Der CSD steht an – in schönster Regelmäßigkeit; wie Weihnachten, Ostern oder die gemeine Sommergrippe. Die Parade gilt vielerorts als einsamer Höhepunkt des queeren Daseins. Und tatsächlich hat der Event seinerzeit zur Sichtbarmachung homosexuellen Protests beigetragen – speziell Anfang der 1980’er, als ein kleiner Trupp über den Ku’damm mäandernder Tunten zu Beginn der AIDS-Pandemie darauf aufmerksam machte, dass es „uns“ tatsächlich außerhalb von Särgen und Krematorien noch gibt. Und auch bis in die 1990’er, da wir belegen konnten, dass wir nicht durch die vorgebliche Lustseuche hinweggerafft wurden. Das war die erfrischende Konfrontation des nach Luft ringenden Spießbürgers mit dem Unsäglichen, was er nach Herzenslust beschimpfen und bespucken konnte. Wir spuckten zurück. Bis heute ist es wichtig, dass in öden Orten von A wie Aachen bis Z wie Zwickau diese Veranstaltung stattfindet, einfach um die dortigen Eingeborenen schockzugefrieren oder auch, im besten Falle, sie mitzunehmen, ihnen zu bedeuten: Es gibt uns, immer noch und unablässig, und wir gehen auch nicht weg. Ihr habt uns verhaftet, vergast und niedergeknüppelt – aber wir sind nicht gewichen. Vielleicht wäre es im Sinne des gesunden Menschenverstands und allgemeinen inneren Friedens, diesen Fakt einfach mal anzuerkennen und jedem Tierchen sein Plaisierchen zu gönnen? Dafür fordern wir auch Null Toleranz, allerdings bedingungslose Akzeptanz. Das ist die Botschaft des CSD. In der Provinz. Dort, wo der Schultheiß den Schuss noch nicht gehört hat. Dort ist dieses Vorkommnis politisch. Und auch als politische Demonstration anzuerkennen. Was allerdings bedeutet der CSD inzwischen in Berlin? Wettkampf-Zappeln. Trunken johlendes Schwanzwedeln, hysterisches Hyper-Hyper und kackiger Karneval. Das mag ja alles in seiner Redundanz okay sein, in der monotonen Wiederholung in Ordnung – würde sich das Übel nicht penetrant den ärgerlichen und völlig unangemessenen Anstrich der „politischen Demonstration“ geben. Der Endpunkt der Pride-Week ist genauso politisch relevant wie anno dazumal die Loveparade, bei der entfesselte Mädchen mit Wäscheklammern im Haar ja auch zu Ikonen der freien Meinungsäußerung stilisiert wurden; so als wäre der flatternde Furz auch schon ein Aufruf zur Revolution. What the fuck? Sollte der besoffen-bunte Aufzug von notgeilen Selbstdarstellern tatsächlich Ausdruck queeren politischen Verlangens sein, dann kann es um dieses nicht gut bestellt sein. Die einzige Relevanz des Berliner CSD in den letzten Jahren bestand darin, dass die unterbelichtete Orga der Orgie sich derartig zerstritt, dass man gleich drei CSDs veranstaltete. Was bleibt vom derzeit erbärmlichen Außenbild als die fragwürdige, multimedial transportierte Message, dass es sich bei den Schwuchteln um krankhaft eitle, egomanische und hedonistische Selbstdarsteller handelt, die in ihrer Hohlheit nur Kopien von Kopien althergebrachter Klischees abliefern und den Tiergarten wässern? In Zeiten von Orlando, Islamophobie, AIDS-Amnesie, Rechts-Rollback und zunehmender Homophobie, in Zeiten von Trump, Putin und Erdogan könnte der wirklich politische CSD Berlin eine echte Alternative der Weltoffenheit zelebrieren. Vielleicht wäre er ein Schweigemarsch, vielleicht ein Aufschrei. Er könnte von Bedeutung sein. So, wie er nun abläuft, als Fasching der Konsumopfer, ist er bloß eines: furchtbar unnötig.

Daniel Call

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