Schwule Türken – allein schon diese beiden Worte sind nach wie vor schwierig zu kombinieren. Nicht gerade wenige Herren aus der Türkei fühlen sich ernsthaft beleidigt oder gar persönlich angegriffen, wenn sie als schwul wahrgenommen oder definiert werden; und dabei reden wir nur von den Reaktionen, die diese zwei Wörter in Deutschland, Österreich oder der Schweiz auslösen.

Im islamisch geprägten Land selbst sorgt Homosexualität noch immer für massive Probleme, auch wenn es seit über einhundertsechzig Jahren keinen Strafbestand mehr darstellt. Im Vergleich zu anderen Orten in der islamischen Welt gehört der Staat sogar zu den eher toleranteren, was allerdings angesichts gesellschaftlicher Ächtung und gravierenden Schwierigkeiten im alltäglichen Leben für geoutete Männer nicht gerade beruhigend wirkt.

Umso mutiger und spannender ist es, wenn sich ein junger Türke von gerade einmal dreiundzwanzig Jahren mit hoch erotischen Bildern rund um das Thema schwuler Sex beschäftigt. Sein Künstlername ist Veneresson und er wurde in einer kleinen Stadt im Nordwesten der Türkei geboren.

Inzwischen ist er nach Istanbul gezogen, lebt seit vier Jahren mit seinem Freund zusammen und studiert an der berühmten Mimar-Sinan-Universität der schönen Künste. Immer mehr vertieft er sich dabei in seine persönliche Leidenschaft, den männlichen Akt – als Model dienen ihm sowohl Pornodarsteller wie auch Freunde.

Was hat dich dazu gebracht, mit dem Malen anzufangen? Und wie ging es dann weiter?

Zwei nackte männliche Körper eng beieinander inspirieren mich einfach immer wieder. Ich zeichne bereits seit rund drei Jahren Bilder mit sexuellen Inhalten. Das hilft mir einfach, mich zu entspannen. Ich habe die Technik des Zeichnens durch meine Ausbildung in bildender Kunst gelernt, habe allerdings zuvor auch schon als Amateur immer Skizzen gemacht. Ich habe seit frühester Kindheit niemals aufgehört, Kunst zu machen. Vor drei Jahren habe ich mir ein Grafik-Tablet gekauft, mit dessen Hilfe ich jetzt meine digitalen Kunstwerke zeichne.

Was möchtest du mit deinen Werken aussagen?

Ganz einfach, ich möchte sagen: Sex ist eines der natürlichsten Dinge der Welt. Ich würde mich freuen, wenn die Menschen diesen intimen Moment in meinen Arbeiten sehen und mitfühlen können.

In deiner Kunst ist eine besondere Männlichkeit und Kraft sehr präsent – was fasziniert dich am männlichen Körper?

Oh, vieles. Die einzelnen Linien, die Kurven, die pure Masse. Ich lasse mich einfach sehr leicht in meinem Leben ablenken, daher basieren die meisten meiner Arbeiten auf schwuler Männerpornografie, weil das wahrscheinlich das einzige ist, was mich noch nie gelangweilt hat. Ich lasse mich aber auch sehr gerne von außerhalb beeinflussen. Egal ob es jetzt um die queere Bewegung geht, oder die absurden Instagram-Richtlinien gegen Nacktheit, alles kann in meinen Werken mit einfließen.

Du zeichnest sehr intime Augenblicke zwischen zwei Männern. Manchmal sogar ein wenig geheimnisvoll, je länger man sie betrachtet. Wie gelingt dir das? Wann weißt du, dass du fertig bist?

Ich weiß nie, wann und ob ich fertig bin. Wenn eine Zeichnung daneben zu gehen droht, mache ich einige Schritte zurück, betrachte alles von neuem und arbeite einfach abermals daran. Manche meiner Bilder nehmen wirklich viel Zeit in Anspruch, andere wiederum fertige ich in wenigen Stunden an.

Wie sieht dein normales Leben aus?

Mein Alltag ist ziemlich anstrengend. Das Leben in Istanbul ist so teuer, deshalb arbeite ich neben meinem Studium noch in einem Teilzeitjob. Mein großer Wunsch wäre es natürlich, mein Leben mit dem Verkauf meiner Werke zu finanzieren. Mein Freund arbeitet zudem als Drag Queen, daher sind wir auch oft in dieser Szene unterwegs.

Du sagst, du denkst nicht so gerne über die Zukunft nach. Warum?

Ich habe einfach Angst vor der Zukunft und mache deswegen nicht so viele Pläne. Wenn ich aber höre, wie sehr meine Werke geliebt und gelobt werden, vergesse ich diese Angst und lasse sie hinter mir. Ich würde mir sehr wünschen, hauptberuflich Künstler sein zu dürfen.

Es ist nicht leicht als schwuler Mann offen in der Türkei zu leben. Wie erlebst du diese Situation?

Es ist schon schwer, ein schwuler Mann in der Türkei zu sein. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel auch die Pride-Paraden aus wirklich irrwitzigen Gründen verboten. Aber wir haben auch massive Probleme, die uns alle betreffen wie die Unterdrückung von Regierungskritikern. Die LGBTQI-Bewegung nimmt dagegen an Fahrt auf und ich möchte gerne glauben, dass ich und die Menschen in meinem Umfeld ihren Beitrag daran haben.

Besuche unseren Künstler auf Instagram: VENERESSON

 

Lust auf mehr Kunst? Wie wäre es hiermit?:

https://bonermagazine.com/ralf-konig-und-der-sexy-urmensch/

 

 

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