Wir Schwulen sind schon ein lustiger Schlag. Überall fordern wir Verständnis, wehren uns gegen Diskriminierung und prangern sie lauthals an: die Homophobie. Zwar zu recht, aber wie viel Verständnis haben wir selbst eigentlich gegenüber homophoben Menschen? Woher kommt die Angst vor unseresgleichen? Wer die Welt verändern will, muss sie auch verstehen. Während sich die Berliner Szene in einem Positionierungsstreit um den CSD aufspaltet, der bereits zu vielen Besucherabsagen geführt hat, reisen wir anlässlich des Christopher Street Day mit unserer gemeinsamen Feindin um den Globus und fragen sie: Homophobie, warum gibt es dich überhaupt?

Die wörtliche Übersetzung von Homophobie lautet „Angst vor dem Gleichen“ und beschreibt das aggressiv-ablehnende Verhalten gegenüber Menschen, die gleichgeschlechtliche Liebe oder Sexualität ausleben. Ebenso vielfältig wie ihre Erscheinungsformen sind auch die Ansätze, Homophobie und homophobes Verhalten zu erklären. Diese lassen sich in zwei Hauptgruppen aufteilen: die sozialpsychologische und die tiefenpsychologische Perspektive.

Die sozialpsychologische Perspektive

Taiwan

Laut einer Studie der Gender/Sexuality Rights Association of Taiwan aus dem Jahre 2012 haben 18 Prozent aller in Taiwan lebenden Homosexuellen bereits einen Selbstmordversuch hinter sich; 30 Prozent haben „nur“ darüber nachgedacht. Ganz oben auf der Liste der genannten Gründe steht Druck seitens der Familie, ein traditionell heteronormes Leben zu führen und einen entsprechenden Ehepartner zu finden. Weitere Gründe sind verbale Attacken, Gewalt- und sexuelle Missbrauchserfahrungen sowie negative Darstellungen von Homosexualität in den Medien. Wie in vielen ehemaligen westlichen Kolonien sind solche Formen von Ablehnung gegen Homosexuelle in den Kulturen der sogenannten Dritten Welt erst in den letzten hundert Jahren zu beobachten.

Der Autor und Soziologe Zhou Huashan schuldet die moderne Homophobie in der Volksrepublik China dem europäischen Imperialismus an. Konfrontationsstrategien, wie Huashan es nennt, seien der urchinesischen Tradition fremd. Erst mit der Adaption westlicher Werte traten Phänomene wie „gay bashing“ auf. So entwickelte sich auch erst in den Neunzigerjahren das Wort Tóngzhì zu einem umgangssprachlichen Sammelbegriff für sexuelle Minderheiten, Gruppen und auch Ereignisse, die jenseits von Heteronormativität zu definieren sind. Tóngzhì leitet sich ab von tóngxìnglìan, die formale, pathologische Bezeichnung für Homosexualität, zu deutsch etwa Unzüchtler.

Der Zweiklang von „homo“ und „hetero“ mit den einhergehenden Vorurteilen sei eindeutig Zeugnis der Kolonialzeit und ein übernommenes westliches Prinzip, welches „ironischerweise nach und nach von der chinesischen Bevölkerung als Teil ihrer eigenen Tradition betrachtet wurde“, so Zhou Huashan.

Sind Stereotypen und Vorurteile erst einmal im Bewusstsein einer Gesellschaft verankert, so verstärken sie sich immer wieder selbst. Menschen nehmen vorwiegend selektiv wahr und erkennen kulturell suggerierte Stereotypen fortlaufend wieder. Gesellschaftliche Normvorstellungen etablieren sich meist erst über mehrere Generationen hinweg. Jeder Mensch trägt Tendenzen in sich, diese zu verteidigen und reagiert potenziell aggressiv auf Abweichungen. Es kann also sein, dass ein Mensch homophob ist, weil er es so gelernt hat. Aber woher kommt die Homophobie und wozu ist sie gut?

Die tiefenpsychologische Perspektive

Homophobie ist keine Angst an sich, sondern ein Mittel zur Abwehr anderer, tiefliegender Ängste. Sie ist eine Art Ersatzangst, die dazu dient, innere Konflikte, in erster Linie Ängste, aus dem eigenen Bewusstsein fern zu halten.

Die Liste der Ängste ist lang. Manche fürchten sich vor der Veränderung des gängigen Männlichkeitsideals, andere vor einem Angriff auf die traditionelle Familie und oftmals vermischen und überschneiden sich die inneren Motive.

Der Pimmel-Lügendetektor-Test

University of Georgia, USA

Wer kennt ihn nicht: den Macho, der sich in jeder Runde sofort als Schwulenhasser identifizieren muss, und das in einer Form, dass sich seine Hetero-Kumpels bereits insgeheim fragen, ob er nicht selbst schwul ist? Damit liegen sie laut der Studie „Is Homophobia Associated With Homosexual Arousal“ aus dem Jahr 1996 genau richtig.

