Berlin ist gefragt – so kurz und knapp lässt sich das generelle Verhältnis zur deutschen Hauptstadt zusammenfassen. Jahr für Jahr besuchen immer mehr Menschen Berlin und die Berliner Übernachtungsbetriebe feiern einen Rekord nach dem anderen.

Etwas weniger als 14 Millionen Menschen besuchten zuletzt innerhalb von einem Jahr die Metropole an der Spree – ein Viertel aller Touristen aus aller Welt kommen nur deswegen, um das Berliner Club-Leben einmal live zu erleben, so die aktuellen Zahlen einer Statistik der Berliner Club-Kommission. Club-Touristen bescheren Berlin Umsätze von rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Rekorde und gute Gewinne – also alles gut? Klar ist, dass die Clubszene seit dem Mauerfall einer ständigen Veränderung unterliegt. Berlin ist die Stadt der temporären Clubs. Nach der Wende standen im ehemaligen Ostgebiet viele Fabrikhallen leer. Sie eigneten sich perfekt dazu, große Partys zu veranstalten. Von diesem Mythos lebt die Stadt bis heute.

Einer, der seit über zwanzig Jahren eine feste Größe in der Clubszene ist, ist DJ Tiasz. Für ihn hat der Mythos in den letzten Jahren deutliche Risse bekommen: „Ich bin früher ein echtes Partytier gewesen. Ich sehe heute keinen Anlass mehr, am Wochenende noch vor die Tür zu gehen. Früher war es ein völlig entspanntes, freies Leben und heute trifft man sich ja nicht mehr, man hat ja alle Kontakte auf dem Smartphone. Das persönliche Miteinander ist komplett weg. Aber genau davon hat die Szene früher gelebt. Es war völlig egal, wer du bist, wo du herkommst, was du machst, wieviel Geld du verdienst. Das fehlt so sehr!

DJ Tiasz

Auch Kollegin DJane Fixie Fate, eine der wenigen, aber berühmten Drag-Queen-DJs, spürt diese Veränderung innerhalb der schwulen Party-Community ganz deutlich: „Früher ist man feiern gegangen und es war ein Sehen und Gesehen werden. Heute wollen alle so besonders einzigartig sein und tragen trotzdem alle schwarz und gehen schließlich in der Masse unter. Die Welt wird immer kälter und man hängt nur noch alleine vor dem Smartphone ab. Viele kennen einfach keine Empathie mehr.

DJane Fixie Fate

Diese Erfahrungen machte auch DJ Tiasz:

“Der Grundton in Berlin ist dunkelgrau bis schwarz. Allein das ist schon ein Zeichen von wenig Lebensfreude. Früher hatte man Sonnenblumen im Haar, grüne Röcke an, Plastikwesten und trug hohe Schuhe. Die ganze Euphorie, die Musik einmal gebracht hat, die ist nicht mehr da. Mir tun die Kids heute leid, sie stolpern identitätslos durch die Nacht.“

Keiner muss mehr auf eine Party, nur um mit Freunden in Kontakt zu treten oder andere Kerle kennenzulernen – das funktioniert inzwischen alles online, wie auch Partyveranstalter Bork Melms (Propaganda Party) bestätigt: „Früher gab es in einem Stadtteil fünf Clubs, heute gibt es vielleicht noch zwei. Es gibt also definitiv ein Clubsterben, aber man muss schauen, worauf dies beruht. Da sind die Gründe vielfältig, manche sterben ja auch einfach wegen Überalterung.“ Und weiter sagt Melms:

„Es gibt viele tolle Ideen in Berlin, die vielleicht nicht sofort die Masse anziehen. Dafür aber viel Kreativität und künstlerischer Anspruch haben. Es ist dabei immer eine sehr schwierige Angelegenheit, dass es sich für den Club und den Partyveranstalter noch rechnet.“

Bork Melms

Nicht nur, dass es weniger Clubs werden. Die, die noch da sind, werden immer öfter aus dem Schöneberger Kiez verdrängt, was Partyurgestein Chantal (House of Shame) am meisten ärgert:

„Wo gestern noch ein Club war, ist heute schon ein H&M. Ich hoffe wirklich, dass es in einigen Jahren überhaupt noch Clubs innerhalb des S-Bahn-Ringes gibt. Das ist ein Verlust für den Kiez, für die ganze Stadt! Es kommt doch kein Tourist mehr in die Stadt, nur weil wir einen noch schöneren H&M haben!“

