Polymorphia geht so: Das Publikum wird im Anschluss an einen Gastrednerbeitrag mit einbezogen. Ausgerüstet mit Mikrophon und High Heels, geht Patsy danach herum und bietet jedem, der meint etwas zu sagen zu haben, die Möglichkeit sich zu äußern. Gastredner an diesem Abend: Frederik Schindler, Journalist aus Frankfurt. In diesem Januar lud Gastgeberin Patsy l’Amour laLove zur Debatte über das Thema Pinkwashing Israel ins Berliner SchwuZ ein. 

Bevor es jedoch losgeht, stellt Patsy die Frage an alle Besucher, ob jemand Freddys Vortrag für eine Gruppe englisch-sprechender Aktivisten von Berlin Against Pinkwashing Israel (BAPWI) live simultan übersetzen könne – in der ersten Reihe. Ich melde mich in der Annahme, Schindler würde, ähnlich wie in dem kurzen Interview mit Boner Magazine, auf die Problematik von Pink Washing am Beispiel Israels eingehen. Doch weit gefehlt.

„Es ist wahr, weil es auf Twitter stand.“

Bereits nach wenigen Minuten fühle ich mich nicht mehr in der Lage zu folgen, geschweige denn zu übersetzen. Ich hätte ahnen müssen, dass es nicht nur um Pinkwashing Israel, sondern auch um viele andere Themen gehen würde. Seine Anliegen übersteigen leider meinen anglo-linguistischen Horizont: Homo-Nationalismus, Imperialismus, Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus, Islamophobie und dazu viele Zitate verschiedener Insider. Völlig verloren informiere ich die mir Anvertrauten, Nicht-deutschsprachigen darüber, dass ich nicht weiter helfen kann und halte mich an meinem Bier fest. So kann ich wenigstens ungestört Freddy zuhören, der den Vorwurf, Israel hätte sich lediglich ein homofreundliches Image zugelegt, um von Menschenrechtsverletzungen abzulenken, gekonnt als antisemitisches Konstrukt demontiert. Die Unruhe in der Gruppe um BAPWI, noch während er spricht, scheint zunächst verständlich. Immerhin herrscht Krieg zwischen Israel und Palestina und das schon sehr lange. Länger auf jeden Fall, als es in Israel Homorechte gibt.

Performance-Künsterin Liad Hussein Kantorowicz

Kaum ist der Vortrag beendet, gibt es großes Geschrei. Mit am Lautesten: die Performance-Künsterin Liad Hussein Kantorowicz, deren Show Terrorist Superstars im Dezember in den Uferstudios in Berlin-Wedding Premiere feierte. Empört darüber, dass ein weißer, deutscher Mann über Themen referiert, die eher sie und ihre „Kameraden“ etwas angehen, verteidigt sie leidenschaftlich die Idee von Pink Washing Israel. Schnell werden Meinungen verkündet, die eine groteske Verschwörungstheorie untermalen sollen. Zwar bemüht sich Patsy gekonnt um die Wahrung einer gewissen Etikette, aber die Gemüter entladen sich in trumpesker Manier. Von der Betroffenheitsbekundung bis hin zur Sippenhaft für Andersdenkende treffen blitzartig alle gängigen Ansätze aufeinander, sich zu dem Thema zu äußern. Offensichtlich bin hier nicht bei Anne Will.

Kommt das dabei rum, wenn Performance-Kunst auf Uni-Referat mit schlechter Übersetzung trifft?

Ich frage mich, ob das jetzt meine Schuld ist. Ein guter Übersetzer hätte zu einem besseren Verständnis beitragen können. Aber um Verständnis geht es hier nicht. Es geht darum, Dampf abzulassen. Und das macht den Anwesenden Spaß. Zwischendurch wird auch gelacht, als eines der zahlreichen Argumente plötzlich mit „Es ist wahr, weil es auf Twitter stand“ begründet wird. Die Sache wird immer runder: lachen, schreien, fast-weinen und dann wieder von vorne. Ich überlege, ob das dabei rum kommt, wenn Performance-Kunst auf Uni-Referat mit schlechter Übersetzung trifft: Das Thema ist brisant und jeder darf mitreden. Doch was ist das Ziel?

Sercan Aydilek, Jusos Berlin

Auch andere Stimmen kommen zu Wort. Etwa die von Sercan Aydilek von den Berliner Jusos (Jugendorganisation der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands). Er will kritisieren, dass Schindler nicht genug auf die Situation von LGBTQI* in Israels Nachbarländern eingeht, doch was er versucht zu sagen geht völlig unter. „Es war nicht möglich, darüber zu reden, weil die von BAPWI ein ziemliches Theater gemacht haben“, berichtet er im Nachhinein. Aydilek wurde 2016 auf dem Berliner CSD ohne Angabe von Gründen verhaftet und etwa anderthalb Stunden zwecks Personenüberprüfung festgehalten. Er gehörte zu Denjenigen, die während der israelischen Botschaftsrede zu Homorechten in eine Mini-Ausschreitung zwischen Aktivisten von BAPWI und deren Gegnern geriet. Zwar gab es nur ein paar mit den Flaggenstangen auf den Kopf, im folgenden Gemenge jedoch bekam Sercan eine Kamera ins Gesicht. „Die Polizisten haben damals natürlich nur gesehen, dass ich in die eskalierende Gewalt verwickelt war. Aber ich bin zwei Wochen mit einer Beule am Kopf rumgelaufen.“

Frederik Schindler, Journalist

Ich versuche weiterhin Sinn aus der Debatte zu machen. Freddy sitzt immer noch alleine auf der Bühne und verteidigt sich gegen ein wütendes Publikum. Hier muckt nicht mehr bloß eine kleine Gruppe von Aktivisten auf. Der ganze Saal scheint frustriert ob der Hilflosigkeit gegenüber den Fakten. Am Ende scheint zwar niemand glücklicher oder zufrieden, aber ein Gefühl der Erleichterung macht sich breit, als ein Teammitglied des SchwuZ die Debatte mit den Worten abschließt: „Wer eine ähnliche Veranstaltung hier organisieren möchte, der kann sich gerne an uns wenden.“

Ich frage mich, warum ich mit dem Abend nicht zufrieden bin. Aus Talkshows kenne ich, dass man nicht einer Meinung sein muss, um dennoch einen Konsens zu erreichen. Der Krieg im nahen Osten, der immer näher rückt und mittlerweile nicht nur Flüchtlinge nach, sondern auch eine AfD in Deutschland hervor gebracht hat, kennt keinen Konsens. Das hat Krieg so an sich. Aber wenn sich Terrorist Superstars und Akademiker am Freitagabend bei Patsy unter dem Deckmantel von LGBTQI* nicht mehr einig werden, wo dann? Wir haben eine komplizierte Welt geerbt und stehen vor Problemen, die wir nicht selbst verursacht haben: Da kann man ruhig mal die Nerven verlieren. Und wenigstens hält mich in Berlin niemand davon ab, Vorwürfe zu machen und dazu Stellung zu beziehen. Danke, Patsy.

Patsy l’Amour laLove, Moderatorin, Veranstalterin, Autorin.

Wenn du eigene Ideen für eine Veranstaltung im SchwuZ hast, kannst du dich gerne an die künstlerische Leitung wenden: www.schwuz.de/kontakt

Torsten Schwick | Photographie www.markesper.com

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