Die Jahrhundertseuche HIV bleibt ein aktuelles Thema und belastet nicht nur die hiesigen Krankenkassen. Was in Europa als therapier-, aber nicht heilbar gilt und gesellschaftsfähig geworden ist, verursacht in anderen Teilen der Welt nach wie vor schreckliches Leid und endlosen Kummer. Es ist schön, dass „Künstler gegen AIDS“ sind und wir sind dankbar für den Welt-AIDS-Tag: Uns bescheren solche Anlässe doch wundervolle Momentaufnahmen einer sich sorgenden Gesellschaft, die ein Bewusstsein erhalten will, welches zu versickern droht.

Aber Mutti hat sich auch immer gewünscht, dass man nicht nur am Muttertag lieb sein soll und somit widmen wir uns in dieser Ausgabe den Menschen, die das ganze Jahr über entweder ihre Freizeit opfern oder im Alltag mit HIV, AIDS und anderem schwulen Wahnsinn zu kämpfen haben. Nach drei sehr interessanten Gesprächen komme ich zu dem Schluss: Ja, HIV macht Angst und hat sowohl die schwule Szene geprägt als auch den homosexuellen Alltag verändert. Doch nicht ausschließlich zum Schlechteren.

Am Ostersamstag 1979 hatten vier Schwule aus San Francisco die Schnauze voll von einer damals sehr spießigen Community und dauernder gesellschaftlicher Ausgrenzung queerer Menschen – sie entwickelten die Idee der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz. Schwester Aura ist eine der in Berlin wirkenden Schwestern und berichtet uns über die Gründung am Karsamstag 1979 aus den Überlieferungen der Gründermütter sowie über die Arbeit der weltweit etwa 1.200 queeren Ordensleute:

Aus einer Bierlaune heraus entschieden sich seinerzeit vier Kerle dazu, sich als Nonnen zu verkleiden. Einer von ihnen hatte noch Kostüme aus einer zwar geplanten, aber nie erfolgten Aufführung von „The Sound of Music“ im Schrank. Sie warfen sich in die Habite und schnappten sich ein ungeladenes Gewehr, dann zogen sie durch das Castro-Viertel und auch an den FKK-Strand, wo sie sich unter die schwulen Männer mischten und jede Menge Freude verbreiteten. Diese Aktion zeigte Wirkung und die Begeisterung in der Community war groß. So organisierten sie sich schnell zu einem Verein, dessen Ziel es sein sollte, Gutes zu tun und schwächere Mitglieder der Gemeinde zu unterstützen sowie politische Statements zu setzen, beispielsweise zur Rechtegleichstellung von LSBTIQ Menschen.

Drei Jahre später, mit dem Auftauchen von AIDS, verteilten die Schwestern die weltweit erste Broschüre zum Thema Safer Sex unter dem Titel „Play Fair“, wobei nie ein moralischer Zeigefinger gehoben wurde. Ihre Arbeit fand in so großem Maße Anklang, dass sogar unter der Schirmherrschaft von Schauspielerin Shirley McLaine das erste Benefiz zugunsten HIV-infizierter Männer stattfand.

Die Kraft, die die Schwestern der damals verängstigten schwulen Gemeinde gab, wirkt noch bis heute nach. Der Orden hat sich auf der gesamten Welt ausgebreitet. Selbst in Uruguay gibt es mittlerweile die glamourösen Nonnen und sie sorgen dort für Aufsehen und Akzeptanz. Seit jeher konzentriert sich die Arbeit der Schwestern nicht ausschließlich auf das Sammeln von Geldern zu Gunsten Kranker oder Bedürftiger, sondern sind auch politisch und emanzipatorisch tätig. Aura beschreibt weiter, wie sich die Ziele mit den Zeiten weiterentwickelt haben.

Unsere Kernkompetenz ist das Verbreiten von Freude und das Auflösen verinnerlichter Schuldgefühle. Oft wollen Leute einem einreden, man sei nicht gut genug und müsse sich ändern, um geliebt zu werden. Dieser Mechanismus kann fatale Folgen haben. Ein schlechtes Selbstwertgefühl ist der Anfang vieler psychischer Leiden, denen wir Schwestern unsere Arbeit und Kraft entgegen setzen wollen. HIV ist nicht das Hauptthema für uns, aber es muss einmal gesagt werden: Viele Neuansteckungen mit übertragbaren Krankheiten resultieren daraus, dass Menschen die Kontrolle über Teilaspekte ihres Lebens verlieren, oft in Verbindung mit seelischen Krisen und Problemen, mitunter auch im Zusammenhang mit Drogen.

„Die Kraft, die die Schwestern der damals verängstigten schwulen Gemeinde gaben, wirkt noch bis heute nach.“

Wenn man den Halt verliert – vielleicht auch nicht mehr genau weiß, wo man steht – dann passiert es oft, dass man Konzepte wie Aufmerksamkeit-bekommen und Geliebt-werden nicht mehr richtig einschätzen und missverstehen kann. Hier helfe ich.

