In den Zyklen der Pornographie zeichnet sich tatsächlich ein neuer Trend ab: Romantische Pornos. Mit einer Rückkehr von Gefühl beim Sex, opulenten Soundtracks, attraktiven Interieurs, innovativer Kameraführung, brillantem Schnitt, der den Vergleich zu Kino und TV-Hits wie „True Blood“ aushält, und mit Männern, die sichtbar Spaß an dem haben, was sie tun. 

Hauptvertreter dieser neuesten Porno-Richtung ist das New Yorker Studio CockyBoys unter Leitung von CEO Jake Jaxson. In seinen zusammen mit Lebenspartnern RJ Sebastian und Benny Morecock gedrehten Filmen und Büchern entwirft er eine Alternative zur gängigen Amateur-Ästhetik: ein Bett/Sofa, ein Scheinwerfer, ein kahler Raum, Jungs, die ficken, wenn man ihnen genug Geld in die Hand drückt. Dieser Amateur-Look, ursprünglich von X-Tube populär gemacht, galt wegen seiner „Authentizität“ lange als besonders aufregend, weil anders als die steril gewordenen Plastikpornos der 90er Jahre; der Effekt nutze sich jedoch in der Endloswiederholungsschleife irgendwann ab. Besonders, weil Sex dort vielfach zu Leistungssport wurde: immer länger, härter, größer. Das gilt besonders für Szenen, die von professionellen Studios mit Amateur-Optik angeboten werden. Oft sieht man da überlebensgroße Superhengste, die wie surreale Fickmaschinen übereinander herfallen, aber keinerlei Vergnügen zu spüren scheinen bei dem, was sie machen.

Die Folge der Dauerberieselung mit derartigen (Vor)Bildern: viele schwule Männer glauben, dass sie solche Leistungen auch im eigenen Bett bringen müssten. Sie rennen ins Fitnessstudio, um sich aufzupumpen, erwarten das auch von ihren Partnern, und hoffen dann auf die perfekt durchchoreographierte Sex-Session, gefilmt im eigenen Heim. Was in vielen Fällen zu Frust führt und dem Griff zu Drogen, die die Leere mit chemischer Leidenschaft füllen.

Die neuen Romantikpornos entwerfen dazu eine Alternative, mit bewusst „normalen“ und unterschiedlichen Körpern, die an die natürlich-athletischen Männer aus den Vintage-Filmen der 70er Jahre erinnern. Schon damals sagten Großmeister wie Tom de Simone („Erotikus“), dass wirklich aufregender Sex sich nur vermittelt, wenn der Zuschauer sich für die Charaktere im Film emotional interessiert; sie brauchen also eine Geschichte. Von diesem Konzept hatte sich Online-Pornographie in den letzten 15 Jahren fast vollständig verabschiedet. Nun kommt die alte Erkenntnis wieder. Und mit den Geschichten – egal wie einfach sie sind – auch eine Rückbesinnung darauf, dass es bei Sex um mehr gehen kann als Reinraus.

Auf die emotionale Verbindung, die man bei den CockyBoys zu sehen glaubt, fahren interessanterweise besonders heterosexuelle Frauen ab, die sogenannten „Porno-Muttis“. Sie machen den Großteil der Abonnenten des Studios aus und stürmten kürzlich das Schwule Museum*, als Jaxson & Co. dort zu einer Diskussionsrunde über „Die neue Romantik der Pornographie“ auftauchten. Diese Fanfrauen reagieren heftig, wenn sie das Gefühl haben, die Models filmen nur aus Geldnot oder unter Druck. Sie gucken ganz genau in die Augen und wollen „echte“ Emotionen registrieren. Weswegen sie beispielsweise die Sexszenen von BelAmi links liegen lassen; die dort gezeigte „Romantik“ kommt ihnen falsch vor. Auch die Filme von Naked Sword, die Mr. Pam als einzige Frau im schwulen Pornobusiness in San Francisco dreht, zeigen erfolgreich Sex mit Kontext und Gefühl sowie bewusst nicht (!) als Leistungssport.

Die dabei entstandene neue Kategorie von Pornos ist eine willkommene Ergänzung zum vorhandenen Angebot. Denn natürlich können sich auch Schwule daran erfreuen. Auf alle Fälle zeigen die CockyBoy-Filme eine neue Art von „gefühlsechtem“ Sex, der zu dem passt, was die meisten Jugendlichen in Umfragen sagen. Sie sind zwar dank Internet schon in jungen Jahren extrem aufgeklärt über Sexualpraktiken, wünschten sich aber trotzdem vor allem Liebe, Gefühl und Geborgenheit. Romantischer Porno versucht den Brückenschlag und präsentiert eine perfekt inszenierte Utopie, wo beides zusammenkommt. Dabei sind CockyBoy-Darsteller wie Tayte Hanson und Kollegen auch ein neuer Typ Sexarbeiter. Wer mit ihnen Zeit verbringen darf – so wie ich neulich, als sie eine Woche in unserer Ausstellung „Porn That Way“ zu Gast waren und im Museum fünf Tage filmten – merkt schnell, dass es bei ihnen um mehr geht als um Fitness, Muskelaufbau, Erektionsspritzen, Abkassieren und zurück zur Freundin. Auch wenn sie, rein optisch, teils an die Stars der 70er-Jahre-Filme erinnern, stehen sie sehr anders als ihre prominenten Vorgänger in der heutigen Gesellschaft. Sie sind Fürsprecher für einen neuen sexuellen Umgang miteinander, der anrührend und anturnend zugleich sein kann, auch für den Zuschauer. Egal ob Hetero oder Homo. 

Kevin Clarke

© pictures by cockyboys.com

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