Saul Lyons. Dir sagt der Name nichts? Bis jetzt! Denn diesen neunundvierzig Jahre alten, schwulen Mann sollte man sich dringend merken. Erst mit Mitte vierzig fing der Amerikaner an, zu Stift und Papier zu greifen – vier Jahre später hatte er bereits seine eigene Galerie und stellte in New York und London aus.

Das Leben des sympathischen Bären mit Vollbart und das seines Ehemanns Keith hat sich in dieser kurzen Zeit komplett verändert. Trotzdem scheint ihm der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen zu sein; er lebt nach wie vor ganz bescheiden mit einem Hund und zwei Katzen in einer kleinen Stadt in New Jersey. Jeden Morgen spaziert er gemütlich über die Delaware Brücke zu seiner Galerie und so entsteht der Eindruck, dass hier ein Mann wirklich sein großes Glück gefunden hat.

Saul, du hast erst sehr spät mit dem Malen angefangen, was war deine Initialzündung dafür?

Ich war wegen einer Angststörung bei einem Therapeuten und der schlug mir vor, etwas Kreatives zu tun. Zuerst dachte ich daran, zu schreiben, aber er meinte, malen wäre besser, auch wenn ich das noch nie zuvor gemacht habe. Mein Mann Keith kaufte mir so ein Malen-nach-Zahlen-Set und so saßen wir dann viele Nächte lang in unserer Küche, malten und hörten Podcasts dazu. So fing alles an.

Dein Erfolg kam beinahe über Nacht. Wenn das so weitergeht, wie lang dauert es dann noch, bis wir deine Werke im Pariser Louvre oder im MOMA sehen?

Wow! Erst einmal Danke für das unglaubliche Kompliment! Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was in Zukunft passieren wird. Ich arbeite einfach weiter an dem, was mich mit Leidenschaft erfüllt. Ich möchte zudem meine Fähigkeiten als Ölmaler weiterentwickeln. Ich würde auch gerne von anderen schwulen Künstlern lernen, denn es gibt so viele talentierte Leute da draußen, die viel zu wenig Beachtung bekommen. Ich habe auch deswegen aus meinem Atelier eine Galerie gemacht, weil ich bemerkte, dass es in den meisten Museen kaum Darstellungen von schwulen, nackten Männern gab.

Du hast als absoluter Neuling angefangen zu malen – wie schafft man es, so schnell solch professionelle Kunstwerke zu entwickeln?

Ich glaube das liegt an meinem Trotz. Ich malte zuerst nur bunte Blumen. Ich zeigte sie meinem sehr kritischen Vater, der nur meinte, es sei schade, dass ich keine Gesichter malen könne. Also setzte ich mich hin und malte fortan jeden Tag aufs neue Gesichter, bis ich etwas hinbekam, das anständig aussah.

Arbeitest du mit echten Models oder entstammen die Männer deiner Phantasie?

Die meiste Zeit sind es echte Männer. Das sind entweder Freunde von mir oder ich entdecke sie online. Immer öfter schicken mir inzwischen auch Kerle Aktphotos als Vorlage von sich. Ich spüre dann einfach den Drang in mir, zu malen und kann erst aufhören, wenn die Zeichnung mit dem übereinstimmt, was ich in mir fühle.

Ich ziehe es vor, schwule Männer zu zeichnen, die keine Angst haben, mit anderen nackten Kerlen Zärtlichkeiten auszutauschen. Mir ist die Authentizität wichtig, die ich in diesem Moment fühle.

Du bringst mit deinen Bildern viel Wärme in diese kalte Welt. Ist das ein bewusster Kontrapunkt, den du setzen willst?

Ja, absolut! Wenn ich wirklich ein Talent habe, dann möchte ich es dazu nutzen, um aufzuzeigen, wie wichtig Zuneigung, Wertschätzung und der Spaß am eigenen Körper sind. Ich zeichne nur das, was mich glücklich macht, selbst am Leben zu sein. Für mich sind das unglaublich schöne Männer und es fühlt sich sehr wahrhaftig an.

Ich habe angefangen, zu malen, um die Angst zu bekämpfen und jetzt bringe ich etwas Gutes in die Welt.