Chantal / House of Shame / Credit Foto: Luis Miguelez

DJ Tiasz sieht das ganz ähnlich: „Berlin ist heute nicht mehr die Stadt, in der man lebt, sondern in der man arbeitet.“ Nicht ganz so streng sieht das Partyveranstalter Melms, auch wenn er sich mehr Clubleben im Kiez wünschen würde: “Wir haben noch einen gut funktionierenden queeren Kiez. Die Szene ist aber inzwischen in vielen Teilen von Berlin beheimatet, es gibt ja auch noch Kreuzberg oder Friedrichshain. Überall entstehen kleine Ballungsräume. Es ist vermessen zu sagen, alle müssen nach Schöneberg.“

DJane Fixie ärgert sich dabei besonders über den Grund, warum viele Clubs außerhalb von Schöneberg eine neue Heimat suchen müssen:

„Die Stadt wird aufgekauft von Großkonzernen, die alles zupflastern mit ihren Büroräumen und praktisch schon ihre eigenen, kleinen Städte errichten. Die Profitgier ist allgegenwärtig. Künstler haben immer weniger Space, sich überhaupt noch auszuleben!“

Neben dem Verdrängen der Clubs sei es aber oftmals auch die Bürokratie, die das Sterben vieler Partylocations weiter vorantreibt. Sicherlich braucht es gewisse Auflagen und Sicherheitsvorkehrungen, doch viele Partymacher sehen sich von der aktuellen politischen Agenda gegängelt:

„Die Clubs sind mit Auflagen und Zahlungen derart belastet, dass man es sich kaum noch leisten kann. Als Clubbetreiber genauso wie als Gast. Wenn du schon 20.- Euro Eintritt zahlen musst und dann kostet ein Gin-Tonic 8.- Euro. Wie soll das gehen? Selbst das Berghain hat an verschiedenen Abenden seine Probleme, den Laden vollzukriegen“, so DJ Tiasz weiter.

Den Laden vollzukriegen, sei aber nicht nur ein Problem, weil Preise und Vorschriften die Sachlage erschweren, sondern auch, weil sich trotz des Wegfalls einiger Clubs die schwule Szene immer mehr in kleinste Interessengruppen verästelt. Bork Melms dazu:

„Für all die Interessen gibt es heute einzelne Anbieter, man bündelt das nicht, sondern man trennt das eher. Dieses Individualisierende ist im Zentrum des Wandels. Wir erleben heute eine Generation, die sehr Ich-orientiert ist. Ich vermisse die ganz großen Partys; dort hat man erst einmal die Mannigfaltigkeit unserer Szene gesehen – und unsere Szene ist nach wie vor toll!“

Diese Mischung innerhalb der Gay-Community fehlt auch Chantal sehr: „Irgendwann fing es an mit den ganzen Schubladen. Früher war das Publikum einfach gemischter. Da tanzten Skin-Heads neben Schwulen. Heutzutage gibt das nur noch Stress.“

Ein weiterer Aspekt ist das Ausgehverhalten der Partyfreunde generell – die meisten Gäste bleiben nur noch kurze Zeit bei den Veranstaltungen, danach geht es weiter zur After-Hour oder zur nächsten Sexparty. Dazu hat sich auch der Anspruch der Partygänger immer weiter gesteigert. In Punkto Location und Angebot vor Ort müssen sich die Partyveranstalter stets etwas Neues einfallen lassen. Es braucht ein feines Gespür dafür, damit eine Idee heute noch aufgehen kann. Bork Melms:

„Es muss immer die Party zum Club passen und der Club zur Party. Wenn diese Synergie nicht da ist, dann funktioniert selbst ein gutes Konzept nicht.“

Eine mit der Gesamtsituation untrennbar verbundene Tatsache ist der Drogenkonsum innerhalb der schwulen Club-Community. Damals wie heute sind diverse Substanzen ein fester Bestandteil für viele Partygänger. Was sich allerdings geändert zu haben scheint, ist der Grund dahinter: Während vor zehn Jahren Drogen das Erleben einer Party und das Gemeinschaftsgefühl stärken sollten, scheinen heute Drogen konsumiert zu werden, um überhaupt den Mut zu finden, sich innerhalb der Szene zu zeigen. DJane Fixie dazu:

“Früher gab es halt nur Ecstasy und heute ballert man sich ja direkt ab. Das ist echt nicht mehr schön. Es gibt keine Party im sexpositiven Bereich mehr, wo nicht auch viele Ketamin-Junkies herumhängen.“

Und selbst hier bleibt das gemeinsame Gefühl auf der Strecke, die selbstgewählte Isolierung durch die modernen Medien spiegelt sich auch beim Drogenkonsum der schwulen Partygänger wider. DJ Tiasz:

„Keiner fühlt mehr diese Wärme untereinander, sie sind nur noch dicht, rennen durch die Nacht und sind verzweifelt auf der Suche nach etwas, das sie sowieso nicht finden. Schlussendlich gehen sie wieder gefrustet nach Hause. Wenn der eine auf Koks ist und der andere auf seiner Pille, und der Nächste ist auf Speed und der Vierte dann auf Ketamin – wie sollen die vier sich bitte miteinander unterhalten? Das kann gar nicht funktionieren.“

Ob der Drogenkonsum innerhalb der schwulen Community zugenommen oder gleichgeblieben ist, ist ein strittiger Punkt, klar ist aber für alle, dass die Gründe für den Konsum heute andere sind.

Und der Sex?

Eindeutig steht der in der Gay-Clubszene im Mittelpunkt. DJane Fixie: “Vor zehn Jahren ging man auf die Party, man hat etwas getrunken und wenn man vielleicht mal jemanden gefunden hat, dann ist man mit dem kurz auf die Toilette oder nach Hause gegangen. Heute haben ja fast alle Partys einen Darkroom.“ Diese andere Realität sieht auch Veranstalter Bork Melms so: „Ein achtzehnjähriger Kerl hat heute ja schon beinahe alles durch im Programm, das war früher den ab Dreißigjährigen vorbehalten.“

DJ Tiasz freut sich dagegen schon, wenn es auf einer Party nicht nur noch um Sex geht:

„In der schwulen Szene ist Musik doch meistens nur noch Beiwerk für Sex. Ich habe manchmal das Gefühl, wenn ich auflege, könnte ich jetzt eigentlich auch eine CD abspielen, das würde keinem auffallen.“

Entspannter sieht das Chantal:

„Wenn Musik wirklich nur noch Nebensache wäre, bräuchte ich ja gar keinen DJ mehr, sondern müsste nur noch den Darkroom vergrößern. Die Meisten tanzen aber noch! Außerdem, wo Schwule zusammenkommen, geht es doch immer um Sex! Ob das jetzt ne Techno-Party ist oder nicht, ist egal – die ficken auch zu Marianne Rosenberg oder einem Bolero.“

Gerade das Image von Sex ist dabei etwas, von dem die Stadt und die Partyszene bis heute leben, so DJane Fixie: „Viele Uber-Fahrer erzählen mir, sie würden auch gerne mal in den Kit-Kat-Club. Für die Heteros ist das immer noch etwas sehr Verruchtes. Wenn ich denen dann erzähle, was die alles ausziehen müssten, dann bekommen sie es mit der Angst zu tun.“

Irgendwann kann selbst der Sex auf den Partys zur Routine werden, wie die gut gebuchte DJ-Drag-Queen weiter verrät:

„Ich weiß noch, als ich auf der ersten Sexparty aufgelegt habe. Du sitzt dann im Backstage neben den ganzen Porno-Darstellern, die sich alle hochwichsen, das ist anfangs schon strange. Heute ist das normal. Man guckt hin und denkt sich: Ach, schau einmal, der spritzt sich jetzt was in den Penis rein.“

Propaganda-Mastermind Melms verteidigt die Partys ebenso, denn bei näherer Betrachtung geht es um mehr als nur Sex:

„Um den täglichen Wahnsinn loslassen zu können, sind Partys schon eine gute Möglichkeit. Es geht immer darum, sich mit anderen Menschen zu treffen und auszutauschen – selbst bei einer Sexparty!“

Die Clubszene in der Gay-Community hat sich also verändert: Clubs sterben, andere kommen dazu, neue Locations entstehen, Sex steht mehr im Vordergrund, das „Wir“ wurde oftmals durch ein „Ich“ ersetzt. DJ Tiasz: „Man lebt nicht mehr in diesem Club, man lebt die Szene und die Musik auch nicht mehr! Früher bist du hingegangen, um dir dein Hirn freihämmern zu lassen mit dem Techno im Nebel im Blitzlichtgewitter. Heute kommen Menschen zu mir, die sagen, die Musik ist zu laut, sie hätten gerne Ohrstöpsel.“

Unsere Sichtweise auf unsere Clubs mag sich geändert haben, trotzdem bieten die bestehenden Partys noch heute eine Menge für Jungs und Männer – man muss sie nur wahrnehmen wollen: Melms dazu:

„Unsere Szene ist schon besonders und wir haben ganz viele Facetten, die es in anderen Städten so nicht gibt, wir haben ein besonderes, freies Umfeld. Wir dürfen in Berlin schon ein wenig machen, was wir wollen, ohne gleich angezählt zu werden.“

