Es beginnt alles relativ harmlos an einem Spätsommerabend im September 2013: Der Chef des altehrwürdigen Nudelkonzerns Barilla, Guido Barilla, äußert sich in einem Interview zu seiner Einstellung gegenüber Homosexuellen. Nach seiner Meinung stehe die heilige Familie über alles und er wolle keine Werbung mit einer homosexuellen Familie machen.

Der neue Vorstandschef des Unternehmens, Claudio Colzani, hört während einer Autofahrt das Gespräch mit und ihm ist sofort klar: Wir haben ein Problem. Und in der Tat bricht ein massiver Shitstorm los, der auch kurzfristige finanzielle Einbußen zur Folge hat. Viel schlimmer ist allerdings das stark beschädigte Image des Unternehmens – es wäre gut möglich gewesen, dass es sich davon nie mehr hätte erholen können.

Was dann allerdings passiert, ist in seiner Intensität eine ziemlich einmalige Läuterung, in dessen Folgen die Unternehmensführung ihre Einstellung zu Homosexuellen komplett überdenkt und heute zu einer der positivsten Firmen in Punkto LGBTQ-Engagement zählt. Man kann natürlich sagen, das Unternehmen habe aus blankem Opportunismus heraus gehandelt, doch sieht man sich den bis heute anhaltenden Eifer an, ist man geneigt, den Einsatz als ernsthaft und glaubhaft einzuordnen.

So interpretiert das auch der Ökonom Jens Schadendorf, der sich in seinem Buch „GaYme Changer“ (erschienen im Redline Verlag) ausführlich damit beschäftigt hat, welche Veränderungen die LGBTQ-Community auf die heutige Wirtschaft ausübt – und wie sich dies in den kommenden Jahren noch steigern wird. Die Jobwelt wird regenbogenbunt!

Gays haben eine ungeheure Macht, wenn sie es clever und richtig anstellen!

Wie schnell das Image Schaden nehmen kann, zeigte kurz darauf auch der Fall Domenico Dolce und Stefano Gabbana: Die beiden milliardenschweren homosexuellen Gründer des gleichnamigen Modehauses wetterten gegen das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben.

Ein gigantischer medialer Aufschrei war die Folge – beinahe ironisch, wenn man bedenkt, dass gerade nicht wenige Homosexuelle gerne Kleidung des Hauses kaufen. Die beiden Beispiele wurden für viele Unternehmen weltweit zu einem Warnsignal – von der schwul-lesbischen Minderheit geht eine ungeheure ökonomische und soziale Dynamik aus. Wer sie unterschätzt, droht Gefahr, massiv an Wert zu verlieren.

Der Kernaspekt ist dabei die Glaubwürdigkeit. Firmen, die sich nur einmal zur jährlichen CSD-Saison engagieren, werden schnell dem Vorwurf des Pinkwashings ausgesetzt. So erging es zum Beispiel dem Süßwarenhersteller Katjes. Nur wer dauerhaft und langfristig innerhalb und außerhalb des eigenen Unternehmens für gleiche Rechte, Chancen und ein positives Arbeitsklima sorgt, kann mit einem positiven Feedback von homosexuellen Menschen rechnen.

Geld? Nicht mehr so wichtig!

Viel wichtiger sind jungen Menschen Freude an der Arbeit und Menschlichkeit!

Wie sehr sich hier die Einstellung der Menschen zur Wirtschaftswelt in einem globalen Wandel befindet, zeigen Meta-Studien, die  seit der Finanzkrise vor gut zehn Jahren regelmäßig durchgeführt werden, deutlich auf. Für die Jüngeren, sogenannten Millennials, ist die Karriere nicht mehr das Wichtigste, viel mehr suchen sie nach Sinn und Bedeutung und schauen sehr genau darauf, wie sich hier Firmen positionieren.

Wie kann ein Unternehmen etwas Gutes für die Gesellschaft vollbringen? Fragen, über die man vor zwanzig Jahren wahrscheinlich noch gelacht hätte. Auch das Einkommen ist inzwischen nicht mehr unter den Top-3-Faktoren, warum sich junge Talente für oder gegen einen Job entscheiden. Spaß an der Arbeit und soziale Verantwortung sind die wichtigsten Aspekte.

Mittlerweile gibt es kaum ein börsennotiertes Unternehmen, das sich nicht zu seinen Aktivitäten für eine bessere Welt äußert – gerade auch für die Gay-Community, wie Schadendorf sehr anschaulich in seinem Buch belegt:

„Mitglieder der Community sind, wenn man ihnen gleiche Rechte und Chancen gewährt, unternehmerische Akteure von Kreativität und Veränderung. Sie werden gebraucht in modernen Gesellschaften. (…) Unternehmen, Regierungen und gesellschaftliche Gruppen, die das nicht verstehen oder akzeptieren wollen, berauben sich wertvoller Ressourcen- und Produktivitätspotenziale. Anzuerkennen und wertzuschätzen, dass Menschen vielfältig sind, ist nicht nur human und fair. Es ist auch ökonomisch vernünftig.“

Schluss mit dem Versteckspiel – entdecke dein wahres Potenzial!

Wer als schwuler Mann kein Versteckspiel vor dem Chef und den Kollegen zum Besten geben muss, entwickelt ein kreatives Potenzial, dass für jedes Unternehmen einen enormen Gewinn darstellt. Zudem stellt sich die Gefahr praktisch nicht, dass Mitarbeiter deswegen psychische Krankheiten entwickeln.

Während viele Länder diese Entwicklung bereits verstanden haben, hinkt Deutschland hier leider einmal mehr massiv hinterher. Das belegen Zahlen einer aktuellen Befragung von weltweit rund viertausend LGBTQ-Talente unter fünfunddreißig Jahren. International ist gerade einmal die Hälfte von ihnen am Arbeitsplatz geoutet. Am besten sieht die Lage in Großbritannien aus (dreiundsechzig Prozent sind out!), während Deutschland das Schlusslicht mit gerade einmal siebenunddreißig Prozent darstellt.

Natürlich gibt es gute Entwicklungen, wie zum Beispiel die größte europäische Jobmesse für LGBTQ-Personen namens Sticks & Stones. Das ist gut, aber in der Summe noch viel zu wenig Engagement für ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Deutsche Unternehmer sollten also schnellstens aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. Weitere Studien belegen zudem, dass sich auch die Einstellungen zu und der Umgang mit sexueller Orientierung innerhalb einer Generation zum Positiven verändert haben.

Das ist eine eindringliche Warnung an alle Firmen: Wer nicht versteht, von welch zentraler Bedeutung Akzeptanz für Homosexuelle ist, verliert die besten Talente einer Generation und wahrscheinlich aller Generationen danach. Jens Schadendorf bringt es auf den Punkt:

„LGBTQ-Rechte mögen zuallererst Menschenrechte sein. Aber sie sind es eben nicht nur. Gleiche Rechte sind immer zusammen zu denken mit gleichen Chancen.“

Das faktenorientierte und spannende Buch des Ökonoms sollte in keiner Chefetage fehlen, denn hier findet sich zum Beispiel auch ein großer Maßnahmenkatalog, wie man in seiner eigenen Firma ein LGBTQ-freundliches Umfeld schaffen kann. Die Zeiten, in denen wir eine stille Minderheit waren, sind definitiv vorbei.

Credit Bilder: Helixs Studios + Pixabay

Buch: Jens Schadendorf – GaYme Changer, redline-verlag.de

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