Die Freude am Fetisch – was bei dem einen Begeisterung auslöst und zu einem wichtigen Aspekt seines Lebens geworden ist, ist für den anderen noch immer ein wenig befremdlich. Woher kommt der Reiz daran, durch unbelebte Produkte wie Leder oder Gummi eine sexuelle Erregung zu erfahren?

Sicherlich sind die einzelnen Verknüpfungspunkte so individuell wie die Fetisch-Liebhaber selbst. Eine einfache Küchenpsychologie kommt hier nicht zum tragen – und das ist auch gut so. In der Psychoanalyse gilt der sexuelle Fetischismus nur dann als behandlungsdürftig, wenn die Liebe zum Fetisch als vollständiger Ersatz der eigenen Sexualität herhalten muss. Sprich, wer nur noch durch eine Spielart des Fetischs überhaupt Lust empfinden kann und ansonsten einen Leidensdruck verspürt.

Wer dagegen einfach Spaß daran haben kann oder einen speziellen Kick, eine besondere Verbundenheit mit anderen Männern verspürt, sollte sich dieses Erlebnis nicht versagen. Aber auch innerhalb der schwulen Szene gibt es oft noch Ängste und Unsicherheiten, wie man die ersten Schritte hin zu einem Fetisch-Erleben macht. Dabei sind diese unbegründet, denn es gibt zahlreiche Möglichkeiten, nach und nach die Fühler auszustrecken.

Zunächst einmal kann man zu zwanglosen Treffen gehen, die sich zum Beispiel dem Leder-Fetisch verschreiben, aber offen für Newcomer sind. Hier genügt oft schon eine kurze Anfrage beim Veranstalter – gerade in Zeiten von Corona – , um im Einzelfall die Details abzuklären. Nicht jeder, der eine Fetisch-Party besucht, muss gleich im Volloutfit erscheinen – hier gibt es große Unterschiede, sodass für jeden das richtige dabei sein kann.

Auch die Angst davor, dass sich alles nur um Sex dreht, ist unbegründet. Natürlich handelt es sich bei jeder Form von Fetisch um eine sexuelle Spielart, deswegen bedeutet das aber nicht, dass die Männer sofort alle übereinander herfallen, sobald „Frischfleisch“ in einen Raum kommt.

Das bestätigt auch Olaf Hartmannsgruber, der einmal im Monat das Berliner Fetisch-Event BLACK WEEKEND für alle Lederfreunde ausgerichtet hat und, sobald bzg. Corona-Einschränkungen erlaubt, auch wieder veranstalten wird:

„Man braucht keine Angst haben. Der sexuelle Akt steht nie im Vordergrund. Natürlich war und ist Sexualität immer ein Teil von uns, aber ich gehe nicht nach dem Motto „Sex sells“ vor. Man kann es soft und langsam angehen lassen, einfach vorbeikommen und ganz unbefangen in die Szene hineinschnuppern.“

Olaf Hartmannsgruber

Bleibt die Frage nach den finanziellen Möglichkeiten, denn je nachdem, welchem Fetisch man zugeneigt ist, kann es mitunter teuer werden. Das meiste Geld geht wahrscheinlich für ein gutes Leder-Outfit drauf – auf der anderen Seite ist so etwas eine lang angelegte Investition und muss auch nicht sofort im Kleiderschrank hängen.

In speziell dafür eingerichteten Läden, wie zum Beispiel den BONER-STORES in Berlin oder Wien oder auch bei BRUNOS in Berlin, Hamburg, Köln und München, findet man für jeden Fetisch etwas. Für weniger als hundert Euro kann man also bereits ein erstes Outfit für seinen Fetisch ergattern.

Der finanzielle Aspekt sollte also wirklich keinen entmutigen, das sieht auch Mr. Leather Europe, Stevio Blackhart, so:

„Ich denke, es ist eine Geisteshaltung, ein Lederkerl zu sein. Es spielt keine Rolle, wie viel das Leder, das du trägst, gekostet hat. Natürlich ist für uns Fetischisten eine gute Lederqualität wichtig und auch erregend. Aber ebenso sexy ist es, einen jungen Mann anzusehen, der gerade erst in diese Welt hineinschnuppert und mit einer billigen Lederjacke vor dir steht. Das ist ein verdammt kraftvolles Statement und ist unbezahlbar.“

Stevio Blackhart

Darin sind sich alle in der Fetisch-Community einig, dass der Mut, diese ersten Schritte zu gehen, sich immer gelohnt haben. Sie beschreiben allesamt das Leben mit ihrem Fetisch als viel bereichernder als zuvor. Olaf Hartmannsgruber noch einmal:

„Ich bin der Meinung, dass es heute wichtiger ist als jemals zuvor, zu seinem Fetisch zu stehen. Es gibt einfach auch so viele interessante Männer in dieser Szene, die es wert sind, kennengelernt zu werden.“

Beide Männer geben sich freudig kämpferisch und wollen Ängste abbauen. Stevio Blackhart noch einmal:

„Ich will mehr junge Männer in die Fetisch-Community holen und Brücken bauen, um es für sie leichter zu machen. Einige Fetische können teuer sein, weswegen mehr ältere Männer es sich leisten können. Aus diesem Grund könnte gerade die Leder-Community von außen betrachtet etwas in die Jahre gekommen sein. Junge Männer könnten denken, dass es für sie hier keinen Platz gibt. Aber das ist meilenweit von der Wahrheit entfernt! Also zeigen wir den Jungs, wie es wirklich aussieht!“

Das letzte, vermeintliche Gegenargument betrifft die Ernsthaftigkeit der Fetischfreunde. Ist das nicht alles einfach nur wie Theaterspielen? Eine Show? Wer sich ernsthaft mit einem Fetisch-Begeisterten unterhält, wird schnell vom Gegenteil überzeugt. So wie unsere Homosexualität ein Teil unserer Persönlichkeit ist, ist auch der Fetisch ein wichtiger Aspekt des eigenen Charakters.

Es ist weit mehr als ein Oberflächliches zur Schau stellen. Olaf Hartmannsgruber bringt es abschließend auf den Punkt:

„Wir stehen jeden Tag auf einer Art Bühne, jeder von uns, und wir müssen jeden Tag unsere Rollen spielen.“

Gut, wenn wir dabei in dem Outfit gekleidet sind, in dem wir uns wohl fühlen und welches uns als individueller Mensch am besten zum Ausdruck bringt. Oder?

Bilder Cockyboys + privat / Blackhart + privat Hartmannsgruber

Mehr über Olaf Hartmannsgruber und der Liebe zum Fetisch findest du hier:

Licht und Schatten – Wie Fetisch und innere Ruhe zusammenfinden

 

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