Kontrovers, gradlinig und immer einen Schritt voraus: Nina Queer ist die ewig angefeindete, unbestrittene Königin des schwulen Nachtlebens. Wenn sie etwas auf Facebook postet, meckern sogar Mainstream-Presse-Darlings mit wie Johannes Kram, Autor des Nollendorfblogs, um sich im Schutz ihrer Aussagen zu heißen Themen zu äußern. Wie etwa der Frage: Wie gehen wir damit um, dass immer mehr Menschen nach Deutschland ziehen, die unsere freizügige Kultur nicht akzeptieren wollen? Als geborene Österreicherin hält Frau Queer nicht viel vom deutschen Maulkorbzwang. Und außer gut blasen – wie man hört – kann sie mit ihrem Mund vor allem eines: ihre Meinung sagen!

Du bist Veranstaltungsgenie, Performance Künstler, Autorin, Radiomoderatorin, Synchron-Sprecherin und Geschäftsfrau. Wie geht das? Wenn man seinen Job liebt, ist das alles ganz einfach. Und ich habe ja all meine Hobbys und alles, was ich liebe, zu meinem Beruf gemacht. Klar, man muss ein bisschen Talent im Zeitmanagement mitbringen. Tatsächlich bleibt wenig Zeit für Beziehungen oder Freunde. Wenn ich nachts auf den Partys in die glücklichen Gesichter meiner Gäste schaue, bin aber sehr zufrieden und bereue nichts. Am Ende muss man einfach immer kreativ bleiben und sich ständig neu erfinden. Nach über 15 Jahren im Geschäft sprudeln die Ideen wie noch nie zuvor. Das hat bestimmt mit meinem guten Lebenszustand zu tun. Ich habe seit einigen Jahren das Gefühl, angekommen zu sein. Früher habe ich Geistern nachgejagt, von denen ich heute weiß, dass es sie gar nicht gab.

Ist schon blöd, wenn
man sein Publikum und seine Freunde anlügen muss. Macht ein ganz beschissenes Karma.

Wie siehst du dich im Kontext zu anderen Szenegrößen? Was bringst du rein, was andere nicht haben. Tut mir leid, aber in Berlin gibt es nach mir ja erst einmal lange nichts. Logisch, es mag die eine oder andere geben, die schöner oder talentierter ist als ich. Aber so ein Gesamtpaket wie mich gibt es nicht noch einmal. Während es sich bei den anderen „Szenegrößen“ um Inselbegabungen handelt, bin ich in all meinen Bereichen sehr gut und überaus erfolgreich. Zudem bin ich die einzige Berliner Drag Queen, die national und international erfolgreich ist. Jetzt kann man natürlich sagen: „Die Alte gibt aber mächtig an.“ In keinster Weise. Man braucht nur meinen Wikipedia-Eintrag lesen – in dem übrigens nur zehn Prozent meines Schaffens angeführt wird – und man ist völlig im Bilde. Letztlich ist es eben genau der Erfolg, der mir recht gibt. Wenn ich daran denke, welche verlausten Kreaturen hier in Berlin herum krauchen und sich Drag Queen nennen, da wird mir schlecht. Der Dreck steht in ihren alten Perücken und sie stinken am ganzen Körper nach altem Mann. Ungepflegte Bärte und Schnäuzer zeugen davon, dass sie sogar zu faul sind, sich zu rasieren. Und wenn die im Gesicht schon so aussehen, möchte man gar nicht erst wissen, wie es untenrum ist. Die meisten sind hoch verschuldet und können gar nicht von ihrer Arbeit leben, geben auf Partys aber vor, erfolgreich und glamourös zu sein. Ist schon blöd, wenn man sein Publikum und seine Freunde anlügen muss. Macht ein ganz beschissenes Karma.

Was nervt dich persönlich an der Szene? Mich nervt, dass meine selbsternannten Konkurrentinnen ständig schlecht über mich schreiben oder reden. Nicht, dass ich es lesen würde, aber meine Fans erzählen mir auf meinen Partys davon. Sie sind genau wie ich abgeschreckt von so einem Verhalten und fragen sich: Was soll das? Am Ende bringen sich diese neidischen Kühe selbst in Misskredit. Die Leute fragen sich, woher die ganze schlechte Laune kommt. Anstatt an ihren eigenen Karrieren zu arbeiten, schauen sie auf mich und kritisieren mein gesamtes Werk. Das bringt sie doch nicht weiter. Es ist doch traurig am Ende seines Lebens sagen zu müssen: „Ich hab der doofen Nina Queer ihr ganzes Leben lang bösartig zugeschaut und ihr nichts gegönnt. Leider habe ich es selbst nie zu etwas gebracht.“ Wer hart arbeitet, der hat gar keine Zeit, sich um die Konkurrenz zu kümmern. Ich bin 48 Stunden pro Tag mit meinen Projekten und mir selbst beschäftigt. In meinem Fokus befinden sich nur die wichtigen Dinge im Leben – und irgendwelche Mehringdamm-Stars gehören nun wirklich nicht dazu.

