Richtig gelesen, wir machen heute einmal Schluss mit der Suche nach Mr. Right! Schluss mit dem Mythos vom perfekten Traumkerl, der gleichzeitig eine Sexsau, ein romantischer Lover im Kerzenlicht, ein empathischer Altersloser, ein bester Kumpel mit dem perfekten Body, ein stets geiler Kerl mit dauerhartem XXL-Prügel und natürlich ein liebevoll alberner Kuscheltiger ist. Und immer verständlich. Und immer ehrlich. Und der nur und immer nur Augen für dich hat. Jungs, Männer, ihr müsst jetzt sehr stark sein für diese Wahrheit: Es gibt ihn nicht!

Bist du gerade in einer Beziehung? In der einzig wahren und besten aller Verbindungen ever? Und würdest mir sofort widersprechen? Okay, dann warte doch einfach mal noch ein Jahr ab. Oder zwei. Passt es dann immer noch? Super! Dann hast du den mythischen Mr. Right gefunden – doch wenn du ganz ehrlich bist, musst du selbst zugeben, dass auch er nicht perfekt ist. Auch er hat Macken, Fehler, Ecken und Kanten. Und weißt du was? Das ist auch verdammt gut so.

Gier nach Perfektion

Je nach aktueller Umfrage sucht im Schnitt jeder fünfte Mann in Punkto Liebe nach dem Perfekten, dem Ideal. Und anscheinend macht das Alter die Kerle nicht unbedingt reifer, denn mit steigenden Jahreszahlen erhöht sich der Wunsch nach Mr. Right auch noch. Klar ist, wir lernen im Laufe unseres Lebens durch frühere Bekanntschaften, Beziehungen und Sexdates, was wir wollen und brauchen – und worauf wir besser verzichten können. Das ist auch gut so. Gefährlich wird es erst, wenn daraus eine Sucht nach dem makellosen Traummann wird. Denn in diesem Fall ist jede Zweisamkeit schon vorab zum Scheitern verurteilt. Zudem ist es nicht gerade sexy, wenn dein Partner stets nur Fehler und Probleme sieht, anstatt sich einfach auf eine geile Zeit einzulassen. Aber woher kommt dieser Drang nach dem Unerreichbaren?

Realität vs. Erwartungen

Ausgangspunkt all unserer Erwartungen ist meist unsere Kindheit. Wir lernen von Eltern oder engen Verwandten, wie eine Beziehung funktioniert – oder eben auch nicht. So kann diese frühkindliche Erfahrung entweder Vorbild sein oder Abschreckung, es genau anders zu tun. Zudem erfahren wir als Kinder im Normalfall, dass wir Liebe und Zuneigung ohne Bedingungen bekommen. Wir dürfen so sein, wie wir sind – unsere Eltern lieben uns trotzdem. Im Leben eines Erwachsenen dagegen müssen wir uns die Zuneigung anderer Menschen erarbeiten, sie ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Ein weiterer, prägender Punkt ist die Erwartungshaltung. Einerseits jene, die uns von den Eltern eingegeben worden ist, andererseits aber gerade bei schwulen Kerlen auch jene, die uns gerne mal stark überhöht aus der Szene entgegenschlägt. Der perfekte Traumkerl ist dank schwulen Apps scheinbar stets  nur ein paar Meter entfernt. Der nächste perfekte Superschwanz wartet schon steif vor Erregung hinter der nächsten Häuserecke. Und manchmal sehr brutal lernen wir online, wie schnell man aussortiert wird, wenn man nicht dem Ideal entspricht. Nicht gerade eine Minderheit der schwulen Männer ist diesem System nicht nur ausgeliefert, sondern spielt und befeuert es auch noch eifrig mit, in dem sie ihrerseits die Erwartungshaltungen immer weiter nach oben schrauben und vielleicht interessante Kerle schon aufgrund einiger Banalitäten vorschnell aussortieren.