Die Schwulenberatung Berlin wurde 1981 als „Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer“ gegründet wurde und hat sich zu einem Fels in der Berliner Brandung gemausert. Trotz vieler finanzieller Herausforderungen gelang es der Einrichtung, zu dem auch der „Lebensort Vielfalt“, das Cafe „Wilde Oscar“, sowie „Mancheck“ und „Pluspunkt“ gehören, ihre Ziele durchzusetzen und das Angebot für Schwule und Lesben über die Jahrzehnte zu erweitern. Arnd Bächler ist als Psychologe einer der vielen Ansprechpartner bei der Schwulenberatung und begleitet schwule Männer seit 1993 durch verschiedenste Lebenskrisen. Uns schildert er die Probleme von damals und heute und hat einige gute Ratschläge gerade für die jüngere Generation.

HIV heute … was sind die Probleme?

Männer kommen zu uns mit allen möglichen Problemen. Aber Suchtprobleme, Depressionen oder Hepatitis-C-Infektionen gehören zu den häufigsten Auslösern, warum HIV-Positive unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Die reine Tatsache, dass jemand HIV positiv ist, stellt zum Glück nicht mehr das zentrale Problem dar. Anders als noch in den 90ern können Menschen mit HIV ein relativ normales Leben führen, wenn sie auf ihre Gesundheit achten.

Also Themen wie die Angst vor dem Sterben, Coming-Out als Positiver oder Ablehnung und Ausgrenzung sind nicht mehr aktuell?

Nicht mehr so wie früher. Zwar begegne ich diesen Problemen nach wie vor, sehe aber, dass diese leichter zu diskutieren sind und somit besser verarbeitet werden können. Durch einen großen medizinischen Fortschritt in den letzten beiden Jahrzehnten haben Betroffene von heute einen enormen psychologischen Vorteil, wenn man so will.

Was sind aktuelle Themen in Bezug auf HIV?

Ganz vorne an sind es leider Drogen und Hepatitis C. Hepatitis C ist heutzutage eine fast größere Bedrohung für schwule Männer als HIV, weil sie noch nicht so gut zu behandeln ist wie HIV und bei vielen Menschen chronisch wird. Dies in Kombination mit einer HIV-typischen Immunschwäche kann tödlich verlaufen. Kürzlich erst musste ich erleben, wie jemand aufgrund einer Infektion mit Hepatitis C an einer Leberzirrhose verstarb.

„Dank des großen medizinischen Fortschritt in den letzten beiden Jahrzehnten, haben Betroffene von heute einen enormen psychologischen Vorteil.“

Und Drogen?

Ja, das andere schwerwiegende Problem ist Crystal Meth. Es ist erschreckend, wie schnell diese Droge in die Abhängigkeit führt. Langzeitkonsumenten infizieren sich sehr oft irgendwann mit HIV und Hepatitis C. Die Hemmungen fallen stark, ein Verantwortungsgefühl sich selbst gegenüber verschwindet komplett – die Spirale aus Konsum und Isolation dreht sich immer weiter und bevor die Leute es merken, sind sie Meth-abhängig und positiv. Und Crystal hat ein Suchtpotenzial wie sonst nur Heroin. Es ruiniert den Körper und den Geist in kurzer Zeit.

Was würdest du den Berlinern gerne sagen?

Man kann alles machen, solange man dabei bewusst bleibt und sich immer wieder mal fragt: Kann ich auch ohne Drogen oder Alkohol feiern und ficken? Neu-Berlinern gebe ich mit auf den Weg: Es ist eine harte Stadt und wenn man nicht sofort einen super Job oder viele Freunde hat, kann Berlin schnell einschüchtern. Da scheinen Drogen und Alkohol natürlich eine gute Lösung zu sein, um weniger schüchtern zu sein und um sich besser zu integrieren und Anschluss zu finden. Lasst es bloß nicht zur Gewohnheit werden.

Seit Ende der 80er-Jahre arbeitet Klaus Huser als Pfleger im HIV- und AIDS-Bereich und seit nunmehr zwölf Jahren in der immunologischen Tagesklinik am Auguste-Viktoria-Klinikum auf der Rubensstraße. Die Station im Erdgeschoß des großen Krankenhauses ist übersichtlich, die Atmosphäre freundlich. Ärzte und Pflegepersonal duzen sich – flache Hierarchien. Eine Schwester, die ich darauf anspreche, verkündet stolz, dass ein solches Arbeitsklima auch viele Fehler im Arbeitsalltag vermeide, da die Hemmschwelle, den Vorgesetzten Probleme und Vorfälle nah zu bringen, gesenkt werde.

Klaus geleitet mich ins Besprechungszimmer und erzählt bei einem stillen Mineralwasser von seinem persönlichen Welt-AIDS-Alltag.

