Fünf Jahre nach Erscheinen ihres letzten Albums haben „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ nun versucht, ihre Spätpubertät hinter sich zu lassen und sich selbst zu therapieren. Sie verstehen sich weniger als Band, sondern mehr als Selbsthilfegruppe oder auch psychosoziales Experiment. Die neue Platte „Bitchlifecrisis“ ist raus und wir quatschen mit Lead-Sängerin Lulu Fuckface. 

Beschreibt euch mal mit eigenen Worten. Wer seid ihr als Band?

Lulu: Das ist echt schwierig, wir sind ja sehr viele Leute. Wobei nicht mehr so viele wie vorher. Anfangs waren wir sechzehn Mädchen. Das war der Horror, nicht nur für uns persönlich, sondern auch für alle, die mit uns zu tun hatten. Was wir alle immer gemeinsam haben, ist der Punk-Einfluss. Ich mag am liebsten 70er-Jahre Punk. Wir wollen Musik machen, die uns Spaß macht, wenn wir damit auftreten. Keiner von uns beherrscht ein Instrument, aber dafür gibt es ja Programme wie Garage-Band. Die Beats machen auch andere Kollegen. 

Wenn man sich neue Songs, wie etwa „Ok Ciao“ anhört, machen die Angst, sie machen traurig, aber man will auch lachen und dazu tanzen. Wie schafft ihr es, diese Mischung hinzubekommen?

Lulu: Naja, genauso ist ja das Leben. Das muss man aushalten. 

Vor fünf Jahren habt ihr noch von „Ich und mein Pony“ und „Ich brauch keine Wohnung“ gesungen. Der Style war sehr verspielt und rebellenhaft. Die neuen Texte sind viel schärfer und härter …

Lulu: Naja, wir sind ja auch älter geworden, ich bin nicht mehr so naiv-doof wie früher. Es war eine schöne Zeit, aber das kann man ja nicht ewig durchziehen, vor allem nicht in einer Stadt wie Berlin. Wenn man sich mal intensiv mit der Welt auseinandersetzt, kann man auch nicht nur so Halli-Galli-Mucke machen. Irgendwie muss bei mir auch der Frust raus.

Das ganze Hartz-IV-System ist ja schon mal richtig beschissen. In dem Song geht es aber eher darum, wie Antragsteller behandelt werden.

Das Lied „Jobcentervotzen“ ist schon sehr provokant.

Lulu: Das ganze Hartz-IV-System ist ja schon mal richtig beschissen. In dem Song geht es aber eher darum, wie Antragsteller behandelt werden. Niemand kann mir erzählen, dass irgendwer gerne Hartz-IV beantragt. Man kann damit nichts machen, es demotiviert die Menschen und man muss sich dort auch noch rechtfertigen, dass einem die Leistungen überhaupt zustehen. Das finde ich halt schwierig. Ich sage damit auch nicht, dass alle, die im Jobcenter arbeiten, Votzen sind. Aber es gibt eben welche, ich selbst habe da schlechte Erfahrungen gemacht.

Das Problem sehe ich in erster Linie in der Bildung und dass keiner mit den Leuten redet, die so eine politische Haltung einnehmen.

Ich finde das Lied cool und es gibt jetzt auch nicht mehr viele Music-Acts, die so rebellisch sind wie ihr, oder? 

Lulu: Ich kenne einige, aber das liegt vielleicht an der Musik, die ich höre. Es wird auch immer wichtiger, dass man sich wehrt. Die AfD wird immer stärker. Etwa der Song „Die Dunkelheit darf niemals siegen“ von der Band Frittenbude ist ein genialer Rundumschlag. Ich lebe in Lichtenberg, bin also auch nicht Teil der „Kreuzberger Künstler-Cool-Bubble“, wo es mehr auffällt, wenn die marschieren gehen. Im Freundeskreis habe ich jetzt keine rechten Vertreter, aber ich sehe die Leute überall und bekomme den Rechtstrend live mit. Das Problem sehe ich in erster Linie in der Bildung und dass keiner mit den Leuten redet, die so eine politische Haltung einnehmen. Richtige Aufklärungsarbeit, in einem vernünftigen Ton, bei der man den Menschen auch zuhört, wird nicht angeboten. Mich beschäftigt das sehr.

Wer sich nicht ernst genommen fühlt in unserer Gesellschaft driftet auch eher ins Extreme ab, egal ob links oder rechts. 

Lulu: Egal ob es AfD oder NPD ist, das sind Rattenfänger. Die wissen genau, wo sie ansetzen müssen, um sich ihre Leute zu holen. Es ist ekelhaft, aber schlau. Bei den anderen Parteien hapert es leider, sich mit den Leuten hinzusetzen und sich die Probleme wirklich anzuhören. Manchmal reicht es ja, sich bei jemandem auskotzen zu können. Das macht die AfD sehr gut. 

Quarterlife-Crisis ist kein schönes Wort, wir finden “Bitchlifecrisis” einfach besser.

Zurück zur neuen Platte. Bitchlifecrisis, warum dieses Wort?

Lulu: Na wir haben den ganzen Party-Lifestyle mal so in Frage gestellt, und wie gesagt, man wird ja älter. Aber Quarterlife-Crisis ist kein schönes Wort, wir finden Bitchlifecrisis einfach besser.

Was beschäftigt dich im Moment besonders?

Lulu: Ich frage mich, wann es endlich wieder Sommer wird. Und ich kümmere mich gerade viel um verletzte Tauben, die nicht mehr fliegen können. Die haben einfach keine Lobby und sie sind wirklich die gebumsten Tiere in unserer Gesellschaft. Alle hassen sie, überall gibt es Fütterungsverbote. Das widerspricht allem, woran ich glaube.

Wenn man überlegt, wie Menschen mit Tieren umgehen …

Lulu: Generell ist das Verhältnis zwischen Mensch und Tier einfach ekelhaft. Ich esse mittlerweile auch kein Fleisch mehr.

Man kann die Welt immer nur ein kleines bisschen verändern!

Lulu: Richtig, und ich bin auch dabei! 

Bitchlifecrisis – Tour

19.03.2019 Wiesbaden,Schlachthof

20.03.2019 Köln, Museum

21.03.2019 Hamburg, Hafenklang

22.03.2019 Dresden, GrooveStation

24.03.2019 Berlin, Cassiopeia

29.03.2019 Lüneburg, Salon Hansen

30.03.2019 Weinheim, Cafe Central

05.04.2019 Chemnitz, Atomino

06.04.2019 Rostock, Peter Weiss Haus

12.04.2019 München, Backstage Club

13.04.2019 Stuttgart, Kellerklub

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