„Nicht gerade eine Minderheit der schwulen Männer ist diesem System nicht nur ausgeliefert, sondern spielt und befeuert es auch noch eifrig mit.“

Zur Klarstellung: Keiner kann komplett über seinen Schatten springen und wenn jemand zum Beispiel Männer mit Glatzen absolut unerotisch findet, ist das sein gutes Recht. Und ebenso in Ordnung ist es, das auch mit einer Grundform von Respekt zu kommunizieren.

Geschmäcker sind eben verschieden. Wenn sich aber die Auswahlkriterien immer weiter spezifizieren und es dabei zudem immer mehr werden, wäre es vielleicht ratsam, mal in einer stillen Minute in sich zu gehen und zu hinterfragen, ob das wirklich sinnvoll ist und woher all diese Begierden nach Perfektion kommen.

Frust durch Perfektion

Eines muss klar sein: Liebhaber von Perfektion sind nicht selten unzufrieden und laufen schlecht gelaunt durch ihr Leben. Sie scheitern oftmals an den eigenen Vorstellungen von ihrer Person – eine Tatsache, die sich dann meistens im Alter noch steigert, wenn die Haut erschlafft und die Haare grau werden oder gar ausfallen. Zusätzlich drückt auf die Laune, dass scheinbar alle Kerle um sie herum nicht dem gewünschten Ideal entsprechen – das schafft Frust. Dieses Verhalten ist stark gesundheitsgefährdend, beginnend bei Schlaf- und Essstörungen bis hin zu massiven Krankheitsbildern und Depressionen. In Australien wird derzeit darüber geforscht, wie gefährlich diese „Alles-oder-nichts“-Denkweise ist und legt nahe, dass solche Menschen dringend einer psychologischen Beratung bedürfen. Der Wunsch nach der Perfektion nährt sich dabei immer mehr aus der Angst vor dem eigenen Scheitern und vor den Unwägbarkeiten des Lebens. Und wer sich selbst stets als „nicht perfekt“ empfindet, stärkt damit nur seinen eigenen Minderwertigkeitskomplex – und es gibt kaum etwas, das weniger sexy ist als dieser.

„In Australien wird derzeit darüber geforscht, wie gefährlich diese ‚Alles-oder-nichts‘-Denkweise ist und legt nahe, dass solche Menschen dringend einer psychologischen Beratung bedürfen.“

Eine Studie der Deutschen Aidshilfe belegt zudem, dass rund vierzig Prozent der schwulen Männer unzufrieden mit ihrem Sexleben sind. Über die Hälfte der schwulen Beziehungen überlebt die ersten vier Jahre nicht, ein Drittel davon nicht einmal das erste Jahr. Natürlich ist nicht allein der Perfektionismus schuld daran, er trägt aber wohl nicht gerade unwesentlich dazu bei.     

Frei machen und leben

Also macht Schluss mit dieser Selbstverleugnung – es gibt kein perfektes Leben und keinen perfekten Kerl. Eine Verbindung zu einem anderen Menschen – egal ob Freundschaft oder Beziehung – lebt immer auch davon, Fehler zuzulassen. Sie im besten Fall mit viel Humor anzunehmen, bei sich wie bei anderen. So kann man auch gemeinsam über die ersten grauen Haare lachen. Manch einer mag es nicht glauben, aber auch wir schwulen Jungs sind nur Menschen und Menschen haben Macken und Fehler – immer und überall. Und was die perfekten Männer betrifft, lernt man meistens irgendwann, dass auch der Sex mit den durchtrainierten Traumkerlen meistens schnell langweilig wird, weil viele davon anscheinend der Meinung sind, ihr Körper allein reicht aus. Also, lieber den Kerl mit den Ecken und Kanten nehmen, der was zu sagen hat und bei dem Sex nicht auf seine perfekt trainierten Bauchmuskeln reduziert ist. Los jetzt, macht euch auf die Suche nach Mr. Wrong. (ms) 

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