Es lebe die Moral!

Und der Porno? Generell Sex? Oder gar Nacktheit? Nein, das geht ja alles gar nicht mehr – Sex ist schmutzig.

Und Männer, die gerne Sex haben – im schlimmsten Fall auch noch mit ihresgleichen – sind Menschen zweiter Klasse, ungebildet, primitiv, einfältig. Opfer ihrer niederen Lüste und Zwänge.

Es mag vielleicht ein wenig überspitzt auf den Punkt gebracht sein, doch so oder so ähnlich hört es sich immer öfter an, wenn die scheinbar stets lauter werdenden Stimmen von jenen Homosexuellen ertönen, die sich mit einem Naserümpfen von den sexfreudigen schwulen Jungs abwenden.

Kein Mensch gleicht wirklich dem anderen und so sollte eigentlich selbstverständlich auch jeder nach seiner Façon selig werden dürfen. Was für ein Menschenbild entsteht, wenn wir unser Gegenüber degradieren, nur weil er sexuell sehr aktiv ist?

Soll man daraus schlussfolgern, wer mit mehr als fünf Kerlen im Jahr Sex hat, ist per se ein einfältiger Trottel? Das würde dann bedeuten, dass über dreißig Prozent aller Homosexuellen nicht sonderlich viel im Kopf haben.

Die größte Form von Intellekt zeigt sich nicht anhand von Noten, Abschlüssen oder selbst an der Mannigfaltigkeit des eigenen Wissens, sondern daran, wie wir unseren Mitmenschen begegnen und wie wir sie behandeln. Darin liegt die wahre Größe.

Im Gegenzug tun wir uns allen auch keinen Gefallen damit, wenn wir enthaltsamen Herren mit einem leichtfertigen Atemzug simplen Neid unterstellen. Neid auf einen jugendlichen Körper, eine stärkere Libido, Neid auf mehr Sexpartner oder größere Schwänze.

© Men.com

Vielleicht mag das tatsächlich vereinzelt die Form von Überheblichkeit innerhalb der Community befeuern, aber es bleibt so oder so nur eines von vielen Aspekten, die es zu beachten gilt. Und im Grunde bleibt es unwichtig, denn der Grundsatz sollte unabhängig von den persönlichen Gründen Geltung haben: Wir behandeln jeden Menschen so, wie wir gerne selbst behandelt wollen würden.

Was bei masochistischen Jungs bitte nicht bedeutet, dass sie ihrem Gegenüber mit der Faust ins Gesicht schlagen – nur mal so nebenbei erwähnt. Doch ein anderer Aspekt wirft viel größere Schatten:

Wenn wir uns selbst bereits innerhalb der Community klein machen, befeuern wir all die Moralapostel in dieser Welt, die seit einiger Zeit immer mehr Hochwasser bekommen.

Wie die meisten solcher Entwicklungen verläuft auch eine solche schleichend, scheinbar belanglos. Wir haben hingenommen, dass männliche Nacktheit plötzlich immer wieder und immer mehr zu etwas Verruchtem wurde, in Filmen genauso wie im alltäglichen Leben oder gerade in der Kunst. Diverse Künstler können davon berichten, wie zum Beispiel der Amerikaner Saul Lyons:

„Nackte Kerle werden als Bedrohung wahrgenommen. Es ist doch verrückt, dass ein nackter Körper in den allermeisten Momenten des täglichen Lebens als unpassend empfunden wird. Ich glaube, da ist einiges schief gelaufen im Laufe der Zeit, immerhin war Nacktheit für unsere Vorfahren wohl kein Problem.