Was macht Ihr hier genau?

In der Tagesklinik werden Patienten in verschiedenen Stadien der Erkrankung behandelt – von der HIV-Erstdiagnose bis hin zu opportunistischen oder onkologischen Zusatzerkrankungen, sprich Hepatitis oder Lungenentzündungen und Krebs im Rahmen einer HIV-Infektion. Betroffene werden hier gezielt behandelt, zumal wir speziell darauf achten, dass sich die verschiedenen Medikamente vertragen und Patienten somit schneller und sicherer genesen können.

„Das Konzept der integrierten Versorgung verdanken wir hauptsächlich HIV.“

Was sind die häufigsten Probleme?

Es gibt so viele Probleme. Langzeit-Infizierte, die noch die alten Medikamente genommen haben, kämpfen anders mit den Nebenwirkungen und sind über die Jahre oft geschwächt. Das Krebsrisiko ist bei einer HIV-Infektion höher als das bei Nicht-Infizierten. Viele kommen hierher, um eine ambulante Chemotherapie zu machen. Mich persönlich erschreckt immer wieder, wenn Menschen hier landen, die so lange schon unbehandelt positiv sind, dass deren Immunsystem beinahe nicht mehr aufzupäppeln ist. Viele wissen nichts von ihrer Infektion, haben sich nie testen lassen und dann kann die Erkrankung noch immer tödlich oder mit bleibenden Schäden wie etwa Körperlähmungen enden. Es sind zwar vielmals Heterosexuelle, weil das Testverhalten da noch mehr tabu ist als bei Schwulen, aber es gibt auch genügend Homosexuelle, die sich nicht testen lassen.

Und andere Themen? Worüber klagen Patienten?

Es gibt immer noch viele Unsicherheiten bei Betroffenen. Soll ich mich am Arbeitsplatz outen? Soll ich so tun, als hätte ich eine andere Krankheit? Wenn ich einen Schwerbehinderten-Ausweis beantrage, soll ich das meinem Arbeitgeber mitteilen? Oft höre ich, dass HIV-Positive auch bei normalen Arztbesuchen auf Widerstand stoßen. Sie bekommen entweder gar keinen Termin bei einem Zahnarzt oder werden ganz ans Ende des Tages gelegt. Teilweise lehnen Ärzte HIV-Patienten komplett ab. Auch in Reha-Einrichtungen passiert es, dass sie nicht ins Schwimmbad gelassen werden, oder nur zuletzt, wenn alle anderen Besucher schon aus dem Becken gestiegen sind. Diese Form von Ausgrenzung geschieht auch heute noch.

Ablehnung von Ärzten? Auf Kur ausgegrenzt?

Wir hören das leider immer wieder. Es ist schockierend.

Mangelnde Aufklärung?

Ganz klar. Es wird ja was getan und wie du schon sagtest: Es ist schön, dass es einen Welt-AIDS-Tag gibt, aber ich bin teilweise von den Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung enttäuscht. Ein paar Poster reichen nicht wirklich aus.
Es sollte immer noch mehr in Punkto Aufklärung und Toleranz geschehen – an Schulen, in Behörden und auch im Gesundheitswesen selbst. Aber auch in der Community findet noch viel Ausgrenzung statt. Oft berichten Patienten von Ablehnung, etwa wenn sie sich einem romantischen Partner offenbaren. Das ist sehr traurig.

Gab es denn auch positive Entwicklungen im Gesundheitswesen, die durch HIV und AIDS entstanden sind?

Hmm … ja schon. Das Netzwerk für HIV und AIDS in Berlin ist vorbildlich. Ich weiß nicht, wie sehr du dich da auskennst, aber man redet häufig von der integrierten Versorgung…

Sagt mir leider nichts. Was ist das genau?

Die integrierte Versorgung bedeutet, dass Patienten gezielt auf ihr Krankheitsbild behandelt werden. Sei es Rheuma, MS oder eben HIV. Es haben sich über die Jahre Netzwerke von Fachärzten, Gesundheitszentren, sozialen Betreuungsdiensten, Selbsthilfegruppen oder Reha-Einrichtungen für die verschiedenen Patientenbedürfnisse gebildet. Das ist sehr viel effizienter, als wenn Patienten immer wieder zu verschiedenen Ärzten rennen, doppelt diagnostiziert werden oder einfach den falschen psychologischen Beistand erhalten. Das Konzept der integrierten Versorgung verdanken wir hauptsächlich HIV. Diese erste Welle der Angst und des Unwissens gegenüber der neuen „Seuche“ brachte so viel Ausgrenzung mit sich, dass diese Netzwerke entstehen mussten, um die Menschen adäquat behandeln zu können. Inzwischen soll diese vorbildliche Versorgung auch auf andere Erkrankungen angewendet werden. Für Patienten, Ärzte sowie Pflegepersonal ist das ein enormer Vorteil.

Torsten Schwick für Boner Magazine

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