Unter dem Aspekt, dass Homophobie eine emotionale Reaktion wie Ekel ist und nicht, wie Homonegativismus, ein multidimensionales Konstrukt aus vermittelten Wertestrukturen, dachten sich die Forscher Henry A. Adams, Lester W. Wright und Bethany A. Lohe einen pfiffigen Versuchsaufbau aus. Sie wollten herausfinden, ob homophobes Verhalten eher bei Menschen auftritt, die selbst homosexuelle Neigungen haben, sich diese aber nicht eingestehen.

Insgesamt wurden 64 Männer, die sich selbst als ausschließlich heterosexuell bezeichneten, eingeladen, sich einer Befragung und einem anschließenden Test zu unterziehen. Die Teilnehmer füllten einen Fragebogen zu ihrem Aggressionsverhalten gegenüber Homosexuellen aus und wurden daraufhin in zwei Gruppen unterteilt: homophob und nicht-homophob. Im zweiten Teil der Studie wurden den Männern in einem isolierten Raum Pornos gezeigt.

Zuvor jedoch wurde ihnen eine Gummimanschette am Schwanz angebracht, mit der gemessen wurde, ob eine Erektion beim Ansehen von heterosexuellen, schwulen oder lesbischen Pornos auftritt. Dieser Pimmel-Lügendetektor-Test konnte tatsächlich beweisen, dass in der Gruppe der homophoben Männer die Häufigkeit einer positiven sexuellen Reaktion, also das Auftreten einer Erektion beim Ansehen von schwulen Pornos, wesentlich höher war als in der Gruppe der nicht-homophoben Männer. Tja, ein steifer Schwanz lügt eben nicht.

Angst vor sozialer Unsicherheit und Streben nach Macht

Moskau

Russland geht‘s schlecht. Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes sind in etwa vergleichbar mit dessen Größe. 2013 gab es statt dem erwarteten Wachstum um 3,7 Prozent nur 1,3 Prozent, Tendenz absteigend. 13 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, die meisten von ihnen sind im arbeitsfähigen Alter. Wirtschaftsminister Alexej Ulukajew spricht bereits von einer Stagnation, die sich über die nächsten zwanzig Jahre erstrecken könnte. Zudem prognostizieren Bevölkerungswissenschaftler, dass Russland in den nächsten acht Jahren 10 Prozent seiner arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren wird, weil so viele Menschen ins Rentenalter eintreten werden. Und was hat das mit Homophobie zu tun?

Inmitten dieser sich vertiefenden Wirtschaftskrise unterzeichnete Wladimir Putin im letzten Jahr ein Gesetz, das jegliche positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet in Russland unter Strafe stellt. Seither fühlt sich eine Mehrheit von Bürgern sicherer und besser von ihrer Regierung vertreten, weil die Zukunft ihrer Kinder und somit ihres Landes vor einem Übergriff durch Homosexuelle abgesichert ist. Eine amtlich beglaubigte Angst vor Homosexuellen, durch die Medien geschürt, hat zur Folge, dass die eigentliche und viel berechtigtere Existenzangst vorerst aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verdrängt wird.

Ersatzangst in Form von Homophobie ist ein populäres Instrument, welches von Privatpersonen, Regierungen oder religiösen Organisationen gerne vorgeschoben wird, um von den eigentlichen Problemen abzulenken.

Geht normal auch anders?

Uganda

Im Oktober 2009 erlangte David Bahati weltweite Bekanntheit indem er der ugandischen Regierung einen Gesetzesentwurf präsentierte, der die strafrechtliche Verfolgung Homosexueller fordert. Der „Uganda Anti-Homosexuality Act“ sieht in der Originalfassung die Todesstrafe auf „vorsätzliche Homosexualität“ (aggravated homosexuality) unter anderem vor, wenn homosexuelle Akte von einer HIV-positiven Person, einem Elternteil oder einem Würdenträger begangen werden oder homosexuelle Akte an Minderjährigen oder Behinderten begangen werden.

Die abgeschwächte Form, das „homosexuelle Vergehen“ (homosexual offence) bestraft die gleichgeschlechtliche Ehe genauso wie homosexuelle Akte zwischen Volljährigen oder sogar den Versuch einer vorsätzlichen homosexuellen Handlung mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

Bahati ist Mitglied der amerikanischen christlich-fundamentalistischen Organisation „The Fellowship“, die als eine der politisch einflussreichsten in den USA gilt. Einerseits wegen ihrer weitreichenden Vernetzungen und Verschworenheit – neue Mitglieder müssen einen Eid geloben, der sie zu absoluter Vertraulichkeit verpflichtet.

