.

Konsumkultur und postmoderne Diskurse um Identität

Der Konsumkapitalismus und seine Entwürfe von Lifestyle-Identitäten werden begleitet von postmodernen Diskursen, welche sich um schemenhafte Identitätskategorien drehen, welche vor allem durch ihre Verortung in sozio-kulturellen Machthierarchien definiert sind und auf Behauptungen von der Minderprivilegierung respektive Überprivilegierung gewisser Gruppen basieren, deren Kategorisierung anhand grober Kriterien erfolgt, analog zu den Fokusgruppen der Marktforschung.

Beiden, Markt und Diskurs, ist das Trennende, die Differenzierung gemein. Jede Gruppe beansprucht die Exklusivität ihrer Erfahrung und ihres Wissens und, darauf basierend, ihr exklusives Recht auf Deutungshoheit und Anerkennung. Dieser Wettkampf um Macht, Aufmerksamkeit und Information spiegelt die Realität der digitalen Ökonomie wider.

Als schwule Männer und teilweise verfolgte oder diskriminierte Minderheit oder diskriminierende und verfolgende Mehrheit sind wir Gegenstand und Agierende auch auf diesem Feld. Uns werden Identitäten zugeschrieben und wir schreiben sie anderen zu. Hat es je ein utopisches Interesse gegeben, einer weiteren Mehrheitsgesellschaft anzugehören und Differenzen abzubauen, oder beharren wir auf unserem schwulen Exzeptionalismus, welcher auf diesen Märkten einen eigenen Wert darstellt?

Einige kritisieren: Dafür sind sie nicht auf die Straße gegangen, dass nun viele Homos ganz spießbürgerlich-heteronormativ von Liebe reden, heiraten, und im trauten Eigenheim – Gott bewahre, vielleicht sogar als Eltern! – ihre Erfüllung zu zweit suchen. Da kämpft man jahrelang für die Homobefreiung, und dann machen die anschließend einfach, was sie wollen!

Wissen wir, wo wir stehen und wo wir hinwollen?  Gibt es noch ein „Wir“?

Gleichberechtigung haben wir, das Recht auf Lust auch, aber es fühlt sich nicht selten an wie eine Pflicht zur Lust, zum Spaß, und zur Geilheit. Bleibt Sex die einende Utopie bzw. was bliebe vom Schwulsein ohne die bedingungslose Geilheit? Ist unsere Lust absolut oder muss sie zwangsläufig gegen andere Anforderungen und Bedürfnisse abgewogen werden?

Ist Sex nur Spaß oder auch mal Schmerz, Selbstzweifel oder Enttäuschung? Wieviel Kontrolle braucht Sex, wieviel Kontrolle brauchen unsere eigenen Gefühle und Stimmungen, damit es mit dem Sex klappt? An welchen und wessen Erwartungen orientieren wir uns?

Wie stehen wir als Gruppe anderen Gruppen gegenüber? Möchten wir überhaupt noch als Gruppe identifiziert werden und wenn ja, wodurch – Feiern, ESC, Diskriminierungserfahrung, Ficken oder die Bezeichnungen „schwul“, „MSM“, „homosexuell“ oder „queer“?

Und wie stehen wir überhaupt zu „Queerness“? Sind wir mit der Idee und dem Begriff und seinen Communities identifiziert und solidarisiert oder befürchten wir, dass unsere eigenen spezifisch schwulen Lebenserfahrungen an Sichtbarkeit und Bedeutung verlieren? Wieviel unserer Zeit und Aufmerksamkeit schenken wir dem unvollendeten Streben nach Befreiung (von Gewalt, gesetzlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung sowie Stigmatisierung) anderer sexueller Minderheiten, PoC, Geflüchteten, oder erleben wir uns als Teil einer gesellschaftlichen Mehrheit, deren Selbstverständnis bedroht ist?

Liegt uns die Marginalisierung aller Menschen – Alter, Armer, psychisch Erkrankter, Obdachloser etc. – am Herzen oder nur unserer „Communities“? Wo verorten wir uns im gesellschaftlichen Spektrum und Machtgefälle oder haben wir ganz andere Sorgen?

Wir mögen uns diesen Fragen vielleicht gar nicht mehr als Gemeinschaft stellen, sondern möglicherweise nur noch als vor dem Gesetz gleichgestellte Individuen, deren Anliegen und Solidarität sich nicht mehr entlang identitärer Bruchlinien definieren. Wir mögen uns der vollständigen Ökonomisierung und Berechenbarkeit unseres Selbst, unserer Beziehungen, Allianzen sowie unserer Sexualität und Emotionalität hingeben, weil sie der natürlichen Dynamik eines von uns gewollten Fortschritts entspricht.

Oder spüren wir das vage Unbehagen über eine ubiquitäre und kaum greifbare Instanz und ihrer Technologien, welche sich unserer intimsten Träume, Sehnsüchte, Beziehungen und auch unserer gesellschaftlichen Diskurse bemächtigt, während wir uns unserer Dating-Apps, unserer Online-Familien und unserer Spotify-Abonnements erfreuen?

Was meinst Du? Diskutiere mit uns und unserem Autor und schreib uns an: editor@bonermagazine.com

Danke für die Bereitstellung der wunderbaren Bilder von: JOSEF JASSO PHOTOGRAPHY

Model Instagram: François Sagat

 

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