Beim Aktualisieren unseres Ständerkalenders fällt mir seit Monaten auf, dass die Reizbar enorm viele Partys mit solch wundersamen Namen wie „Gruben Nacht“ oder „Junge Sünde“ veranstaltet. Haben die auch mal Feierabend? Um das herauszufinden, treffe ich die beiden Betreiber Frank und Robert an einem Freitagabend zur „Sex und Reiz“-Party. Die Bar auf der Motzstraße 30 ist leicht zu finden und als ich gegen 22 Uhr aufschlage, ist bereits gut was los. Den gesamten Tresen entlang sitzen Kerle vor ihren Drinks und reden angeregt über dieses und jenes. Kein teilnahmsloses Beglotzen oder plötzliches Verstummen der bereits anwesenden Gäste, als ich meine schwere Winterkluft endlich ablegen kann.

Es ist direkt entspannt und kaum habe ich meine Sachen an der Garderobe abgegeben, werde ich auch schon gefragt, was ich denn trinken will. Zum Glück gibt es eine Zapfanlage – zur Auswahl stehen tschechisches und polnisches Bier vom Fass sowie eine riesige Auswahl an Mix-Getränken und Flaschenbieren. Zu meinem Outfit, einer gemütlichen Sporthose und Tanktop, passt Gezapftes am Besten und nach meinem ersten Schluck mache ich mich auch schon auf die Pirsch.

Durch einen Türbogen gelangt man in den sehr gemütlichen hinteren Teil des Ladens. Lederhocker, Sofas und flache Tische bringen einen wortwörtlich auf den Boden der Tatsachen. Saugemütlich, unprätentiös, ein Bildschirm auf dem Pornos laufen und man kann rauchen – meine Idee eines Vorzimmers zum schwulen Himmel. Und einen Engel finde ich auch direkt. Ein muskulöser und sexy behaarter Typ fläzt sich inmitten dieser abgedunkelten Lounge und grinst mich in seinem Wrestler-Outfit frech an. Ich überlege kurz, ob ich nicht erst ein wenig warten soll, höre dann aber auf die schnell wachsende Beule in meiner Hose und spreche ihn direkt an. Da er sich sehr darüber freut, setze ich mich neben ihn und nach einem kurzen Wortwechsel knutschen wir auch schon rum und finden enormen Spaß aneinander.

Auf seine Frage, ob wir nicht auch in eine Kabine gehen könnten, antworte ich gar nicht erst, sondern nicke nur erregt und folge ihm freudig. Wie praktisch – ich brauche den Darkroom nicht mal alleine erkunden. Vorbei an einem Sling finden sich dort mehrere Spielflächen, ein Gynäkologen-Stuhl und zwei abschließbare Kabinen. Bequem ist die Kabine nicht, die wir wählen, aber wir wollen da ja auch nicht übernachten.

Nach also kaum einer Stunde habe ich bereits eine geile Nummer geschoben und bestelle mein zweites Bier. Mittlerweile ist der Laden leer, und Frank pöbelt mich scherzhaft an: „Die sind abgehauen, nachdem sie dich nackt gesehen haben!“ Aber wir sind uns einig, dass wir die Pause für ein kurzes Interview nutzen sollten. Mein neuer Wrestler-Freund bequemt sich wieder in die Lounge und lässt mich mit den Chefs alleine an der Bar zurück.

Die Reizbar habt ihr vor rund zwei Jahren übernommen und erst einmal einiges geändert, stimmt‘s?

Frank: Wir wollten möglichst viel anbieten, um die vielen verschiedenen Geschmäcker der Szene zu treffen. Daraus haben sich mittlerweile einige Veranstaltungen entwickelt, die richtig gut laufen. Die „Junge Sünde“ beispielsweise – das freuen sich die Jungs unter 30 natürlich, wenn sie mal unter sich sein können. Oder Mottopartys wie CBT (CockBallTorture) oder unsere Bareback-Party, die „Berlin Bastards“. Wer gezielt die Veranstaltungen hier besucht, kommt immer auf seine Kosten.

Und am Wochenende habt ihr durchgehend geöffnet?

Robert: Genau. Wir machen das auch gerne und freuen uns, einen Ort zu bieten, wo man mal einen Zwischenstop machen oder ein paar geile Stunden auch tagsüber verbringen kann.

Ihr habt auch einen eigenen Club auf Gayromeo?

Frank: Ja, aber da wird man nur aufgenommen, wenn man zuvor hier als Gast war. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe es satt, dass sich die Leute immer hinter ihren Profilen verstecken und dann spannen, was wo abgeht, ohne etwas von sich preiszugeben. So funktioniert Szene auch nicht. Entweder man ist dabei oder man ist Zuschauer. Robert: Also man wird halt zugelassen, wenn jemand uns antickert und sagt: Gestern war ich da und würde jetzt gerne auch mit euch verlinkt sein. Wir erinnern uns schon an unsere Gäste und dann macht es auch Spaß, mit ihnen zu chatten und übers Internet Kontakt zu halten. Viele kommen ja von weit her und können nicht immer in Berlin mitfeiern. Wir haben unter andern viele Freunde aus Polen, die immer gerne hierher kommen – da ist schon cool, denen Updates per Internet zu schicken.

Habt ihr denn noch Platz für weitere Veranstaltungen?

Frank: Veranstalter können sich immer gerne bei uns melden. Wir bieten auch an, die Reizbar für private Partys anzumieten – da nehmen wir aber eine Kaution, einfach um nicht verarscht zu werden. Ich würde mich freuen, wenn es mehr Leute gäbe, die Partys veranstalten. Es muss ja nicht immer teuer werden und bis spät in die Nacht gehen.

Das Fassbier schmeckt wirklich sehr gut und ich geselle mich wieder zu meinem Wrestler. Es bringt mich zum Nachdenken, was die beiden über die Leute sagen, die im Internet nur beobachten und nicht wirklich Teil unseres schwulen Lebens sind. Klar, wenn man nicht gerade in einer großen Stadt lebt und die Angebote hat, sind Internet und schwule Dating-Portale eine große Hilfe. Aber wer in Berlin vier Stunden lang chattet, anstatt auszugehen und sich unters Volk zu mischen, ist selbst Schuld, wenn er die schöne Lebenszeit verschwendet und am Ende ungefickt bleibt. Kaum endet mein Gedanke, füllt sich der Laden auch schon wieder. Eine Gruppe gut gelaunter Iren platziert sich uns gegenüber und einige Einzelgänger machen es sich um uns herum gemütlich. Der Abend bleibt entspannt bis knisternd und ich komme auch ein zweites Mal. Als ich mich gegen 3 Uhr auf dem Heimweg mache, bin ich wieder mal saufroh, ein Berliner zu sein. Und sollte ich jemals weg müssen, bräuchte ich dank Läden wie der Reizbar nicht mal einen Koffer hier zu lassen – Sporthose, Tanktop oder Wrestler-Anzug passen auch in einen Rucksack. (ts)

REIZBAR | Motzstrasse 30 | 10777 Berlin – Schöneberg | Telefon +49 30 23 63 79 81 | www.reizbar-berlin.com | info@reizbar-berlin.com

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