Auch Drag-Queen Fixie sieht das so:

„Es ist nirgends so wie in Berlin. Die meisten Clubs in Deutschland machen irgendwann um fünf Uhr morgens zu, hier in Berlin kannst du noch immer tagelang durchfeiern. Berlin ist immer noch das Nonplusultra. Wenn wir über das Clubsterben sprechen, ist das also auch Jammern auf sehr hohem Niveau.“

Das Partyleben in Berlin ist wichtig und vielleicht tun wir gut daran, es mit etwas mehr Leidenschaft und Respekt zu behandeln. Selbstverständlich ist es nicht. Chantal weiter: „Wenn du zu Hause bleibst, lernst du niemanden kennen. Bei H&M lernst du auch keine Leute kennen. Ich habe alle meine Männer immer auf Partys kennengelernt. In der Kirche mit Sicherheit nicht. Aber: Ich würde mir etwas mehr Solidarität untereinander wünschen.“

Solidarität – da sind sich alle einig – ist ein wichtiger Punkt, der fehlt. Und ein zentraler Aspekt, der die Clubszene und die Gay-Community gestärkt in die Zukunft tragen kann. Bork Melms würde sich über ein gemeinsames Großprojekt freuen, ein Signal, das von der Hauptstadt ausgeht: “Ich würde mir wünschen, dass es mehr Miteinander in der schwulen Community gibt. Ich wäre dafür, dass die Partyveranstalter alle zusammen eine gigantische Party machen, ein Event, das weltweit die Nummer Eins wäre. Berlin könnte das!

Dieses Miteinander ist keine Utopie, es scheint auch für DJ Tiasz mit etwas gutem Willen machbar: “Hier muss wieder viel mehr alternative Szene rein! Weniger Regeln, mehr Lebensfreude. Dieses Freiheitsgefühl, das Berlin einmal vermittelt hat, da sollten wir wieder hin. Man sollte sich in Berlin weniger darüber aufregen, was der Andere tut, sondern leben und leben lassen. Man ist hier einfach in Berlin, die Stadt ist voll, hier gibt es alles und dementsprechend muss man das eine wie das andere akzeptieren und tolerant sein.“ Und weiter meint er:

Erst wenn man selbst anfängt, andere zu akzeptieren, wird man auch von anderen akzeptiert. Ich will nicht, dass an jeder Ecke ein Polizist steht, der mich auseinandernimmt. Das ist auch nicht Berlin. Das ist München. Und da wollen wir nicht hin. Wenn sich dann diese Seelen in der Nacht treffen, gibt es auch endlich wieder ein munteres und fröhlicheres Miteinander.“

Das kann wirklich gelingen – Fixie ist sich da auch sicher:

„Wir werden wieder mehr zusammenstehen und auch Parteien wie der AFD die Stirn bieten. Man muss einfach sagen, wenn es wirklich im Argen liegt, dann halten wir auch definitiv zusammen. Wir müssen nur mehr aufeinander Acht geben. Wenn in einem Club einer gerade abkackt, dann kann man durchaus mal hingehen und fragen, ob man helfen kann. Diese Ellbogen-Mentalität in der Szene muss wieder weniger werden!“

Über fünf Millionen Besucher kommen jedes Jahr aus dem Ausland in die Hauptstadt. Sie träumen von diesem besonderen Bild von Berlin. Und sie schätzen vor allem die Offenheit in der Stadt, wie die Studie der Club-Kommission belegt. Diese Offenheit, diese Einmaligkeit – sie lebt noch heute in Berlin. Gerade in unserer schwulen Gay-Community.

Wir müssen diese Besonderheit bewahren, ohne sentimental in die Vergangenheit zu blicken. Oder wie sagt es Chantal so schön: „Früher, früher, früher. Ach, früher gab´s halt mehr früher.“ Diese Stadt, ihre Einwohner und gerade die schwule Community hat immer wieder bewiesen, dass sie diese einzigartige Lebensfreude stolz in die Welt tragen können – wir dürfen das nicht vergessen. Niemals. DJ Tiasz bringt es abschließend auf den Punkt:

„Die Partys, das ist der Puls der Stadt. Wenn der irgendwann nicht mehr schlägt, dann ist Berlin nur noch ein Ort wie viele andere – eine kalte, zubetonierte Millionenstadt.“

Lust auf mehr Party? Wie wäre es hiermit:

LET´S HAVE A PARTY – 20 JAHRE MR.B!

Was denkst du darüber?