Ich bin in den achtziger Jahren aufgewachsen und hatte immer das Gefühl, dass die Welt mit jedem Jahr besser und freier, intelligenter und offener wird. Ich war wohl zu idealistisch. Heute mache ich mir wirklich Sorgen, dass wir bald eine Zeit erleben werden, in der Diktatoren schwule Männer als Sündenböcke benutzen, um das Land immer mehr zu spalten.“

© Saul Lyons

Der Schritt hin zu dem Punkt, an dem schwule Männer wieder als Sündenböcke herhalten müssen, scheint fern – doch wir haben gerade erst in der Corona-Krise erlebt, wie schnell und einfach Denunziantentum prächtig gedeiht. Ein wenig Angst genügt und ein paar Stimmen, die in die falsche Richtung schreien, und plötzlich können auch Homosexuelle wieder massiv am Pranger stehen.

Aus dem Irak und der Ukraine ertönten bereits die Stimmen gläubiger Politiker, die medienwirksam erklärten, die gleichgeschlechtliche Ehe sei der Grund für die Verbreitung des Covid-19-Virus. Wir schmunzeln ob solcher Meldungen – noch.

Doch die Prüderie hält weiter Hof, auch ganz aktuell in unserem Alltag. Auf den beiden mächtigsten Sozialportalen Facebook und Instagram wird fleißig gesperrt und zensiert, sobald auch nur der Hauch von männlicher Nacktheit oder gar Sexualität angedeutet wird.

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Teilweise nimmt dieser moralische Wahn absurde Formen an, wenn zum Beispiel selbst Tiervideos gesperrt werden, weil man die Geschlechtsteile eines Löwen sehen könnte. Doch so witzig es klingt, dahinter verbirgt sich eine Weltsicht, in der Homosexuelle zu Feinden werden können. Das erlebt auch der niederländische Künstler Bastiaan Mol:

„Wir leben schon in einer sehr prüden Zeit. Das geht soweit, dass selbst Jungs in Sportclubs ihre Unterhosen anbehalten, um nicht nackt duschen zu müssen. Genauso verrückt verhält es sich online, wo jede Form von Nacktheit verboten wird, selbst die Kunst. Es ist für mich wirklich schwer, damit klarzukommen, denn ich habe das so noch nie zuvor erlebt.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Menschen immer freizügiger wurden, wenn es um Sex oder Nacktheit ging. Wir machen gerade einen großen Schritt zurück in die Vergangenheit und das ist nicht gut. Den Menschen wird beigebracht, sich für ihren Körper zu schämen und eingetrichtert, Sex und Nacktheit seien etwas Dreckiges. Und natürlich spielen die verschiedenen Religionen eine große Rolle dabei.

Du darfst einfach anderen Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Du beraubst die Menschen damit ihrer Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen! Wir brauchen ein neues Jahrhundert der Gedankenfreiheit, in dem uns niemand vorschreibt, was wir betrachten dürfen und was nicht. Das ist wichtig, nicht nur für die schwule Gemeinschaft, sondern für uns alle!“

© Bastiaan Mol

Die Frage bleibt unbeantwortet im Raum, warum wir in Europa so leichtfertig akzeptieren, wie die Prüderie aus Amerika oder dem arabischen Raum bei uns an Macht gewinnt. Marlene Dietrich sagte einmal:

„In den USA ist Sex eine Obsession, im Rest der Welt ist es einfach ein Faktum!“

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Es ist an der Zeit, dass wir die Freiheit unserer Sexualität wieder für uns entdecken. Dass wir uns nicht lautlos in eine Ecke stellen lassen, die uns als pervers oder anderweitig minderwertig definiert – und zwar weder von dem Heer der Moralisten noch von anderen Homosexuellen innerhalb unserer Community.

Wir dürfen unsere Sexualität frei und leidenschaftlich ausleben und jeder darf eigenständig entscheiden, wie intensiv, mit wie vielen Männern und wie oft das geschieht. Es wäre dringend notwendig, dass wir als ersten Schritt damit beginnen, das innerhalb unserer Community zu verbreiten und zu akzeptieren – denn nur dann können wir auch außerhalb davon geschlossen für ein selbstbestimmtes Leben eintreten.

Künstler in diesem Beitrag:

SAUL LYONS

BASTIAAN MOL

Mehr schwule Kunst gegen die Prüderie? Wie wäre es hiermit?:

Ein schwuler Türke mit viel Mut!

 

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