Von Blowjobs auf der Bühne, Skinhead-Schwänzen in Underground-Filmen, von einem schwulen Wolfsrudel und von einer Bewegung, die wahrlich Leben rettete, erzählt der neue Dokumentationsfilm Queercore.

Regisseur Yony Leyser führte über fünfzig Interviews, sammelte mehr als hundert Stunden Material und schloss sich danach mit seinem Cutter für einige Wochen in ein kleines Studio in Berlin ein. Herausgekommen ist dieser sehenswerte Streifen, der in teils grobkörnigen Bildern, wilden Animationen und skurrilen Momentaufnahmen vom Beginn der schwulen Punk-Bewegung erzählt. In den achtziger Jahren entdeckten immer mehr Schwule und Lesben, dass sie mit den gängigen Klischees des homosexuellen Lebens nichts anfangen konnten. Sie wollten laut, rockig, unangepasst sein. Es ging ihnen um grundsätzliche Menschenrechte, darum, so sein zu dürfen, wie sie es wollten. Und so bedienten sie sich des Begriffes Punk, dessen Ursprung auf Prostituierte zurückgeht. Später nannte man die Jungs im Knast so, die in den Arsch gefickt wurden, erinnert sich Filmemacher Bruce LaBruce. Zusammen mit zwei Freundinnen erfand er in Toronto seine eigene queere Punkbewegung und schaffte es, dass aus seiner Phantasiewelt Wirklichkeit wurde. Die Stadt war das Epizentrum der Szene, es entstanden unangepasste, experimentelle Filme, Kultmagazine, Bands und ganze Tourneen. Hier wurde gerockt, geschlagen, gefickt, es war ein Meer aus schwitzenden Ärschen und zuckenden, nackten Körpern im Rausch von selbstgemachter Musik.

Wie ein Zirkus voller Raubtiere streiften sie durch die Lande und verbreiteten die Kunde von der Möglichkeit, abseits fester Normen und Rollenbildern stolz auf sein Anderssein sein zu können – und retteten dadurch lange vor dem Internetzeitalter tatsächlich das Leben vieler einsamer, queerer Kids. Aus einem Wortspiel von Hardcore und Homosexuell/Queer entstand so auch der Begriff Queercore. Sie kämpften für die sexuelle Revolution und waren sich sicher, dass Sex selbst eine Energie ist, die Regierungen kontrollieren und entmachten wollen. Dagegen tanzten sie an,  mit Stöckelschuhen auf Polizeiautos, sangen lauthals davon, den Weltschmerz einfach wegzuficken, kämpften für Sichtbarkeit und wurden zu den Wegbereitern für Frauen wie Beth Ditto oder den Peaches. Diese Freaks begannen einst die schwul-lesbische Bewegung und manch einer von ihnen sieht inzwischen mit Erschrecken, wie angepasste Homosexuelle heutzutage oft konservativer und ausgrenzender agieren als die eigenen Eltern. Dabei sei es doch noch heute die Pflicht der Außenseiter, mit Kreativität festgefahrene Weltbilder zu hinterfragen. Für wahr, etwas mehr Punk und weniger Konformismus täte der queeren Szene wahrlich gut.

Queercore: How to Punk a Revolution | Dokumentation (UK) | 83 Minuten

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