Nackte Männer zu zeichnen, ist immer noch auch ein politisches Statement und keine Selbstverständlichkeit. Warum ist das so?

Nackte Kerle werden wohl immer noch als Bedrohung wahrgenommen. Es ist schon verrückt, dass ein nackter Körper in den allermeisten Momenten des täglichen Lebens als unpassend empfunden wird. Ich glaube, da ist einiges schief gelaufen im Laufe der Zeit, immerhin war Nacktheit für unsere Vorfahren wohl kein Problem. Es waren wohl die Religion und diverse Regierungen, die in den letzten Jahrhunderten diese Denkweise verankert haben.

Wir erleben in Europa, aber auch in Amerika, gerade eine Art Rollback, wenn es um die Rechte von Homosexuellen geht. Beschäftigt dich das?

Ja! Ich bin in den achtziger Jahren aufgewachsen und hatte immer das Gefühl, dass die Welt mit jedem Jahr besser und freier, intelligenter und offener wird. Ich war wohl sehr idealistisch. In vielerlei Hinsicht geht es schwulen Männern heute ja auch besser, ich bin zum Beispiel legal mit meinem Mann verheiratet und kann ihn in unserer Stadt auch unbefangen in der Öffentlichkeit küssen. Aber ich lebe auch in einer sehr liberalen Kleinstadt. Anderenorts sieht es ganz anders aus.

Ich mache mir wirklich Sorgen, dass wir bald eine Zeit erleben werden, in der Diktatoren schwule Männer als Sündenböcke benutzen, um das Land immer mehr zu spalten.

Würdest du sagen, dass du noch heute von deinen Wurzeln beeinflusst wirst?

Ich glaube, meine Wurzeln liegen in einem klaren und ehrlichen Blick auf die Welt. Meine Eltern lehnten die althergebrachten starren Traditionen ab und ermutigten mich, selbst zu entscheiden, wie ich leben wollte. Uns wurde beigebracht, dass die einfachen Dinge die wirklich wichtigen sind – Umgangsformen, Ehrlichkeit, Anstand, Freundlichkeit und eine tiefe Wertschätzung für das Lesen zwischen den Zeilen. Wir durften und sollten alles in Frage stellen und uns unsere eigene Meinung bilden.

Fühlst du dich auch heute noch der Gay Community verbunden?

Ich bin definitiv Teil der schwulen Community und ich liebe sie. Ich kenne die besondere Sprache und die schwulen Rituale, und ich weiß, wie besonders das ist. Ich merke aber auch, dass viele Dinge anders sind als in meiner Jugend.

Ich musste noch rausgehen, flirten, Risiken eingehen und Abenteuer erleben. Inzwischen haben Apps die schwulen Viertel verdrängt.

Auf der anderen Seite haben aber auch Serien wie Modern Family die Gays mehr in die Mitte der Gesellschaft transportiert. Wir haben einiges Wichtiges verloren und anderes gewonnen und es fällt mir schwer zu beurteilen, was wirklich besser ist.

Es gibt diesen Ausspruch: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Was kann für dich ein Bild bestenfalls bewirken?

Ich muss dabei sofort an die Bilder denken, die mich bis heute bewegen. Andrew Wyeths Gemälde Christinas Welt oder Berninis Skulptur über den Raub der Persephone. Beide Werke erzeugen bei mir ein intensives Gefühl von Empathie. Ich denke, ob und welche Kunst einen berührt, hat viel damit zu tun, wo man selbst emotional gerade steht.

Saul, zum Abschluss: Du arbeitest tagtäglich an männlichen Akten. Verrate uns, was ist der erotischste Teil eines Mannes?

Ehrlich gesagt kommt es immer auf den Mann an. Es kann eine Spur von Haaren sein, die von seiner Brust bis zu seinen Leisten herunterläuft. Ein anderes Mal ist es diese besondere Rundung zwischen den Pobacken und seinen Beinen.

Meistens allerdings ist der erotischste Teil eines Mannes jedoch der Blick seiner Augen, wenn er dich wirklich ansieht.

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