Schwule Männer sind
die Kraft, die mich antreibt und die Typen die mich am Leben erhalten. GAYS FIRST! Da bin ich fast wie Trump.

Die Berliner Partyszene: War früher alles besser? Nein. Überhaupt nicht. Man denke doch bitte an grauenhafte Partys wie „Propaganda“ oder die „Cocker Party“. Furchtbare Veranstaltungen, auf denen ich damals auch noch aufgetreten bin. Heute würde ich mich dafür schämen. Das Einzige, was ich vermisse, ist, dass früher Heteros und Homos mehr und besser zusammen gefeiert haben. Ansonsten hat sich die Partyszene bestens entwickelt. Es gibt unglaublich viele unterschiedliche Stile und jeder hat seine Lobby. Berlin hat so viele Schwulenpartys wie noch nie zu vor. Manchmal sind es drei oder vier richtig große Partys pro Wochenende. Das ist doch für das Publikum eine gigantische Auswahl und für mich als Veranstalterin natürlich jede Menge Konkurrenz. Anstatt sauer darüber zu sein, freue ich mich aber. So schläft man nämlich nie ein und versucht immer, ein kleines bisschen besser zu sein oder zu werden als alle anderen. Bisher ist mir das immer gut gelungen und meine Gäste danken es mir.

Hand aufs Herz: Schwule Männer sind… die Kraft, die mich antreibt und die Typen, die mich am Leben erhalten. GAYS FIRST! Da bin ich fast wie Trump.

Wenn du dir einen Mann backen könntest, was käme dabei raus? Ein zwei Meter großer, blonder Rechtsanwalt mit Mega-Schwanz und eigener Wohnung.

Wenn du eine Person auf der Welt töten könntest, ohne dafür bestraft zu werden, wer wäre das? Als Pazifistin könnte ich niemals einem Menschen das Leben nehmen. Für mich ist Gewalt das Allerletzte. Jemanden umzubringen oder auch nur weh zu tun, könnte ich nicht. Kein Mensch sollte das Recht haben, über das Leben oder den Tod eines anderen Menschen zu entscheiden.

Gefälligkeit ist wie Parfum auf Scheiße zu sprühen. Es mag vielleicht nicht mehr danach riechen, ist aber immer noch Scheiße.

Fühlst du dich als das queere Aushängeschild Berlins überhaupt sicher? Natürlich fühle ich mich nicht sicher. Ich wohne schließlich am U-Bahnhof Eberswalder Straße. Was früher ein Eldorado für schwangere Frauen und gut situierte Schwule war, ist seit etwa zwei Jahren ein Kriegsschauplatz: Messerstechereien, Bandenkriege, Diebstähle und Homophopie in einem noch nie gesehenen Ausmaß haben absolute Überhand genommen. Man wird von Menschen, die sich nicht in unsere Kultur einfügen wollen, bespuckt, beschimpft oder gar geschlagen. In meinem Hauseingang wird mit schrecklichen Drogen gedealt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Im Schöneberger Kiez soll es wohl noch schlimmer zugehen. Ob Aushängeschild oder nicht, jeder von uns hat das Recht auf Frieden und auf die völlige Freiheit, sein Leben so zu leben, wie es ihm gefällt. Wer damit nicht klar kommt, kann ja auswandern. Das Problem ist aber, dass diese Idioten bleiben wollen und wir ihrer Meinung nach gehen sollten, weil unsere Lebensweise ja sündig und unwert ist.

Die meisten Leute haben Angst vor dir. Hat Nina Queer auch eine weiche Seite? Das sehe ich nicht so. Wer mich kennt oder sich ernsthaft mit mir auseinander setzt, der hat auch keine Angst vor mir. Ganz im Gegenteil.

Ich bin jemand, der einfach die Wahrheit sagt, auch wenn sie weh tut. Ich denke, es gibt einfach viel zu viele Menschen, die Angst vor der Wahrheit haben und lieber belogen werden wollen. Das war aber noch nie mein Stil. Da bleibe ich mir auch selbst treu. Lügner, Hetzer und Betrüger mögen auf Kurz- und Mittelstrecke mithalten können. Die Langstrecke gewinnt man nur mit Ehrlichkeit und Wahrheit. Eine echte Königsdisziplin. Gefälligkeit ist wie Parfum auf Scheiße zu sprühen. Es mag vielleicht nicht mehr danach riechen, ist aber immer noch Scheisse.

Wenn morgen die Welt untergeht, wie verbringst du deine letzten Stunden? Besoffen im Drogenrausch mit einem fetten Schwanz in meinem Mund, einem in meinem Arsch, einem in meiner rechten und einem in meiner linken Hand.

Interview: Torsten Schwick

www.ninaqueer.com

 

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