Andererseits wegen der konservativen Werte, die sie vertreten. In Uganda selbst, einem ehemaligen britischen Protektorat, sind etwa 85 Prozent der Bevölkerung christlichen Glaubens. Zwar trat der Anti-Homosexuality-Act diesen Februar nur entschärft in Kraft; die Todesstrafe wurde gegen ein „lebenslang“ eingetauscht.

Aber nicht nur im Westen wundert man sich über Bahatis Motive. In einem Live-Interview auf SAHARA TV, einem Online-Journalistenkollektiv, welches auch als Wikileaks von Afrika bekannt ist, fragt die Reporterin Tracy Thompson Bahati: „Finden Sie eine lebenslange Haftstrafe für Homosexualität nicht etwas extrem? (…) Wir wissen, dass es in Uganda ein chronisches Armutsproblem, schlechte gesundheitliche Versorgung, Korruption innerhalb der Regierung gibt. Denken Sie nicht, dass diese Dinge Priorität haben sollten?“ Bahatis Antwort verblüfft nicht, wenn sie unter dem Aspekt der Ersatzangst betrachtet wird: „Nein, ich finde das Gesetz nicht extrem (…). Wir passen auch die Gesetze zur Korruption an und machen Fortschritte hinsichtlich unserer Infrastruktur und im Kampf gegen HIV. Gleichzeitig müssen wir aber Homosexualität in den Griff bekommen. Wenn das moralische Gefüge unserer Gesellschaft ins Schwanken gerät oder zerfällt, wird auch alles andere kollabieren.“

Homophobie, als Mittel zur Abwehr anderer Ängste, hat sich bis ins tiefste Afrika kolonialisiert – und der Weg zu einer gesellschaftlichen Umkonditionierung hin zu einem weltweiten Homopositivsmus wird ein langer werden.

Schwulenklatschen dank Bildungsplan?

Wie die Psychologie selbst hat auch die Homophobie ihren Ursprung im alten Europa. Da scheint es angemessen, genau hier im großen Stil umzudenken.

Stuttgart

Der neue Bildungsplan für Baden-Württemberg soll 2015 in Kraft treten und in dem Arbeitspapier „Bildungsplanreform 2015 – Verankerung der Leitprinzipien“ werden die Verankerung von fünf Leitprinzipien dargelegt: berufliche Orientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention & Gesundheitsförderung sowie Verbraucherbildung. Soweit sind auch alle Gutschwaben damit einverstanden, doch an einer Maultausche verschlucken sich die Häuslebauer derzeit: Unter dem Namen „Aktionsplan für sexuelle Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ soll jedes dieser Leitprinzipien unter dem Gesichtspunkt der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ umgesetzt werden.

Für die Lehrkräfte bedeutet es, dass in der Bildung für nachhaltige Entwicklung Schüler die verschiedenen Formen des Zusammenlebens von und mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender, Transsexuellen und Intersexuellen (LSBTTI) sowie deren Kultur und Begegnungsstätten kennen und reflektieren lernen sollen.

Diese staatlich angeordnete Umerziehung der Gesellschaft wird von Kritikern mit heftigen Geschützen angegriffen. So ruft etwa Gabriel Stängle in seiner Petition mit dem fantasiereichen Namen „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ zu einer Orientierung an den Werten unseres Grundgesetzes auf, das den Schutz von Ehe und Familie als demokratische Errungenschaft verteidigt. Hierbei beruft er sich auf Art. 3 und Art. 6 des Grundgesetzes. Auch findet er, dass die neuen Leitlinien hinsichtlich Gewaltprävention ein falscher Ansatz sind. „Ein Klima von Opfern und Tätern wird herbeigeredet und gibt sich dann als deren Lösung aus“. Mehr Schwulenklatschen dank Bildungsplan also? Zwar spricht sich Stängle durchaus für ein Klima der Akzeptanz aus und ist für eine Einstellung gegen Homophobie. Zusammenfassend aber fürchtet Stängle eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen in Hinblick auf eine neue Sexualethik.

Wie gesagt hat jeder Mensch ein Recht darauf gesellschaftliche Normen zu verteidigen. Aber Homophobie ist wie die Angst vor der Hölle. Kulturelles Erbgut, das niemand so recht braucht. Also Welt, warum hast du Angst vor uns? Nichts gelernt im Geschichtsunterricht? Hexen waren keine auf Besen fliegenden Dämonen, Juden wollten nicht im Kollektiv die Weltherrschaft erlangen und wir wollen weder eure minderjährigen Kinder missbrauchen noch eure Familien oder Wertesysteme  zerstören. Wir wollen einfach, dass ihr keine Angst vor uns habt.

Torsten Schwick für Boner Magazine

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